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Wie die Schweiz Codes knacktDer gute Lauschangriff

Durch manipulierte Chiffriergeräte der Crypto AG erhielt die Schweiz wertvolle Informationen. Doch die Dimension der Abhöraktion ist noch viel grösser.

Dem ehemaligen Diktator Muammar al-Ghadhafi (links) in der Geiselaffäre Max Göldi (rechts) eins ausgewischt
Foto: RTS, Sabine Papilloud/LMS

Nach mehr als 18 Monaten in libyscher Geiselhaft schreibt der Schweizer Max Göldi Anfang Februar 2010 einen Brief an die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. Darin bittet er die SP-Bundesrätin, in den anstehenden Verhandlungen mit dem Regime von Diktator Muammar al-Ghadhafi Zugeständnisse zu machen. Er und die zweite Schweizer Geisel, Rachid Hamdani, hoffen immer noch auf ihre Freilassung. «Ich flehe Sie an, die dafür notwendigen Konzessionen gegenüber Libyen zu machen und damit unserem Leid endlich ein Ende zu setzen.»

Göldi lebt zu dieser Zeit zwangsweise isoliert in Tripolis. Ghadhafi lässt Hamdani und ihn nicht aus dem Land. In der Schweizer Botschaft hat Göldi Zugang zu einem Raum mit einem Sender, der verschlüsselte Nachrichten nach Bern übermittelt. Es ist ein Gerät vom Typ TC-007 der Firma Crypto AG in Steinhausen ZG. Diese Chiffriergeräte stehen auch heute noch in Schweizer Vertretungen rund um den Globus im Einsatz.

Verschlüsselte Nachrichten über Satellit

Was Göldi nicht weiss: Während die Libyer seine Funksprüche nicht entschlüsseln können, hören die Schweizer den über Satellit abgewickelten Verkehr zwischen der libyschen Botschaft in Bern und Tripolis ab. Und nicht nur das: Schweizer Kryptologen sind auch in der Lage, die libyschen Codes zu knacken.

Libyen war ein wichtiger Kunde der Crypto AG, die sich lange Zeit im Besitz des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA und des deutschen Bundesnachrichtendienstes befand. Für den Export bestimmte Chiffriergeräte wurden mit absichtlich geschwächten Algorithmen ausgestattet – also Rechenregeln, die Klartext in Code umwandeln. Die so manipulierten Geräte verkaufte die Crypto AG an mehr als hundert ahnungslose Staaten. Weil die Kryptologen in der Führungsunterstützungsbasis der Schweizer Armee die Schwächen in den Algorithmen kannten, konnten sie chiffrierte Nachrichten mit leistungsfähigen Computersystemen knacken, obwohl sich die verwendeten Schlüssel nicht in ihrem Besitz befanden.

Eine grosse Blamage erspart?

Ein Insider, der damals im Abhörzentrum im bernischen Zimmerwald an der Libyen-Aktion beteiligt war, sagt heute, dass die Libyer in der Geiselaffäre gar keine Crypto-Geräte benützt hätten. Andere Quellen meinen, dass Tripolis Chiffriermaschinen des Regensdorfer Unternehmens Gretag verwendete, nachdem in den späten Achtzigerjahren Zweifel an der Zuverlässigkeit der Crypto-Geräte aufgekommen waren. Ab 1991 hatte die Gretag aber ebenfalls amerikanische Besitzer. Ausserdem war die CIA angeblich durch einen Diplomaten Ghadhafis in die Verschlüsselungstechniken der libyschen Gretag-Maschinen eingeweiht worden. Es ist deshalb höchstwahrscheinlich, dass auch Zimmerwald Nachrichten mit diesen Geräten dechiffrieren konnte.

Parabolantennen des schweizerischen Abhörsystems Onyx in Leuk
Foto: TDG

In der Geiselaffäre war der Lauschangriff auf die Libyer für die Freilassung von Max Göldi matchentscheidend, wie sich ein anderer Insider ausdrückt. Laut einer dritten, ebenfalls gut unterrichteten Quelle erfuhr die Schweiz durch die Abhöraktion, dass Libyen ohnehin vorhatte, Göldi am Ende ausreisen zu lassen. Dadurch wurde eine vom Bund und der Armee geplante Kommandoaktion zur Befreiung der Geiseln obsolet. Zuvor war sie ernsthaft erwogen worden. Allerdings bekamen Ghadhafis Leute Wind von den Plänen, wohl weil sich der damalige Schweizer Botschafter in Libyen in einer unverschlüsselten E-Mail dazu geäussert hatte. Dank der Abhöraktion blieb der Schweiz eine riskante Militäroperation erspart und vielleicht eine grosse Blamage.

Details über Geiselnehmer

Entscheidende Hinweise hat Zimmerwald auch in mindestens einem anderen Geiseldrama geliefert, und zwar bei der Entführung einer Adliswiler SP-Gemeinderätin und ihres Ehemanns Anfang 2009. Die beiden wurden von islamistischen Terroristen in der malischen Sahara verschleppt. Die Kryptologen konnten hier über Satellit abgewickelte Telefongespräche oder Datenpakete abfangen.

Populär sind in der Sahara zum Beispiel Satellitentelefone der arabischen Marke Thuraya, auch bei Terroristen. Die Geräte kommunizieren über Satelliten der amerikanischen Firma Boeing, weshalb man davon ausgehen kann, dass die amerikanischen Dienste genau wissen, wie man diese Verbindungen abhört und knackt. Dieses Wissen scheinen sich auch die Schweizer Kryptologen angeeignet zu haben.

Bei der Geiselnahme der zwei ausgebildeten Berner Polizisten David Och und Daniela Widmer in Pakistan 2011 leisteten die Abhörspezialisten ebenfalls wertvolle Hilfe, etwa bei der Lokalisierung der von den Taliban verschleppten Schweizer und bei der Beschaffung von Informationen über die Geiselnehmer.