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Nummer 2 nach PutinDer Auffällige im Ministerium für Fake News

Oleg Matytsin ist seit diesem Jahr der Sportminister von Russland. In der Corona-Krise überrascht der vierfache Träger eines Doktortitels nun mit einem bemerkenswert dreisten Vorschlag.

Mit dem Präsidenten winken: Oleg Matytsin (links) zelebriert mit Wladimir Putin die Eröffnungsfeier der Winteruniversiade von 2019 in Krasnoyarsk.
Mit dem Präsidenten winken: Oleg Matytsin (links) zelebriert mit Wladimir Putin die Eröffnungsfeier der Winteruniversiade von 2019 in Krasnoyarsk.
Keystone

Es kann in Russland rasant gehen: Kaum hatte Präsident Wladimir Putin im Januar seine Rede zur Lage der Nation gehalten und Verfassungsänderungen vorgeschlagen, da trat wie von Zauberhand die gesamte Regierung zurück. Und so wurde aus dem Hochschullehrer und -politiker Oleg Matytsin flugs der höchste Sportler im Staat – oder nach Präsident Putin immerhin die Nummer 2.

Sportminister also war der 56-Jährige vom einen auf den anderen Tag und damit Vorsteher eines riesigen Problems: Denn weiterhin gilt Russland wegen seines breiten Dopens als kontaminiert und wird darum von vielen wichtigen internationalen Sportereignissen ferngehalten – zumindest als Nationalteam mit allen Insignien.

Nun ist der Neo-Sportminister erstmals international aufgefallen, mit einem bemerkenswerten Vorschlag. In dieser globalen Krise wegen Corona, so sinnierte Matytsin öffentlich, habe die Welt zusammenzustehen, auch im Sport. Ergo sei es an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen und den Sportbann über Russland aufzuheben. Zum Wohl aller sei das. Schliesslich könne Russland, das zurzeit keine Grossevents durchführen darf, dann dafür sorgen, dass sich Athleten aus aller Welt auf russischem Boden sportlich vereinten.

Leugnen, kleinreden, verwedeln

Matytsin vergass bei seinem Auftritt darum auch die Grussbotschaft an die Sportjuristen in Lausanne nicht. Schliesslich müssen diese urteilen, ob der Bann der Welt-Anti-Doping-Agentur bestehen bleibt. Dagegen rekurrierten verschiedene russische Player, allen voran die Anti-Doping-Agentur. Matytsin riet den Juristen also, nicht an dieser Vor-Corona-Denkweise festzuhängen, wie gesagt: zum Wohl aller.

Der frühere Tischtennisspieler von nationalem Niveau setzt damit eine Tradition russischer Sportminister fort, die aus einem Dreiklang besteht: A) Betrug leugnen. B) Betrug kleinreden, wenn die Fakten zu erdrückend sind. C) Möglichst am Fall vorbeischwadronieren, falls A und B nicht fruchten.

Ein Meister von A, B und C war sein Vorgänger Pavel Kolobkow, der 2016 Witali Mutko abgelöst hatte, einen der mutmasslichen Verantwortlichen des Doping-Betrugs der 2010er-Jahre. Kolobkow, Fecht-Olympiasieger von 2000, behauptete gar noch, sein Land habe nie manipuliert, als der russische Anti-Doping-Chef längst das Gegenteil zum Fakt erklärt hatte. Putins Rochade hat den Erfolglosen, Russland ist ja weiter vom Topsport verbannt, nun zu Gazprom geführt, wie auch sein Vorgänger Mutko weich fiel: Er leitet mittlerweile einen Staatsbetrieb im Wohnungsbau.

Das Urteil ohne Folgen

Matytsin also soll nun nach aussen beruhigen und signalisieren, dass Russland irgendwie schon auch ein bisschen beteiligt war am Schlamassel, zugleich nach innen aber den harten Verteidiger der Heimat geben. Als langjähriger Sportfunktionär auf internationaler Ebene – er präsidiert den internationalen Hochschulverband seit 2015 und ist Mitglied der IOK-Kommission für Erziehung/Ausbildung – ist er breit vernetzt.

Und während er in seinem CV selbst periphere Aufgaben für den Sport auflistet, fehlt eine interessante Facette: 2012 wurde er von einem Moskauer Stadtgericht wegen Amtsmissbrauch verurteilt. Er hatte in seiner Funktion als Uni-Rektor einen Landteil vermietet und damit seine Kompetenzen überschritten. Staatsanwaltschaft wie Verteidigung zogen die Causa weiter, bis sein Fall verjährte – wegen Verschleppung.