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Kommentar zur ArztwahlDer Bundesrat bestraft die Kranken

Künftig soll niemand mehr den Arzt frei wählen können. Das schränkt den Wettbewerb zu sehr ein.

Wer misst künftig meinen Blutdruck? Der Bundesrat will uns künftig an eine «Erstberatungsstelle» verweisen.
Wer misst künftig meinen Blutdruck? Der Bundesrat will uns künftig an eine «Erstberatungsstelle» verweisen.
Foto: Sabina Bobst

Berge, Schokolade, Volksabstimmungen, freie Arztwahl: So könnte eine in vier Stichworten verdichtete Beschreibung der Schweiz lauten. Dass man, wenn es in Bauch oder Gelenken zwickt, einen Doktor seines Vertrauens aufsuchen darf, bezeichnete bisher einen Teil des schweizerischen Lebensgefühls.

Doch jetzt setzt der Bundesrat zu einem radikalen Schnitt an: Die freie Arztwahl soll wegfallen, und alle Versicherten würden dazu gezwungen, eine «Erstberatungsstelle» aufzusuchen. Diese hätte fortan die Macht, zu entscheiden, ob das Leiden von einem Spezialisten behandelt werden darfoder ob sich die hilfesuchende Person mit einer billigen Behandlung zu begnügen hat.

Es droht ein bürokratisches Konstrukt.

Es ist ein Irrpfad, auf den sich der Bundesrat hier begibt. Allein schon deshalb, weil der Vorschlag chancenlos ist: Die Managed-Care-Vorlage von 2012, die an der Urne 76 Prozent Nein-Stimmen einfuhr, hätte den Versicherten deutlich weniger Fesseln angelegt. Natürlich kann der Bundesrat darauf verweisen, dass sich inzwischen eine Mehrheit der Leute aus freien Stücken für Modelle mit eingeschränkter Arztwahl entscheidet. Nur dürfte es psychologisch einen grossen Unterschied machen, ob man ein solches Modell freiwillig wähltoder ob man weiss, dass man für alle Zeit an eine «Erstberatungsstelle» gebunden bleibt.

Der Ansatz überzeugt auch inhaltlich nicht. Die Probleme scheinen im sperrigen Begriff Erstberatungsstelle bereits angelegt: Es droht ein bürokratisches Konstrukt mit komplizierter Handhabe der nachgelagerten Versicherungsmodelle und Kosten, die einen Teil der erhofften Einsparungen wieder neutralisieren.

Gewiss soll man Leistungen der obligatorischen Krankenkasse nicht quasi ab Speisekarte konsumieren dürfen. Der Bundesrat geht aber zu weit, wenn er nun den Wettbewerb unter den Anbietern derart eindampft. Qualitativ besser wird das Gesundheitswesen dadurch bestimmt nicht. Am Ende vielleicht nicht einmal günstiger.