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Visions du RéelDer offizielle Vandalismus von Zürich

«Nemesis» von Thomas Imbach dokumentiert den Abbruch des historischen Güterbahnhofs. Vorerst ist der Film im Netz zu sehen, wie fast das gesamte Programm des Dokumentarfilmfestivals.

Der Abbruch des Güterbahnhofs in Aussersihl-Hard in Zürich begann 2013.
Der Abbruch des Güterbahnhofs in Aussersihl-Hard in Zürich begann 2013.
Thomas Imbach

Was knabbert da an der Backsteinwand? Es ist der Abbruchbagger, es sieht aus, als beisse er in einen grossen Butterkeks. Jetzt wird eine Gusseisensäule geknickt, nun kommen schon die grauen Duplo-Steine, sie werden ineinandergesteckt für das neue Polizei- und Justizzentrum in Zürich, das unter anderem Platz bieten wird für die Polizeischule und bis zu 300 Untersuchungshäftlinge.

Als Regisseur Thomas Imbach zwischen 2013 und 2020 von seinem Atelier an der Hohlstrasse auf die gegenüberliegende Strassenseite schaute, bekam er einiges mit. In einer ersten Phase wurde auf dem Areal in Aussersihl-Hard der historische Güterbahnhof geschleift, was Imbach neben vielen anderen Zürchern und Zürcherinnen für einen offiziell genehmigten Akt von Vandalismus hält.

Irgendwann meint man, die Arbeiter auf der Baustelle zu kennen.
Irgendwann meint man, die Arbeiter auf der Baustelle zu kennen.
Foto: PD

Darauf folgte das Zeitalter des planierten Brachlands, ein Zustand, den diese Stadt nie lange aushält, sodass sich in der Leere zwingend irgendwann ein Street-Food-Festival ausbreitet. Dann die Ära der Grossbaustelle, wo die Errichtung des umstrittenen Polizeizentrums beginnt, dessen Bezug 2021 geplant ist.

Wer Freude hat an Drehbohrgeräten, befindet sich hier im richtigen Dokumentarfilm. Es tanzen die Kipper, es walzen die Walzen, der Schnitt springt, die Zeit wird gerafft oder läuft rückwärts. Das Sounddesign funktioniert wie eine Komposition, es verwandelt die Bauarbeit zuweilen in einen Roadrunner-Cartoon. Bruuuuum, quietsch! Und Pinkelpause.

Thomas Imbach hat 2011 mit «Day Is Done» schon einmal ein aus dem Atelier heraus gedrehtes persönliches Filmtagebuch vorgelegt, man kann sich also fragen, ob er überhaupt noch aus dem Haus geht. Anderseits steht er da oben wie ein Sniper mit der 35-mm-Kamera, er scannt das Blickfeld auf Intimes und Allgemeines, und manchmal muss er sich vorgekommen sein wie ein Spanner.

Sein «Nemesis» ist nicht einfach ein gefilmter Bericht fürs Sozialarchiv, sondern ein welthaltiges Porträt aus der Innenperspektive; bei Imbach gibts ja immer beides, die überraschende Bildkomposition und die dokumentarische Beobachtung. Jetzt ist es eine Beobachtung der Zeit, wie sie sich dehnt und zusammenzieht, wie etwas langsam stirbt oder einfach nur auf bessere Zeiten hofft.

Dazu erinnert sich der Regisseur aus dem Off an verstorbene Freunde wie Peter Liechti, und man hört Fluchtgeschichten von Menschen, die im Gefängnis in der Schweiz auf ihre Ausschaffung warten. Ein Stück Stadtgeschichte weitet sich da zu einem politischen Essay über die nationale Obsession mit dem Verbergen; alles Unangenehme wird rückgebaut oder weggesperrt, und wenn noch etwas übrig ist an Fremdem und Auffälligem, wir es von der Zeit zurechtgeschliffen.

Dabei ist es wie mit den Arbeitern auf der Baustelle, man gewinnt sie irgendwann lieb, auch wenn das neue Gebäude gesichtslos bleibt. Die imaginären Kräfte sind in «Nemesis» immer da, man kann betonieren, wie man will. Es gibt Sabotageakte und Aneignungen von unten; einmal klettern zwei Verliebte auf einen Kran und legen sich auf den Zwischenboden, die Beine in den Himmel gestreckt.

Fast umfassende Online-Edition

«Nemesis» hätte seine Premiere diese Woche am Visions du Réel in Nyon haben sollen, das Dokumentarfilmfestival hat die Ausgabe nun kurzerhand ins Netz verlegt. Ist das nicht ein Affront für Regisseure? Thomas Imbach findet das nicht, er sieht das Gute an der Online-Ausgabe: «So können wir aus der Situation auch etwas lernen.»

Laut Festivaldirektorin Emilie Bujès sind von 97 Wettbewerbsfilmen nur zwei nicht Teil der Online-Ausgabe. Ein Beitrag habe nicht fertiggestellt werden können, ein anderer Regisseur wartet aufs nächste Festival. Die Filme laufen bis 2. Mai kostenlos auf der Festival-Website oder den Websites von RTS, SRF und RSI; in vielen Fällen begrenzt auf 500 virtuelle Plätze. Das Visions du Réel hat eine Hotline eingerichtet und veranstaltet zusätzliche Onlinedebatten.

Nicht ersetzen können wird man so das Gewusel des Festivals, wo sich herumspricht, was sich zu sehen lohnt, oder wo man in eine Vorführung mitgeht, ohne zu wissen, was einen erwartet. Dennoch ist beachtlich, dass Nyon eine fast umfassende Onlineausgabe zusammenstellen konnte, schliesslich finden zahlreiche Weltpremieren nun digital statt. «Wir mussten sehr schnell klären, was geeignete Formen der Zusammenarbeit sind», sagt Emilie Bujès. «Schwierig ist, dass das Team alles aus der Ferne neu entwickeln muss.»

Der Sicherheitsapparat von Zürich: Blick auf das neue Polizei- und Justizzentrum Anfang 2019.
Der Sicherheitsapparat von Zürich: Blick auf das neue Polizei- und Justizzentrum Anfang 2019.
Foto: Keystone

Eine Wiedereroberung

Auch im virtuellen Zuschauerraum ergeben sich Bezüge quer durchs Programm. In «An Unusual Summer» beispielsweise sehen wir Bilder aus einer Überwachungskamera, die der Vater des palästinensischen Regisseurs Kamal Aljafari auf den Vorplatz seines Hauses richtete, nachdem ihm ein Unbekannter dreimal hintereinander die Autofensterscheibe eingeworfen hatte.

Der staubige Parkplatz befindet sich in der Stadt Ramla in Israel, es entsteht das lakonische Porträt einer Nachbarschaft im Trott der Jahre. Sozusagen eine Wiedereroberung von besetztem Gelände, schliesslich stand hier früher einmal ein Garten mit einem Feigenbau, während das Quartier heute als «Ghetto» bezeichnet wird. Wie Thomas Imbach richtet Kamal Aljafari seinen eigenen kleinen Sicherheitsapparat auf die Welt vor dem Fenster. Aber was die beiden Regisseure mit ihren Kameras sichern, sind die Spuren des Lebens.

«Nemesis» und «An Unusual Summer» sind ab 25. April online zu sehen.