Der neue Neuhaus

SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus bekam ein Update: Er politisiert jetzt emotionaler und mutiger. Trotzdem hat er sein Verwalter-Image nicht ablegen können.

Christoph Neuhaus im Schloss Nidau: Er führt mit dem Bieler Regierungsstatthalter Philippe Chételat ein Jahresgespräch.

Christoph Neuhaus im Schloss Nidau: Er führt mit dem Bieler Regierungsstatthalter Philippe Chételat ein Jahresgespräch. Bild: Franziska Rothenbühler

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Was ist bloss mit Christoph Neuhaus los? Dies fragten sich viele Grossrätinnen und Grossräte, als der SVP-Regierungsrat in der November-Session ungewohnt emotional wurde und Parlamentarier anschnaubte, die seine Kiespolitik kritisiert hatten: «Man kann es zwar immer wieder wiederholen, aber es wird nicht wahrer», schimpfte Neuhaus. Ausgerechnet er, der lange den Ruf hatte, ein unspektakulärer Verwalter zu sein, brach aus wie ein Vulkan – erstmals nach fast zehn Jahren im Regierungsrat.

Allerdings hatte sich der Ausbruch abgezeichnet. Neuhaus geriet in den letzten Jahren von allen Seiten unter Druck: Fahrende, Prämienverbilligungen, verdichtetes Bauen, illegales Bauen, Kirchen, Kesb und Kies. Überall in seiner Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) fing es an zu brennen. Los ging es im Frühjahr 2014, als Fahrende die Berner Allmend besetzten. Zuvor musste Neuhaus immer wieder erklären, was er überhaupt macht. Er selbst hatte die JGK als «Graue-Maus-Direktion» bezeichnet.

Evi Allemanns Lehrer

Für Neuhaus war es kein Nachteil, musste er lange auf seine Bewährungsprobe warten. Mit einem Schnellstart, wie ihn der neue SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg hinlegte, wäre Neuhaus wohl verheizt worden. Er kam als Quereinsteiger mit wenig Führungserfahrung in die Kantonsregierung. Zuvor war er Gemeinderat in Belp gewesen – aber nie Grossrat. Nach dem Universitätsabschluss hatte er als Handelslehrer, Wirtschaftsredaktor, Kantonsangestellter, Parteisekretär und Kommunikationschef gearbeitet. Dafür wusste Neuhaus, wie man Wahlen gewinnt. Sein Einzug in die Regierung im Jahr 2008 war ein Coup. Zuerst setzte er sich als wilder Kandidat parteiintern durch, danach hatte er keine Gegner mehr. Bei der Ersatzwahl war er der einzige Bewerber.

Erst in der laufenden Legislatur bekam man den Eindruck, dass Neuhaus so richtig im Regierungsrat angekommen ist. Mittlerweile sind nicht nur die Anforderungen an seine Person gestiegen, Neuhaus gehört seit Mitte 2016 auch der Regierungsmehrheit an. Jetzt muss er mehr Verantwortung übernehmen, nach den Wahlen wird er sogar der amtsälteste Regierungsrat sein. Seine künftige Kollegin, SP-Kandidatin Evi Allemann, hat er einst am Gymnasium in Köniz unterrichtet. Es wurde Zeit, dass er initiativer wird.

«Neuhaus ist kein Machertyp»

Das Update hat aber nicht einen komplett neuen Neuhaus hervorgebracht. Die grüne Grossrätin Natalie Imboden wirft ihm vor, er zeige immer noch zu wenig Gestaltungswillen und Herzblut für seinen Job. «Er ist kein Machertyp», sagt sie. Neuhaus navigiere die Dossiers, die daherkämen. Manchmal hat man sogar den Eindruck, er komme an seine Grenzen. Peter Siegenthaler, SP-Grossrat und Präsident der Geschäftsprüfungskommission, sagt, mit Neuhaus könne man zwar gut reden. Er signalisiere auch, dass er etwas unternehmen werde. «Am Ende passiert aber wenig.»

So hat Neuhaus die Zustände in der Kiesbranche moniert, von Fehlern in seiner Direktion wollte er jedoch nichts wissen. Als er bei den Prämienverbilligungen zu viel sparte, liess er verlauten, dass die Budgetierung schwierig sei. «Neuhaus ist ein Meister, wenn es darum geht, sich aus der Affäre zu ziehen», sagt Imboden.

Solche Vorwürfe beeindrucken Neuhaus wenig. «Wenn die Linken mit mir zufrieden wären, wäre etwas nicht in Ordnung», sagt er. In solchen Sätzen zeigt sich seine Schlagfertigkeit, Neuhaus ist ein guter Kommunikator. Immer wieder macht er Sprüche, was aber auch zu Problemen führen kann. «In seiner Kommunikation fehlt die letzte Ernsthaftigkeit», sagt Siegenthaler. Manchmal wisse man nicht, ob er es wirklich so meine oder nur einen Witz mache.

Neuhaus ist ein Bürgerlicher, der sich trotz konservativer Gesinnung offen gegenüber rationalen Argumenten zeigt. Dass er bei der SVP politisiert, dürfte vor allem den Karrieremöglichkeiten geschuldet sein. Er setzt sich für das politisch Machbare ein, Visionen und grosse Veränderungen sind nicht sein Ding. «Sie sorgen für Aufruhr. Berner haben es lieber geng wie geng», sagt der 51-Jährige. In einem Exekutivamt gehe es vor allem darum auszuführen. Dennoch werde in seiner Direktion permanent angepackt. Als Beispiele nennt er die Bezirksreform, die Revision des Baugesetzes oder das elektronische Grundbuch.

Ausserdem fällt auf, dass Neuhaus mutiger geworden ist. Im letzten Jahr entschuldigte er sich im Namen des Kantons bei den Täufern, die in der Vergangenheit vom Staat verfolgt und vertrieben wurden. Er scheut sich auch nicht, sich mit seiner Partei anzulegen. «Ich bin nicht der Delegierte der SVP in der Regierung. Ich politisiere für die ganze Bevölkerung», sagt er. Neuhaus ist gegenüber Fahrenden toleranter als die SVP. Er will die Zersiedelung bremsen, indem sich der Kanton vor allem an zentralen, gut erschlossenen Lagen entwickeln soll. Die Wachstum-überall-Strategie der SVP lehnt er ab. Er sprach sich auch gegen die Durchsetzungsinitiative aus, bei der es um die Ausschaffung krimineller Ausländer ging. «Dazu braucht es Rückgrat, gerade in der SVP», sagt GLP-Grossrat Thomas Brönnimann. Neuhaus werde als Regierungsrat unterschätzt. In der letzten Legislatur habe er «an Statur gewonnen».

Ein halber SVP-Regierungsrat?

In der SVP hat man zwar keine Freude, wenn Neuhaus von der Parteilinie abweicht. Als halben SVP-Regierungsrat hat ihn bisher aber niemand bezeichnet. «Dazu bietet er dann doch zu wenig Angriffsfläche», sagt SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Neuhaus weiss genau, wie weit er sich von seiner Partei entfernen darf, ohne Schaden davonzutragen.

Dabei kommt ihm seine Bodenständigkeit zugute. Neuhaus ist einer, der auf die altmodische Art Dankeskarten verschickt und dennoch in den neuen Medien präsent ist. Auf Facebook postet er zuweilen persönliche Fotos – etwa als Anfang Dezember einer seiner Hunde verstarb. Zu Hause in Belp, wo er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn lebt, hält er auch Schafe, Hühner und Kaninchen. Andere Regierungsräte seien besser angezogen und charismatischer als er, sagt Neuhaus. «Dafür erfreue ich mich an einem Mini-Bauernhof.» (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2018, 06:35 Uhr

Kandidaten: Die «Bund»-Serie

Wer sind die Berner Regierungsräte, die am 25. März wiedergewählt werden wollen? Wer will neu in die Regierung? Der «Bund» präsentiert in einer Serie alle Kandidierenden. Die Bisherigen: Christoph Ammann (SP), Christoph Neuhaus (SVP), Pierre Alain Schnegg (SVP), Beatrice Simon (BDP). Die chancenreichsten Neubewerber: Evi Allemann (SP), Christine Häsler (Grüne), Philippe Müller (FDP). Die Herausforderer Christophe Gagnebin (SP), Michael Köpfli (GLP), Hans Kipfer (EVP) – sowie die Aussenseiter.

Foto: beim Regierungsstatthalter

Christoph Neuhaus führt mit dem Bieler Statthalter Philippe Chételat ein Jahresgespräch: Das Bild zeigt eine typische Szene aus Neuhaus’ Alltag als Regierungsrat, der von Gesprächen und Sitzungen geprägt ist. Der persönliche Austausch gerade mit den Statthaltern ist ihm wichtig: «In den Landregionen sind sie die ersten Ansprechpartner. In einem grossen Kanton wie Bern können wir Regierungsräte nicht in allen Gemeinden präsent sein», sagt Neuhaus.

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