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Mädchen im Iran geköpftDer Ehrenmord, der Rechtsgeschichte schreiben könnte

Ein Teenager brennt mit einem älteren Mann durch. Das Paar wird gefasst – und Romina Ashrafi von ihrem Vater ermordet. Der Fall bewegt viele Menschen. Selbst das Establishment sieht nun Handlungsbedarf.

Sie starb, weil ihr Vater meinte, auf diese Art die Ehre seiner Familie wiederherstellen zu können: Romina Ashrafi.
Sie starb, weil ihr Vater meinte, auf diese Art die Ehre seiner Familie wiederherstellen zu können: Romina Ashrafi.
Foto: PD

Der Mörder von Romina Ashrafi kam nachts, als sie schlief, und sie kannte ihn gut: Er war ihr Vater. Als sich der Mann nach seiner Tat am vergangenen Donnerstag im Nordiran auf einer Polizeiwache selbst stellte, hielt er noch immer die blutige Sichel in der Hand, mit der er seine Tochter im Schlaf enthauptet hatte. So berichten es lokale Medien.

Romina Ashrafi wurde 13, gemäss anderen Angaben 14 Jahre alt. Sie starb, weil ihr Vater meinte, auf diese Art die Ehre seiner Familie wiederherstellen zu können und dies auch tun zu müssen. Romina war ausgerissen, ein zwanzig Jahre älterer Mann aus ihrem Dorf hatte von Liebe und Heirat gesprochen, doch Ashrafis Familie war gegen die Verbindung. Als die iranische Polizei das Paar nach fünf Tagen auf der Flucht aufgriff, bettelte Romina Ashrafi, nicht zum Vater nach Hause gebracht zu werden, sie habe Angst vor dessen gewaltsamer Reaktion. Mit gutem Grund.

Vieles läuft falsch im Rechtssystem

Das Schicksal des Mädchens bewegt längst nicht mehr nur die Einwohner in Talesh, dem etwa 420 Kilometer von Teheran entfernten Städtchen am Kaspischen Meer, aus dem die Familie stammt. Überregionale iranische Medien griffen den Fall in dieser Woche auf und druckten ein Bild des Teenagers auf ihren Titelseiten, wobei sie per Photoshop den keck auf dem Hinterkopf sitzenden Schleier des Mädchens etwas weiter in Richtung Stirn verlängerten und die Jeans über ihre Knöchel. Bald berichteten auch internationale Medien, im Farsi- wie auch im englischsprachigen Internet ist der Name von Romina Ashrafi zum viel zitierten Schlagwort geworden. Denn ihr Schicksal vereint viel, das selbst nach Ansicht konservativer Iraner falsch läuft im Rechtssystem der Islamischen Republik.

Der 35-Jährige, der Romina Ashrafi zum Durchbrennen überredet hatte, muss keine Konsequenzen befürchten: Eine Eheschliessung mit einem Mädchen oder einer Jugendlichen ist im Iran zwar die Ausnahme – das durchschnittliche Heiratsalter liegt bei 23 –, aber ab dem Alter von 13 Jahren legal. Dass Romina als Frau aber durch ihre Familie Konsequenzen zu befürchten hatte, ahnte sie nicht nur selbst, auch die Beamten hätten es wissen können: Zwar gibt es keine belastbaren Statistiken zu Mordfällen im Iran, durch die scheinbar verletzte Familienehren wiederhergestellt werden sollen.

Täter werden milde bestraft

Einige arabische Medien (die allerdings eine klar antiiranische Linie verfolgen) zitieren die Aussage eines hohen Polizeioffiziers von 2014, nach der ein Fünftel aller Mordfälle im Land sogenannte Ehrenmorde sind. Die Täter – auch das trägt nun zur Erschütterung bei – werden in der Regel milde bestraft: Rominas Vater Reza Ashrafi, der nun in Untersuchungshaft sitzt, dürfte eine Haftstrafe zwischen drei und zehn Jahren erwarten. Das Prinzip der Vergeltung, das Mördern im Iran die Todesstrafe oder ein hohes Blutgeld auferlegt, greift in dem Fall nicht – weil Täter und Opfer derselben Familie angehören.

Reza Pahlavi, der im US-Exil lebende Sohn des 1979 durch die Islamische Revolution gestürzten Schahs von Persien, nutzte den Fall für einen Angriff auf den religiösen Charakter der iranischen Staatsordnung. «Gesetze, die häusliche Gewalt, Ehrenmorde, Kindesmissbrauch und -heirat erlauben, haben im 21. Jahrhundert nichts zu suchen», schrieb er auf Twitter. «Die Lösung ist die Rückkehr zu säkularem Recht.»

Der Präsident interveniert

Doch nicht nur die Exilopposition, selbst das politisch-religiöse Establishment der Islamischen Republik sieht nun Handlungsbedarf: Präsident Hassan Rohani, der nicht nur Jurist, sondern auch schiitischer Rechtsgelehrter ist, hat am Mittwoch sein Kabinett angewiesen, endlich für Rechtsreformen zu sorgen, die Gewalttaten im Namen der vermeintlichen Familienehre stärker sanktionieren.

Seit Jahren kursieren hierfür Entwürfe in den Ministerien und Ausschüssen des Parlaments, ihre Umsetzung wurde jedoch bis heute verzögert – vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht von manchen Konservativen aus politischer Absicht.

Vizepräsidentin Masumeh Ebtekar, für Frauen und Familien zuständig, sagte nun, sie hoffe, dass härtere Strafen bald in Kraft treten könnten. Und kündigte an, dass die Justiz den aktuellen Fall in einem Sondergericht untersuchen werde – der Name von Romina Ashrafi könnte somit auch in der Rechtsgeschichte des Landes zum viel zitierten Schlagwort werden.

34 Kommentare
    Alexander Wetter

    "Ehrenmorde" gibt es tausende in der muslimischen Glaubensgemeinschaft : nur wird sehr selten darüber berichtet