Der anständige Sprengkandidat

Christophe Gagnebin, Ex-Grossrat aus Tramelan, verkörpert die rot-grüne Regierungsalternative zu Pierre Alain Schnegg (SVP). Doch auf den Mann spielen mag der SP-Herausforderer nicht.

Für Christophe Gagnebin steht das Weiterbildungszentrum CIP im heimatlichen Tramelan für den Wiederaufschwung des Berner Juras.

Für Christophe Gagnebin steht das Weiterbildungszentrum CIP im heimatlichen Tramelan für den Wiederaufschwung des Berner Juras. Bild: Franziska Rothenbühler

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Der Auftrag der Partei ist klar. «Wir treten mit Christophe Gagnebin gegen Regierungsrat Pierre Alain Schnegg an», sagte die bernische SP-Präsidentin Ursula Marti zum Wahlkampfauftakt. Denn Schnegg, der 2016 gewählte SVP-Regierungsrat, führe den Kanton «in neoliberaler Manier wie eine Firma». In seiner Welt, klagte Marti an, «kommen bedürftige Menschen nicht vor, oder wenn, dann haben sie es nicht verdient, dass ihnen geholfen wird». Gagnebin, der 54-jährige Berufsschullehrer und Gemeinderat aus Tramelan, soll für die SP den garantierten Jura-Sitz zurückerobern – und damit die 2016 verlorene rot-grüne Mehrheit in der Kantonsregierung. Gagnebin gegen Schnegg – dieses Duell steht für die SP auf der Agenda.

Doch spricht man Gagnebin auf den Rivalen an, den er besiegen soll, äussert er sich differenziert. «Schnegg ist kein typischer SVPler, kein Blocher», sagt er. «Er fühlt sich nicht wohl, wenn man sich bei einer Berner Schlachtplatte gegenseitig auf die Schultern klopft.» Schnegg sei der rationale Typ. Ein Tatmensch, der wohl näher bei der FDP stehe.

«Kandidat für eine andere Politik»

Entsprechend ist das Credo des Herausforderers. Er setze nicht auf persönliche Attacken, sagt Ex-SP-Grossrat Gagnebin. «Ich bin nicht Kandidat gegen Schnegg, sondern für eine andere Politik.»

Doch auch das Leitmotiv seiner Rede zum Wahlauftakt überrascht – zumindest auf den ersten Blick. «Revolution 4.0, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Algorithmen» seien Vorboten tief greifender Umwälzungen. Die Herausforderung bestehe darin, sagte er etwa, dass auch kleine und mittlere Firmen «Zugang zu diesen neuen Technologien haben und mit ihnen umgehen können». Nötig seien hoch qualifizierte Mitarbeitende, bei der Berufsbildung «muss ein Spitzenniveau angestrebt werden».

Das erinnert doch sehr an die wirtschaftspolitischen Predigten von Johann Schneider-Ammann, dem FDP-Wirtschaftsminister. Und: Schnegg würde dies wohl sofort unterschreiben.

Doch Gagnebin geht es um viel mehr als wirtschaftliche Fitness im globalen Wettbewerb. «Fortschritt ist nur dann gut, wenn alle davon profitieren können», sagt er. Anders als für Schneider-Amman oder Schnegg kommt es für ihn nicht infrage, die Entwicklung allein den Marktkräften zu überlassen. Denn: «Wenn wir dies tun, riskieren wir eine soziale Krise extremen Ausmasses.»

«Unerträgliche» Sozialhilfereform

Zwar ist es Gagnebin ernst mit der Warnung, dass die Wirtschaft und speziell die Industrie den Anschluss nicht verpassen dürfen. Denn er hat die schweren Folgen der Uhrenkrise der 1970er-Jahre im Berner Jura miterlebt.

Aber eben, Wirtschaft, auch wenn sie brummt, ist für ihn kein Selbstzweck. «Die Digitalisierung bietet Chancen, aber die werden nicht von alleine kommen.» So könne Arbeit zu Hause nützlich sein, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Sie könne aber auch zu prekären Arbeitsverhältnissen führen.

Schnegg, so kritisiert er seinen Rivalen nun doch, spreche oft davon, dass die Leute sich vermehrt um ihre Familienangehörigen kümmern sollten. «Aber er betrachtet dies nur aus Sicht der Wirtschaft und der Kosten.» Es sei die Aufgabe des Staates, «dafür zu sorgen, dass niemand am Rande des Weges zurückbleibt». Gerade wegen der technologischen Umwälzung «müssen wir neue Formen der Umverteilung finden, die Frage eines Grundeinkommens etwa muss diskutiert werden».

Die Sozialhilfereform, die Schnegg durch den Grossen Rat brachte, ist für Gagnebin «inakzeptabel». Klar gelte es, Missbräuche in der Sozialhilfe zu bekämpfen. Es sei aber «unerträglich», dass der Kanton Bern nun die schweizweit vereinbarten Ansätze der Sozialhilfe unterbiete. Als Regierungsrat würde Gagnebin Gegensteuer geben.

«Ich werde ihn bestimmt nicht wählen», sagt der ehemalige Steffisburger Unternehmer und FDP-Grossrat Peter Rychiger. Das liege jedoch an Gagnebins politischer Ausrichtung – nicht an seiner Person. «Gewisse Führungsqualitäten würde ich ihm nicht absprechen», sagt Rychiger. «Er war im Grossen Rat nicht ein Hinterbänkler, den man vergessen hat.» Gagnebin politisiere zwar klar auf SP-Linie, «doch er war auch interessiert, gemeinsam mit Politikern aus anderen Parteien nach Lösungen für konkrete Probleme zu suchen».

Der ehemalige SP-Präsident Roland Näf hat Gagnebin «als im positiven Sinn sehr zurückhaltenden und ruhigen Grossrat» in Erinnerung. «Er war immer sehr überlegt und dossierfest.» Jedoch habe er – obwohl er perfekt Hochdeutsch spricht – als Vertreter der französischsprachigen Minderheit «Mühe gehabt, wahrgenommen zu werden».

Dies gilt auch im Wahlkampf. Gagnebin ist, auch weil er 2008 als Grossrat zurücktrat, bei der Wählerschaft wenig bekannt. Schnegg war zwar vor seiner Wahl ebenso unbekannt – doch das ist nun völlig anders. Mit seinem Verzicht darauf, als Anti-Schnegg aufzutreten, vergibt Gagnebin im Wahlkampf eine Chance, mehr Bekanntheit zu erlangen. Dies sei dennoch richtig, findet Näf. «Wenn man im Wahlkampf auf die Person zielt, hat man sofort schlechtere Karten.» Vor allem bei Regierungskandidaten goutiere die Wählerschaft persönliche Angriffe nicht.

«Schlimmstmöglicher Kandidat»

Das härteste Urteil über Gagnebin kommt vom projurassischen Parti Socialiste Autonome (PSA). Gagnebin sei «der schlimmstmögliche» Kandidat, erklärte PSA-Präsident Valentin Zuber in der «Berner Zeitung». Darin spiegelt sich, dass Gagnebin dezidiert für den Verbleib des Berner Juras im zweisprachigen Kanton Bern eintrat. Der PSA hat mit der jungen Aktivistin Maurane Riesen eine eigene Kandidatur lanciert, die Gagnebin im Berner Jura Stimmen kosten dürfte – und damit seine Chance schmälert, mit einem guten Resultat dort, das aufgrund der speziellen Wahlformel für den Jura-Sitz stark gewichtet wird, einen Rückstand auf Schnegg im ganzen Kanton aufzuholen. Dies sei abstrakte Wahlarithmetik, sagt Gagnebin. Er verweist auf das Beispiel von Philippe Perrenoud, der 2006 als SP-Kandidat den Jura-Sitz eroberte, obwohl der PSA ebenfalls kandidierte. (Der Bund)

Erstellt: 01.03.2018, 08:00 Uhr

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Die «Bund»-Serie

Wer sind die Regierungsräte, die am 25. März zur Wiederwahl antreten? Wer will neu in die Regierung? Der «Bund» präsentiert alle Kandidierenden. Im Vordergrund stehen die Bisherigen Christoph Ammann (SP), Christoph Neuhaus (SVP), Pierre Alain Schnegg (SVP), Beatrice Simon (BDP) und die chancenreichsten Neubewerber Evi Allemann (SP), Christine Häsler (Grüne), Philippe Müller (FDP). Die Herausforderer sind Christophe Gagnebin (SP), Michael Köpfli (GLP), Hans Kipfer (EVP) und etliche Aussenseiter. Alle Texte: bernerwahlen.derbund.ch.

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im Weiterbildungszentrum

«Wenn man im Berner Jura etwas veranstalten will, denkt man sofort an das CIP», sagt SP-Regierungskandidat Christophe Gagnebin. Das Centre interrégional de perfectionnement (CIP) sei die Leuchtturm-Institution in Tramelan. Das Weiterbildungszentrum wurde geschaffen, als man realisierte, dass im Gefolge der Uhrenkrise der 1970er-Jahre keine Uhrmacher mehr ausgebildet wurden. Hier führen vor allem Industriefirmen der Region ihre Weiterbildungen durch.
Wie Gagnebin im Video auf drei Behauptungen reagiert: gagnebin.derbund.ch. (st)

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