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Kopf des TagesDer einzige Diktator der Welt, der Holländisch spricht

Desi Bouterse ist Staatspräsident von Surinam, obwohl er eigentlich im Gefängnis sitzen müsste. Nun könnte ihn seine blutige Vergangenheit als Militärdiktator doch noch einholen.

Seit Jahrzehnten der starke Mann in Suriname: Präsident Desi Bouterse.
Seit Jahrzehnten der starke Mann in Suriname: Präsident Desi Bouterse.
Foto: Ranu Abhelakh/REUTERS

Wäre Desi Bouterse die Hauptfigur in einem südamerikanischen Diktatorenroman, müsste man sagen: Also das ist jetzt ein wenig übertrieben. Doch der Präsident von Surinam beweist seit Jahrzehnten, dass die Realität selbst dieses opulente literarische Genre zu übertreffen vermag.

Allein schon die Ausgangslage bei den Wahlen vom letzten Montag: Entweder der 74-Jährige gewinnt und bestreitet eine dritte Amtszeit. Oder er riskiert, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Erste Resultate deuten darauf hin, dass Bouterses Nationaldemokratische Partei die Mehrheit im 51-köpfigen Parlament, das den Staatschef wählt, verloren hat. Aber sicher ist es nicht. Es gibt Berichte über Unregelmässigkeiten, verlorene Urnen, Listen mit Kandidaten, die bereits verstorben sind. Das volle Programm.

Surinam hat gut eine halbe Million Einwohner und ist viermal so gross wie die Schweiz. Es liegt abseits in der nordöstlichen Ecke des südamerikanischen Kontinents, bedeckt von Regenwald, umgeben von Brasilien, Guyana, Französisch-Guyana und dem Atlantischen Ozean.

Macht aus dem Hintergrund

1975 wird die niederländische Kolonie unabhängig. Fünf Jahre später putscht sich Bouterse, der in der holländischen Armee gedient hat, an die Macht. Bis 1987 beherrscht er das Land als Militärdiktator, dann zwingt ihn der internationale Druck zum Rücktritt. Doch Bouterse bleibt der mächtige Mann im Hintergrund, und Beteiligungen an Goldminen und Grundstücksdeals machen ihn reich. Einmal veranlasst er die Regierung durch einen einzigen Telefonanruf zum Rücktritt.

Desi Bouterse bei einem Wahlkampfauftritt im Februar 2009.
Desi Bouterse bei einem Wahlkampfauftritt im Februar 2009.
Foto: Ranu Abhelakh (Reuters)

1999 verurteilt ihn ein niederländisches Gericht in Abwesenheit wegen Kokainschmuggels zu 11 Jahren Gefängnis. Von Interpol ausgeschrieben, kann Bouterse Surinam nicht mehr verlassen, ohne die Verhaftung zu riskieren. Faktischer Herrscher über das südamerikanische Land bleibt er trotzdem.

Aus armer Familie stammend, hat Bouterse eingeborene, afrikanische, holländische, französische und chinesische Vorfahren. Er ist das personifizierte Völkergemisch, das Surinams Kultur und Geschichte geprägt hat. Das ist einer der Gründe für seine Popularität. Bouterse spricht die Sprache des einfachen Volkes, er ist charmant und leutselig, ein charismatischer Haudegen, mit dem man in den Bars der Hauptstadt Paramaribo gerne ein Bier trinkt.

Seine Herkunft lässt es glaubwürdig erscheinen, wenn er trotz seines Reichtums über die weissen Eliten und die Arroganz der ehemaligen Kolonialmacht herzieht. Als Bouterse 2010 in demokratischen Wahlen Präsident wird, macht er es wie sein persönlicher Freund Hugo Chávez in Venezuela: lockere Sprüche, Polemik gegen die Reichen und Sozialprogramme zugunsten der Armen. Geld und Einfluss für seine Parteigefährten und seine Familie. Das geht so lange gut, wie die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten hoch sind. Dann beginnt sich die Staatskasse zu leeren und Bouterses Beliebtheit im Volk zu schwinden.

Ein Mörder als Präsident

Einer von Bouterses Söhnen sitzt wegen Kokainschmuggel in einem US-Gefängnis. Einen Stiefsohn, der einen chinesischen Juwelier ermordet und vor dem Haus des niederländischen Botschafters eine Handgranate gezündet hat, begnadigt der Präsident kraft seines Amtes.

Doch 2019 geschieht das Unerwartete: Nach einem mehr als zehnjährigen, immer wieder verzögerten Prozess verurteilt ein Militärgericht den amtierenden Staatschef zu 20 Jahren Gefängnis. Bouterse habe 1982 während seiner Zeit als Militärdiktator befohlen, 15 oppositionelle Unternehmer, Anwälte und Journalisten zu foltern und zu ermorden. Als Staatsoberhaupt genoss er bisher Immunität. Wird er nun tatsächlich abgewählt, verliert er neben der Macht vielleicht auch seine Freiheit.

Der in Holland lebende surinamische Historiker Hans Ramsoedh sagt über Desi Bouterse: «Er ist ein Überlebenskünstler. Er hat keine Überzeugungen, keine ideologische Vision, nur den Willen, an der Macht zu bleiben.» In den Niederlanden nennen sie ihn mit unverkennbarem Lustgruseln den «einzigen Diktator der Welt, der Holländisch spricht».

Aus der Ferne hat Bouterse etwas Surreal-Folkloristisches. Für sein Land ist er ein einziges Unglück.