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Nachruf auf Jazz-Bassist Der Mann in der Mitte

Gary Peacock hatte einen besonderen Sinn für Momente der Ruhe und Besinnung. Am Wochenende ist er mit 85 Jahren gestorben.

Der amerikanische Jazzmusiker Gary Peacock an einem Konzert im «Symphony Space» in New York 2013.
Der amerikanische Jazzmusiker Gary Peacock an einem Konzert im «Symphony Space» in New York 2013.
Foto: Jack Vartoogian (Getty Images)

Gary Peacock stammte aus der tiefsten amerikanischen Provinz, aus Burley in Idaho. In den Fünfzigern ging er, nachdem er zunächst Pianist in einem Ensemble des US-Militärs gewesen war, zum Bass über und spielte, in Deutschland hängen geblieben, mit Hans Koller und Albert Mangelsdorff. Später, in Los Angeles und dann ab 1962 in New York, tat er sich auf dem Weg durch die Clubs und die Studios mit wechselnden Musikern in grosser Zahl zusammen, woraus einige langwährende Partnerschaften entstanden: mit dem Pianisten Paul Bley zum Beispiel, mit dem Saxofonisten Albert Ayler, mit dem Schlagzeuger Paul Motian.

Irgendwann, in den späten Sechzigern, gab er die Musik auf, zog nach Japan und wollte Biologe werden. Er kehrte dann aber doch wieder zur Musik zurück. Gary Peacock besass Anhänger, die seinen besonderen Sinn für Momente der Ruhe und Besinnung auf seine japanischen Erfahrungen zurückführten. Doch sollte man dagegen alte Aufnahmen noch einmal hören, das mit Bill Evans aufgenommene Album «Trio 64» (1964) zum Beispiel: Die Ruhe ist schon da.

Viel Fantasie im hohen Alter

In den frühen Siebzigern entstand, bei weitem nicht nur des Sinns für die Stille wegen, die Bindung zu dem zu jener Zeit noch sehr jungen Münchner Label ECM. In der Folge kam es zu mehr als fünfzig Alben, in einer erstaunlichen stilistischen Breite. Etliche dieser Alben wurden, wenn nicht «standards», so doch Klassiker: «December Poems» mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek (1978), «A Closer View» mit dem Gitarristen Ralph Towner (1995), «Amaryllis» mit der Pianistin Marilyn Crispell.

Wie viel Kraft, aber auch: wie viel Fantasie noch im 80-jährigen Gary Peacock steckte, offenbart ein spätes Album wie «Now This» (2015). «Gaia» heisst das erste Stück, das mit einem zarten Frage- und Antwortspiel zwischen Piano und Bass beginnt, in eine ländliche Melodie mündet, die sich in Anklängen und Erinnerungen verliert, während der Bass sich wie ein alter, aber sehr lebendiger Hase über die Wiese bewegt, manchmal so schnell, dass er beinahe über die eigenen Beine zu stolpern scheint, manchmal innehaltend und die Lage erkundend, manchmal bedächtig und sich in der Schönheit einer gerade gefundenen Melodie verlierend.

Und es sind diese melodischen Linien, in denen sich der Einfluss eines früh verstorbenen Freundes, des Bassisten Scott LaFaro, am deutlichsten geltend macht. Auf «Now This» ist eine Komposition des Freundes zu hören, «Gloria's Step», ein Schaustück für einen munter improvisierenden Bass. Darüber hinaus spielt Gary Peacock, als habe es die Unterscheidung zwischen völlig freier Musik und einem mehr oder minder volkstümlichen Repertoire nie gegeben.

Nun ist Gary Peacock in seinem Haus in Upstate New York gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.