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Kopf des TagesDer «neugierige Schwamm» denkt über Corona nach

Jakob Augstein, linker Publizist, hat einen neuen Podcast – und findet sich in seiner Kritik an Corona-Restriktionen plötzlich aufseiten einiger Rechter.

Jakob Augstein: Der deutsche Journalist und Verleger stellt in seinem Corona-Podcast viele Vermutungen an.
Jakob Augstein: Der deutsche Journalist und Verleger stellt in seinem Corona-Podcast viele Vermutungen an.
 Harald Krichel (Wikimedia)

Man wird wohl noch zweifeln dürfen – vor diesem Hintergrund will Jakob Augstein sein aktuelles Projekt verstanden haben. Augstein, 52 Jahre alt, rechtlicher Sohn des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein und biologischer Sohn des Literaten Martin Walser, viel beachteter Publizist, Verleger und Chefredaktor der linken Wochenzeitung «Der Freitag», hat einen neuen Podcast.

In «The Curve – Leben in der Corona-Welt» unterhält sich Augstein mit dem konservativen Journalisten Jan Fleischhauer über den «Wahnsinn, der gerade passiert». Sie meinen Sars-CoV-2 und was dieses Virus mit der deutschen Gesellschaft anstellt.

«Mein grösstes Erstaunen: Wie lammartig die Leute die Massnahmen hinnehmen, die doch die grössten Einschränkungen unserer Freiheit sind», sagt Augstein zu Beginn der ersten Folge. Und Fleischhauer freut sich: «Lass uns doch mal gemeinsam wundern.»

Weder Experten noch Politiker

Damit ist die Sprecherposition bezogen, aus der heraus Augstein und Fleischhauer einander während der nächsten zwanzig Minuten zustimmen. Beide sind zweifelnde, die gesellschaftlichen Mechanismen hinterfragende Geister.

Und beide haben das Glück, keine Antworten liefern zu müssen, weil sie weder als Experten noch als Politiker auftreten. Augstein ist es ganz wohl als «allgemein interessierter, neugieriger Schwamm», als der er sich bezeichnet und seine Vermutungen anstellen darf.

Sein grösster Kritikpunkt: die Anzahl der Infizierten. Wie verlässlich sind die Zahlen, auf die sich die Regierung stützt? Von denen die gesamten Restriktionen abhängen? «Ich habe inzwischen das Gefühl, sie erzählen einem nicht alles. Man fühlt sich an der Nase herumgeführt», sagt Augstein.

«Sicherungen durchgebrannt»

An solchen Stellen klingt der Journalist, der jahrelang die «Spiegel»-Kolumne «Im Zweifel links» schrieb, wie ein Verschwörungstheoretiker. Ein Populist, der Vorschriften und falsche Rücksichten verabscheut. Oder wie Fleischhauer, der lange im «Spiegel» die Gegenkolumne «Der schwarze Kanal» verfasste.

Angela Merkel sei wie eine strenge Mutter, die ihren Kindern gar nichts zutraue, sagt Augstein in der zweiten Podcast-Folge. Auch bei gewissen linken Intellektuellen beschleicht ihn ein Unbehagen, weil diese vor allzu schnellen Lockerungen warnen würden. Sein Urteil: «Bei manchen sind die Sicherungen durchgebrannt.» Lobend äussert er sich über das Modell Schweden, das auf Freiwilligkeit und Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger setze.

Eher Kalkül als Verwunderung

Augstein erntet wegen solcher Äusserungen viel Kritik von linker und viel Zuspruch von rechter Seite. Das verwundere ihn, sagt er im Podcast: «Plötzlich finde ich mich in Allianzen wieder, in denen ich mich vorher auch noch nicht gefunden habe.»

Das ist wohl weniger Verwunderung als Kalkül. Augstein wiederholt im Grunde nur das, was er in seinen Texten schreibt. Und er hat recht, wenn er sagt, dass die Krise jene Menschen härter trifft, die es vor der Krise schon schwer hatten. Dass jene Personen bevorteilt würden, die einen Spielraum haben, flexible Arbeitszeiten, Geld für eine Nanny. Also Leute wie Augstein und Fleischhauer.

Zweifel ist ein wichtiger journalistischer Instinkt. Die Fragen, die sich daraus ergeben, müsste Augstein aber jenen stellen, die Antworten darauf haben. Und nicht Fleischhauer, der dasselbe zurückfragt.

4 Kommentare
    M. Kaiser

    Im ARD-Presseclub vom letzten Sonntag war u.a. auch Augstein zu Gast und hat sich da teilweise so wirr und auf Stammtischniveau zum Lockdown geäussert, dass man das Gefühl bekam, es ginge im hauptsächlich darum, sein Gesicht mal wieder in eine Kamera halten zu können.