«Der Einkaufstourismus ist rückläufig»

Deutsches Grenzgebiet

Mit Bertram Paganini* sprach Janine Hosp

«Der Einkaufstourismus stagniert auf hohem Niveau», teilten deutsche Zollämter kürzlich für 2015 mit. Gilt das auch für 2016?
Wir haben noch keine offiziellen Zahlen. Aber nach Auskünften, die ich von Handel und Zoll bekomme, stagniert der Einkaufstourismus nicht nur, sondern ist rückläufig. 2015, als die Schweiz die Eurountergrenze aufgab, erlebten wir allerdings ein fast historisches Hoch. Das werden wir kaum mehr erreichen.

Aber der Franken ist nicht schwächer als vor einem Jahr.
2015 hatten wir zeitweise einen Wechselkurs von 1:1. Das hatte eine andere ­Signalwirkung. Zudem strengt sich der Schweizer Detailhandel sehr an. Nicht nur die Einkaufstouristen setzen ihn unter Druck, sondern auch Aldi und Lidl. Die treten preisaggressiv auf und bauen ihr Netz ständig aus. Drogerie­waren sind in Deutschland zwar nach wie vor deutlich günstiger, aber bei elektronischen Geräten ist die Preisdifferenz nicht mehr gross. Vor allem Schweizer aus einer grösseren Entfernung kommen nicht mehr so oft über die Grenze, weil sich der Weg weniger lohnt.

Wie wichtig ist Kundschaft aus der Schweiz für das Grenzgebiet?
Sehr wichtig. Der Detailhandelsumsatz unserer Region beläuft sich auf 4,5 Milliarden Euro. Wir nehmen an, dass ­davon 1,6 Milliarden von Schweizern stammen. Das sind fast 4 von 10 Euros.

In Singen soll ein grosses Einkaufszentrum gebaut werden. Besteht die Gefahr, dass bald Läden leer stehen?
Wir haben schon heute Überkapazitäten, vor allem bei Möbel- und Lebensmittelgeschäften. Das Cano in Singen wird den Wettbewerb zusätzlich verschärfen. Wir gehen aber davon aus, dass es vor allem das Singener Gewerbe und weniger das Angebot in Konstanz konkurrenziert.

Und welchen Einfluss hat das geplante Outlet im Thurgau?
Das kommt auf dessen Angebot an. ­Läden mit Kleidern, Schuhen und Drogeriewaren sind sicher eine Konkurrenz für den Konstanzer Detailhandel.

Sie sagten, es bestünden heute schon Überkapazitäten. Wegen der Schweizer?
Ja. Wir haben in der Region 1,3 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. Ohne den Einkaufstourismus wären es wohl nur 800'000 Quadratmeter.

Was geschieht, wenn der Franken schwächer wird?
Der Wechselkurs ist eine wichtige Stellgrösse – schliesslich kaufen die Schweizerinnen und Schweizer vor allem hier ein, weil es günstiger ist. Die ganze ­Region bekäme eine Abschwächung zu spüren. Zwar lag der Wechselkurs bei Einführung des Euros schon bei 1.65 Franken und die Region konnte ­damit leben – die Schweizer gaben 400 bis 500 Millionen Franken statt wie heute 1,6 Milliarden aus. Aber damals hatten wir einige Hunderttausend Quadratmeter weniger Verkaufsfläche.

*Bertram Paganini ist Geschäftsführer der Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer in Konstanz (D).

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