Der Garten Eden in Wittigkofen

Jasmina Savic hat ihre Wurzeln im Familiengarten Bern-Ost geschlagen. Auf der 100 Quadratmeter grossen Parzelle ist alles, was sie ausmacht.

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Begonnen hat alles mit dem Jasmin. Und zwar auf dem Balkon im elften Stock eines Hochhauses im Osten der Stadt Bern. Jasmina Savic lebt seit zwölf Jahren zusammen mit ihrer Familie im Saali. Zur Familie gehören ihr Mann Dejan Milosavljevic und ihre Tochter Milica, die an der Universität Bern osteuropäische Sprachen und Geschichte studiert. Der Sohn Lazar ist bereits ausgezogen. Es endet vorerst mit 100 Quadratmetern Garten voller Blumen, Küchenkräutern und Gemüse.

Wo die Familie ist

Vor fünf Jahren sei sie nicht einmal in den Park gegangen, sagt Jasmina Savic von sich. Heute ist der Garten ihre kleine Heimat. «Aber Heimat ist ein grosses Wort, das die Schriftsteller brauchen», sagt sie und macht dazu eine ausladende Bewegung mit den Armen, bevor sie sich eine Zigarette anzündet. «Für mich ist das dort, wo meine engste Familie und die Leute, die mich glücklich machen, sind.» Das ist in Bern. Noch genauer in Berns Ostquartier. Es ist die Parzelle im Familiengarten.

Savics Parzelle befindet sich in der hintersten Ecke der Anlage. Dahinter kommt ein Spazierweg, und dann beginnt das Feld vor dem Schloss Wittigkofen. An den Geräteschuppen hat sie eine Veranda angebaut, wo ein Tisch mit Tischtuch steht. Jasmina Savic serviert hier türkischen Kaffee aus der Thermoskanne mit Kaffeerahm und Gipfeli. Sie selbst trinkt den Kaffee schwarz. Zum Süssen bricht sie vom Würfelzucker ein kleines Stück ab. Tochter Milica nimmt einen kleinen Schluck und verzieht kurz das Gesicht. Dann rührt sie ein ganzes Stück Zucker in den Kaffee.

Milica hat das Häuschen mit einem bunten Blumenmuster bemalt. Unkundige erinnert es an eine russische Datscha. «Aber dort könnte man drin wohnen», sagt Jasmina Savic und wischt die Vorstellung von einer Datscha mit der Hand beiseite. Ganz falsch ist das Bild der Datscha aber trotzdem nicht. Ein Strassenschild in kyrillischer Schrift ziert den Schopf. Es bedeutet «Alte Strasse» und bezeichnet die Strasse in der kleinen nordserbischen Stadt Sremska Mitrovica, wo Jasmina Savic ihre Kindheit verbracht hat.

«Es war eine glückliche Kindheit», sagt sie. Sie habe in einem Haus mit Hof gewohnt und in der Strasse habe es viele andere Kinder gegeben. Zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern wuchs Jasmina Savic bei den Grosseltern auf. Die Eltern wohnten und arbeiteten in der Schweiz. Die Kinder besuchten sie in den Ferien. «Das war typisch für jugoslawische Familien in dieser Zeit», erklärt sie.

Eine unhöfliche Frage

Wenn jemand fragt, woher Savic komme, dann antwortet sie: «Aus Kehrsatz.» Sie sagt es mit typischem Balkan-Akzent. Nach Kehrsatz kam sie im Alter von 18 Jahren, dort lebte sie rund 20 Jahre und dort wurde sie eingebürgert. Die Frage nach ihrer Herkunft empfindet Jasmina Savic in der Regel als ebenso unhöflich wie die Frage nach ihrem Alter. Denn meistens fragten die Leute nicht aus Interesse, sondern um ein Vorurteil zu bestätigen. «Aber ich bin einfach da und fühle mich wohl.»

Sie möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Denn alles habe zwei Seiten und nichts sei so, wie es scheine. Ihr Häuschen zieren denn auch noch eine Mistgabel und zwei alte Gamellen aus dem Militär. Die habe sie im Brockenhaus gefunden und erst später erfahren, was es sei, erzählt sie.

Als Schweizerin fühlt sich Jasmina Savic trotz Pass nicht. Aber auch nicht als Serbin. «Der Ort meiner Geburt war Zufall», sagt sie. Sie hätte gerade so gut als Kroatin oder Bosnierin zur Welt kommen können. Sremska Mitrovica liegt nur wenige Kilometer von den jeweiligen Grenzen entfernt. Am ehesten fühle sie sich als Jugoslawin, sagt Savic. Das war vor den Balkankriegen und Jugoslawien war noch nicht in sechs Teile zerfallen.

«Es ist wie bei den Pflanzen», sagt sie. «Ich spüre, ob ich in die Umgebung gehöre oder nicht.» Und die Umgebung, in die Jasmina Savic gehört, ist Bern. «Ich bin hier daheim.» Ihre Familie ist in Bern, ihre Freunde, und an allem hängen Erinnerungen.

Der Start in der Schweiz war aber schwer. Die ersten beiden Jahre seien traurig gewesen, sagt Jasmina Savic. «Ich kannte niemanden, konnte die Sprache nicht und vermisste meine Grosseltern.» Sie wollte nur wenige Jahre bleiben und wieder zurückkehren. Doch es kam anders. Sie verliebte sich, heiratete und wurde bald Mutter. Das sei nicht einfach gewesen, denn sie war jung. «Ich war aber eine gute Mutter», sagt sie und blickt zu ihrer Tochter Milica. Diese nickt. Es habe ihr gefallen, eine junge Mutter zu haben. «Und nun haben wir eine freundschaftliche Beziehung.»

Als die Familie von Kehrsatz nach Bern zog, weil die Kinder ins Gymnasium kamen, eröffnete Jasmina Savic im Hochhausquartier eine Boutique. Vor zwei Jahren hat sie diese aber wieder aufgegeben. Aufgrund des Online-Handels hätte sie mehr Kompromisse eingehen müssen, als sie wollte. «Ich mache alles mit Leidenschaft», sagt sie. Also entweder ganz oder gar nicht.

«Der Garten ist meine Traumwelt»

Und nun gärtnert sie leidenschaftlich. Jeden Tag kommt Savic mindestens eine Stunde in den Garten, bei jedem Wetter. Sie giesst die Pflanzen und jätet das Unkraut. Im Herbst muss sie aufräumen und den Garten für den Winter vorbereiten. Im Frühling sticht sie die Beete um und pflanzt neu an. Dabei spricht sie auch mal mit den Pflanzen. Ihre Mutter fühle, wie es den Pflanzen gehe, sagt Milica. Und Jasmina Savic sagt: «Die Pflanzen sind meine Familie.» Sie zeigt auf einen rosaroten Rosenstock. Sie werde ihn versetzen müssen. Denn er sehe zwar gut aus, aber der Platz gefalle ihm nicht. «Er muss zu seinen Verwandten dort drüben.»

Der Garten ist Savics Rückzugsort, wo sie liest und nachdenkt. Und sie trifft hier spontan Freundinnen wie Ursula und deren Enkel Eliel. Dann trinken die beiden Frauen einen Kaffee oder halten einen Schwatz. Das Leben im Garten sei wie auf dem Balkan. «Dort macht man mit Freunden nie ab und trifft sie dennoch.»

Der Garten ist ihr kleines Paradies. Das steht auf einem weiteren Schild in kyrillischer Schrift. «Dieser Garten ist meine Traumwelt», sagt Jasmina Savic. Auf dem kleinen Fleck Land kommt zusammen, was sie ausmacht: «Alles, was ich gern habe, ist hier.» Die Pflanzen, die Hochhäuser, wo die Familie lebt, die Freunde aus dem Quartier und die Erinnerungen an die geliebte Grossmutter. Die Jasminpflanze, mit der alles begann, überwuchert unterdessen daheim den Balkon. (Der Bund)

Erstellt: 15.08.2018, 06:46 Uhr

Bern-Ost in Zahlen

In der Stadt Bern gibt es 27 Familiengärten. Im Garten Bern-Ost gibt es 311 Parzellen, die von Menschen aus 25 Nationen bepflanzt werden. Eine Parzelle ist durchschnittlich 100 Quadratmeter gross und wird für rund 250 Franken pro Jahr verpachtet. Darin sind auch der Vereinsbeitrag und der Wasserzins eingerechnet. Viele Gartenpächter wohnen in der angrenzenden Siedlung Saali. In den 1250 Wohnungen leben rund 2600 Menschen. Es gibt fünf Hochhäuser mit je 23 Stockwerken, fünf dreiteilige Kettenhäuser mit je 7, 12 und 15 Stockwerken und drei dreistöckige Häuser. Die Siedlung wurde in den 1950er-Jahren geplant und innerhalb von zehn Jahren gebaut. 1974 zogen die ersten Bewohner ein. Fertig gebaut war aber erst 1982. (nj)

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