Zum Hauptinhalt springen

Meilenstein in der KartografieDer Erfinder Amerikas

Vor 500 Jahren starb der Geograf Martin Waldseemüller, dem der Kontinent seinen heutigen Namen verdankt. Seine Karten weisen den Weg in die Neuzeit – und sind in neuester Zeit Gegenstand eines Fälschungsskandals geworden.

2005 wurde eine Globussegmentkarte von Martin Waldseemüller in London für 800’000 Euro versteigert. Darauf hat der Gelehrte 1507 erstmals «America» eingezeichnet. Klebt man die keilförmigen Segmente auf eine Kugel, entsteht ein Globus.
2005 wurde eine Globussegmentkarte von Martin Waldseemüller in London für 800’000 Euro versteigert. Darauf hat der Gelehrte 1507 erstmals «America» eingezeichnet. Klebt man die keilförmigen Segmente auf eine Kugel, entsteht ein Globus.
Foto: Peter Macdiarmid (Getty Images)

Um eine der ältesten Amerika-Karten der Welt zu sehen, muss man in der Unibibliothek München den Fahrstuhl in die Katakomben nehmen. Dort führt Sven Kuttner durch verwinkelte Kellerräume voller vergilbter dicker Bücher. Hier lagern die Altbestände, eine halbe Million Bände aus den Jahren 1501 bis 1900. Hinter den mehr als einen Meter dicken Mauern rumpelt es – nebenan rauscht die U-Bahn vorbei. Kuttner, der Leiter der Abteilung Altes Buch der Bibliothek, bittet zu warten und verschwindet in einem finsteren Gang.

Es piepst einige Male, ein Tresor wird geöffnet. Kurz darauf hält Kuttner eines der wertvollsten Dokumente in der Hand, die in der Universität lagern: Martin Waldseemüllers Globensegmentkarte, erstmals 1507 gedruckt.

Sie ist nicht grösser als zwei DIN-A4-Blätter, mit anderen geografischen Darstellungen in einem unscheinbaren dünnen Sammelband gebunden. Die damals bekannte Welt ist darauf auf zwölf spitz zulaufenden Ovalen dargestellt, als hätte man einen Globus aufgeschnitten. Europa, Asien, Afrika, so weit reichte das Wissen schon in der Antike. Aber rechts unten ist erstmals ein neuer Erdteil zu sehen. Darauf geschrieben steht «America».

Kürzlich jährte sich Waldseemüllers Todestag zum fünfhundertsten Mal. Der in Freiburg geborene Gelehrte war es, der die neue Welt nach dem italienischen Seefahrer Amerigo Vespucci benannte. Doch nicht nur deswegen war die Arbeit des Kartografen bahnbrechend. «Martin Waldseemüller hat die Geburtsurkunde Amerikas ausgestellt», sagt Kuttner. Aber er sei auch ein Chronist dieser «Zeit der Entdeckungen» gewesen und habe das Wissen mit den damaligen Mitteln verbreitet.

Über den Kartografen ist nur sehr wenig bekannt

Die Globensegmentkarte des Kartografen war eigentlich als Bastelbogen gedacht. Schneidet man die zwölf Ovale aus und drapiert sie über eine etwa orangengrosse Holzkugel, entsteht ein Globus. Über den Urheber Martin Waldseemüller ist nur wenig bekannt. Vermutlich kam er zwischen 1470 und 1475 im Raum Freiburg zur Welt und besuchte die dortige Universität. 1505 zog er in die Stadt Saint-Dié in den Vogesen, die damals als Sankt Didel noch zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte. Dort schloss er sich einer kleinen Gruppe von humanistischen Gelehrten an, die sich selbst als Gymnasium Vosagense bezeichnete.

Der Globus von 1507 war nur Teil eines ganzen «Medienpakets», das Waldseemüller zusammen mit dem humanistischen Philologen Matthias Ringmann vertrieb. Möglich machte das der aufkommende Buchdruck. Zu diesem Paket gehörte ein Begleitband, der das damalige kartografische Wissen erklärte, die Cosmographiae Introductio, sowie eine grosse Weltkarte, bestehend aus zwölf einzelnen Blättern.

Diese Weltkarte in zwölf Blättern gehörte ebenfalls zu den Publikationen, die Waldseemüller 1507 veröffentlichte.
Diese Weltkarte in zwölf Blättern gehörte ebenfalls zu den Publikationen, die Waldseemüller 1507 veröffentlichte.
Foto: Wikipedia

Von dieser drei Quadratmeter grossen Karte ist nur noch ein einziges Exemplar erhalten. Das deutsche Adelshaus Waldburg-Wolfegg verkaufte es 2003 für zehn Millionen Dollar an die USA, heute hängt die Karte in der Library of Congress in Washington.

Um die Globussegmentkarten hingegen hat sich in den vergangenen Jahren ein Fälschungsskandal entsponnen. Lange war nur ein verbleibendes Exemplar bekannt, das der Fürst von Liechtenstein 1954 an die Universität Minnesota verkaufte. 1960 tauchte ein weiteres auf, das der renommierte Kunsthändler H. P. Kraus in New York erwarb. Als Kraus starb, verkaufte seine Witwe die Karte 1990 für rund zwei Millionen Mark an die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) in München. Dieses Exemplar stellte sich 2018 als Fälschung heraus.

Zweifel an der Echtheit einer Globussegmentkarte

Als zu dieser Zeit beim Auktionshaus Christie’s in London eine dritte Globussegmentkarte versteigert werden sollte, hatten Experten Zweifel an der Echtheit dieses Dokuments geäussert. Auf der ersten bekannten Segmentkarte, die in Minnesota liegt, verläuft ein senkrechter weisser Strich von oben nach unten, etwa auf der Höhe Japans. Hier wurde eine fehlerhafte Stelle mit zusätzlichem Papier repariert.

Doch dieselbe weisse Linie findet sich auch auf dem Dokument, das bei Christie’s versteigert werden sollte – und auf der Karte der Bayerischen Staatsbibliothek. Allerdings ist das Papier an dieser Stelle unbeschädigt, was auf eine fotografische Kopie der Minnesota-Karte schliessen lässt.

«Die Anomalien in der Kopie von Christie’s wiederholen sich in der von der BSB», sagt Nick Wilding, Historiker an der Georgia State University. «Das bedeutet: Wenn eine Fake ist, ist es die andere auch.» Der auf alte Bücher spezialisierte Experte hatte die Karte vor der geplatzten Versteigerung geprüft, dabei fanden sich noch weitere Ungereimtheiten, etwa in der Orientierung des verwendeten Papiers.

Der Verdacht bestätigte sich, als die Bayerische Staatsbibliothek die Ergebnisse einer materialwissenschaftlichen Untersuchung vorlegte. Demnach enthält die Druckfarbe als Hauptbestandteile Eisen und Titan. Vom 16. bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde jedoch ausschliesslich russhaltige Druckfarbe verwendet. Von Russ fand sich in der Karte der BSB keine Spur.

«Die Verwendung dieses titanhaltigen Pigments für die Druckfarbe deutet auf die Herstellung der Karte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin», schreibt die Staatsbibliothek in einer Mitteilung. Damit «liegt eine moderne Kopie vor». In einem kürzlich erschienenen Buch geht der Historiker Wolfgang Jahn der Geschichte der Fälschung nach. Demnach deutet vieles auf den Restaurator Arthur Bruno Drescher hin, der mit der Restaurierung der Liechtensteiner Karte beauftragt war.

Die Karte hatte eine durchschlagende Wirkung

Ursprünglich wollte der Kunsthändler H. P. Kraus diese Karte kaufen, beschuldigte Drescher jedoch einer fehlerhaften Arbeit, der Handel platzte. Später kaufte Kraus eine Karte aus anderer Quelle. Nick Wilding vermutet, dass Drescher oder sein Lehrmeister Max Schweidler das Original bei der Restaurierung fotografierte und Fälschungen davon anfertigte, von denen eine auf Umwegen dann Kraus angedreht wurde. «Das Motiv war eine subtile Rache gegen Hans P. Kraus», schreibt Jahn.

Unverdächtig ist hingegen die Globussegmentkarte in der Münchner Unibibliothek. Sie fiel einer Mitarbeiterin 2012 durch Zufall in die Hand. Als sie routinemässig eine Angabe im Katalog überprüfte, stiess sie in einem Geometriebuch auf die Geburtsurkunde Amerikas. Da das Buch im 19. Jahrhundert als Sammelband gebunden wurde und in der Sammlung der Uni schlummerte, kann eine Fälschung – wie bei der Karte in Minnesota und zwei weiteren bekannten Exemplaren – ausgeschlossen werden.

Allerdings unterscheidet sich die Karte von den anderen echten. Sie trägt als einzige die Angabe «Diameter Globi» zur Grösse des Globus, auch die Lagen einzelner Länder wie Madagaskar unterscheiden sich. Zudem weist das Wasserzeichen des Papiers darauf hin, dass sie etwa zehn Jahre später als die anderen gedruckt wurde. Möglicherweise legten Waldseemüller und Ringmann ihr Medienpaket knapp ein Jahrzehnt nach dem ersten erneut auf.

Der Namensgeber Amerikas: Der florentinische Kaufmann und Entdecker Amerigo Vespucci (Stich aus dem 19. Jahrhundert).
Der Namensgeber Amerikas: Der florentinische Kaufmann und Entdecker Amerigo Vespucci (Stich aus dem 19. Jahrhundert).
Foto: De Agostini via Getty Images

Das deutet auf eine durchschlagende Wirkung der Karte in der damaligen europäischen Gesellschaft hin. Klar ist, dass die Darstellung einer neuen Welt, umgeben von Ozean, erheblich vom akzeptierten Wissen über die Welt abwich, das bis dato auf der Arbeit des griechischen Gelehrten Ptolemäus aus dem zweiten Jahrhundert beruhte. Zugleich zitiert Waldseemüller den antiken Geografen weiterhin, etwa bei der Darstellung des indischen Subkontinents. Historiker betrachten die Karte daher als Wegscheide zwischen dem überlieferten Wissen und den neuen Erkenntnissen, die Seeleute wie Vespucci von ihren Fahrten mitbrachten.

Doch warum trägt der neue Erdteil den Namen Vespuccis und nicht von Christoph Kolumbus, der doch 1492 zuerst in der Karibik landete? Sicher ist, dass sich Ringmann und Waldseemüller bei der Benennung auf einen Reisebericht Vespuccis stützten, in dem dieser von einer «Mundus Novus» berichtete, einer neuen Welt. Kolumbus hatte hingegen bis zu seinem Tod darauf beharrt, einen neuen Seeweg nach Asien gefunden zu haben, keinen neuen Kontinent.

Im Begleitband begründen die Gelehrten Ringmann und Waldseemüller ihre Namenswahl auch mit der Geschlechtergerechtigkeit: «Ich wüsste nicht, warum jemand mit Recht etwas dagegen einwenden könnte, diesen Erdteil nach seinem Entdecker Americus, Amerige, nämlich das Land des Americus oder America zu nennen; denn Europa und Asien haben ihren Namen nach Frauen.»