Der Nachtzug für Sparsame

Mit dem Billigbus zu reisen, ist unbequem. Und doch steht Flixbus auch für die Freiheit, mit wenig Geld weit zu ­kommen.

Was unten für das Gepäck gilt, gilt oben irgendwann auch für die Passagiere: Es wird eng und auch ein bisschen unordentlich. Foto: Doris Fanconi

Was unten für das Gepäck gilt, gilt oben irgendwann auch für die Passagiere: Es wird eng und auch ein bisschen unordentlich. Foto: Doris Fanconi

Ich musste oft an das Bonmot «Der Weg ist das Ziel» denken während meiner ersten Fahrt in einem Flixbus. Ich hatte viel Zeit zu denken, während ich nicht schlief. Dabei war die Idee, zu schlafen während der Reise, überhaupt erst der Grund, warum ich in einem Flixbus sass. Zu diesem Zeitpunkt war mein einziges Ziel jedoch nur noch, ein paar Minuten nicht wach zu sein.

Ursprünglich wollte ich mit meinem Sohn mit dem Nachtzug nach Hamburg fahren. Die Idee vom Nachtzug verströmt eine gewisse Mystik. Romantik auch. Und Nostalgie. Es vermischen sich Bilder aus Literatur, Film und Fantasie, ein bisschen Transsibirische Eisenbahn, ein bisschen Grand Tour, eine distinguierte Art zu reisen und auch eine überaus bequeme. Ich stellte mir die Luxusvariante vor: Im eigenen kleinen Abteil mit Bad und Daunendecke, morgens frisch machen, während der Sohnemann frühstückt, aus dem Fenster schaut und sagt: «Ich habe noch nie so gut geschlafen, Frau Mama.» Dann vielleicht noch eine Partie Schach und hallo Hamburg, erquickt und entspannt.

Beim Buchungsversuch im Internet stellte sich heraus, dass es erstens keinen direkten Nachtzug mehr gibt nach Hamburg. Dann stellte sich heraus, dass es bei der Verbindung mit einmal Umsteigen keinen Platz mehr hatte in den Einzelabteilen. Das war zwar schade, aber immerhin wurde mir die Entscheidung abgenommen, ob ich bereit gewesen wäre, die 800 Franken zu bezahlen. Dann stellte sich heraus, dass die nächste mögliche Kategorie in Sechser-abteilen auch so um die 500 Franken kosten würde, was ich bezahlt hätte, wenn ich bezahlen hätte können, was nicht der Fall war, weil die ganze Zeit eine Fehlermeldung kam. Nach etwa zehn Versuchen erinnerte ich mich daran, dass mir neulich eine Freundin erzählt hatte, dass sie mit dem Flixbus nach Mailand gefahren sei. Ich hatte gelacht. Und dann buchte ich ein Retourticket Zürich–Hamburg für mich und meinen Sohn für 140 Franken. 140 Franken.

Etwa zwei Wochen vor dieser Reise hatte ich 160 Franken bezahlt für ein ­Essen in einem Pop-up-Restaurant.

Etwa drei Wochen vor dieser Reise war ich bei meiner Coiffeuse, und weil ich so überrascht war, als sie sagte, das mache 150 Franken, gab ich ihr 20 Franken Trinkgeld.

140 Franken für zwei Personen von einem Land ans Ende des anderen Landes, in ein Hotelzimmer, das 190 Franken pro Nacht kostet, und wieder zurück. Wahnsinn.

Tetris mit den Gliedmassen

Und so kam es, dass ich im Flixbus sass und nicht schlief. Mein Sohn schon. Gesegnet seien schlafende Kinder. Der Bus war zu spät, wir warteten 40 Minuten am Busbahnhof hinter dem Hauptbahnhof. Ein seltsamer Ort. Es gibt keine Anzeigetafeln, es gibt nicht einmal eine Uhr, es gibt nichts, ausser wartenden Menschen. Wann immer einer der grünen Flixbusse einfährt, muss man am Bus selber schauen gehen, ob die Anzeige über der Führerkabine das gewünschte Reiseziel angibt. Der verglaste Unterstand war schnell zu klein, als es zu regnen anfing. Das Signal ist klar: Die Reisenden hier sind nicht der Mühe wert, es ihnen angenehmer zu machen.

Den Sitz im Bus selber muss man sich vorstellen wie einen Sitz im Flugzeug. Gleich viel Platz, auch wenn auf der Website «extra viel Beinfreiheit» angepriesen wird, gleiche Neigung der Lehne. Aber es gibt eine Steckdose und «kostenloses WLAN», was sich aber nur als 150 MB Datenvolumen herausstellt. Das reicht natürlich nicht für Netflix. Und es gibt Grenzkontrollen. Auf dem Weg nach Deutschland wird unser Bus etwa eine Dreiviertelstunde lang gefilzt, die Toilette scheint von grossem Interesse zu sein, ein Mann setzt die Reise im deutschen Polizeiwagen fort.

Der Hauptunterschied zum Flugzeug allerdings ist: Es gibt keine Rücksicht auf die anderen Reisenden. Ganz vorne oben im Bus, auf den begehrtesten Sitzen, sitzen vier Russen, die sich zuschütten und grölen wie am Junggesellenabend. Die ganze Nacht hindurch. Immer, wenn ich kurz davor bin, einzunicken, scheitert es entweder an ihnen oder an einem Handy. Jedes Mal ein neuer, abenteuerlicher Klingelton. Einmal der Refrain von Macarena. Oder ich friere, es ist runterklimatisiert, als würden Leichen transportiert.

Oder die Frau auf den zwei Sitzen neben uns, sie ist um 3 Uhr morgens eingestiegen und hat einen Doppelsitz ergattert, während wir seit acht Stunden Tetris spielen mit unseren Gliedmassen auf zwei Sitzen, jedenfalls hat sie zwei Sitze für sich allein, wo sie sich jetzt drauf ausstreckt, na ja, auch nicht wirklich, aber doch, ausser jedenfalls diese Frau schnarcht mal wieder, ein resigniertes Schnarchen, jedes Schnarchen wie der letzte Atemzug, und dann geht es doch wieder weiter.

Irgendwann ist die Toilette voll

Oder es gibt eine Durchsage. Licht an, Lautsprecher an: «Wir sind gleich in Göttingen. Göttingen, wir kommen in Göttingen an. Reisende nach Göttingen, bitte hier aussteigen.» – «Wir müssen tanken, zehn Minuten Pause, bitte um 4.35 Uhr wieder hier beim Bus sein.» – «So, wir fahren weiter, sind alle wieder da?» – «Das Sitzen auf der Treppe ist verboten. Hallo, die Dame? Ja, Sie. Das Sitzen auf der Treppe ist verboten.» – «Leider ist das Klo schon voll, Sie können es bis Hamburg nicht mehr benützen.»

Kurz: 140 Franken. Was soll man für den Preis schon erwarten? Nichts, ausser dem Transport von A nach B und zurück. Und das kriegt man. Und das reicht eigentlich. Denn, und das ist es, was Flixbus zu so einer grossartigen Sache macht: Reisen muss nicht angenehm sein, sondern machbar. Mit Airbnb können sich jetzt Menschen, für die selbst das billigste Hotel in Rom bisher zu teuer war, ein Zimmer in der Ewigen Stadt leisten – und Flixbus ist das Komplement in Sachen Reisen. Nach Rom und zurück kommt man von Zürich für knapp 100 Franken. Es reden zwar alle über Billigflüge, aber mit Zuschlägen und Taxen ist das meist so billig gar nicht mehr – ganz abgesehen davon, dass man die richtig guten Preise immer nur mit viel Vorlauf erwischt.

Und Freiheit hat für mich letztlich viel mit der Möglichkeit zu tun, spontan handeln zu können. Es ist für mich ein enormes Freiheitsgefühl, zu wissen, dass ich für einen Betrag, für den ich in Zürich nicht einmal eine Massage bekommen würde, morgen mit dem Flixbus nach Antwerpen fahren könnte. Einfach so. Weil ich noch nie da war. Weil mein Sohn noch nie da war. Weil ich ihm mehr als alles andere zeigen möchte, dass die Welt weit und offen ist.

Auch wenn mit Flixbus definitiv das Ziel das Ziel bleibt. Aber Reisen darf auch ein bisschen wehtun.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt