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Gastkommentar zum Tscharni-StreitDer Ästheten-Fraktion sind Familien offenbar egal

Mein Vater war einer der Erbauer des Tscharnerguts. Er hätte nichts gegen den Abriss eines seiner Wohnblocks gehabt.

Der historische Wohnblock an der Fellerstrasse 30 soll abgerissen werden, ganz zum Entsetzen von Architektinnen und Heimatschützern.
Der historische Wohnblock an der Fellerstrasse 30 soll abgerissen werden, ganz zum Entsetzen von Architektinnen und Heimatschützern.
Foto: Franziska Rothenbühler

«Tscharniblues» – der Film macht Furore, aber dem Hauptprotagonisten, dem Tscharni, geht es an den Kragen. Wenn sich mein Vater – einer der Erbauer des Tscharnerguts – über etwas im Tscharni ganz besonders freute, waren es die vielen Kinder, die auf dem Mittelweg mit Velöli und Trottis oder im Winter am Schlittelhang unterwegs waren.

Für ihn der Beweis, dass in dieser für Bern pionierhaften Siedlung auf Anhieb das Konzept einer familienfreundlichen Lebensform gelungen war. Heute, nach sechzig Jahren, sind die hauptsächlich mit kleinen 3-Zimmer-Wohnungen ausgerüsteten Scheibenhäuser mehrheitlich von älteren Menschen in 1- bis 2-Personen-Haushalten bewohnt und die Bausubstanz ist sanierungsbedürftig. Schweizer Familien mit Kindern sind rar geworden.

Das Quartier soll leben

Diese Entwicklungen sind bekannt und nicht nur im Tscharnergut zu beobachten. Seit mehr als zehn Jahren ringt die Eigentümerin des grössten Wohnungsbestands, die Familienbaugenossenschaft Fambau, um einen gangbaren Weg der respektvollen Sanierung, der sowohl die bautechnischen und denkmalpflegerischen als auch die gesellschaftlichen Aspekte und die Mieterperspektive in ein Gleichgewicht bringt. Ziel ist es, das Tscharnergut für die nächsten Generationen nicht nur als ästhetische Hülle, sondern als lebendiges, sich weiter entwickelndes Ensemble zu erhalten.

Der Schlüssel dazu wären: ein guter Generationenmix dank verschiedenen Wohnungstypen, familien- und behindertenfreundlich, ein durch die Fambau langfristig gesichertes gutes Preis-Leistungs-Verhältnis nach gemeinnützigen Vermietungsregeln.

Aussen fix, innen nichts?

In einer Planungsvereinbarung von 2011 wurde vereinbart, dass an einem Pilotprojekt, dem Scheibenhaus Waldmannstrasse 25, die Möglichkeiten einer Sanierung, die alle Aspekte berücksichtigt, getestet werden sollten. Unter höchsten denkmalpflegerischen Rücksichten wurde für rund 27 Millionen – das ist praktisch der Preis eines Neubaus – von einem renommierten Architektenteam das ganze Gebäude saniert. Trotz des denkmalpflegerischen Sündenfalls – Ersatz der ganzen Westfassade durch eine um drei Meter verbreiterte Loggiazone und Totalersatz der Erschliessungstürme – resultierte ein optisch ansprechendes und von der Denkmalpflege und gewissen Architektenkreisen sehr gelobtes Resultat.

Doch dieses Resultat weist leider einige Schönheitsfehler auf: Trotz der 27 Millionen Baukosten ist das sanierte Gebäude weder erdbebensicher, noch entspricht es den Behindertennormen und Energievorschriften. Es ist nach wie vor äusserst ringhörig. Als schlimmster – weil konstruktionsbedingt nicht korrigierbarer – Fehler erweist sich die Monokultur von kleinen 3-Zimmer-Wohnungen. Klar, früher wurden diese von Familien mit zwei bis drei Kindern gemietet. Aber heute?

Der Stadt Bern scheint es sehr gut zu gehen, wenn sie sich diesen ökonomischen Unsinn leisten will.

Da bleibt wohl wirklich nur die zynische und elitäre Bemerkung des im «Bund»-Artikel vom 18. August zitierten BSA-Architekten, der feststellt, dass die Fünfzigerjahre grad wieder sehr trendy seien. Und dass die Zuwanderung den Bedarf an günstigen Wohnungen befeure. Der Ästhetenfraktion ist es offenbar gleichgültig, wenn sich das Quartier künftig allenfalls als Auffangbecken für prekäre Fälle erweist, die anderswo nicht unterkommen.

Die Fambau ist jedoch mit ihren Argumenten beim Regierungsstatthalter durchgedrungen: Er hat einen in der äusseren Erscheinung identischen Ersatzneubau und damit den Erhalt des Siedlungskonzepts bewilligt. Ein Sieg der Vernunft, den zu unterstützen auch der Stadt Bern gut anstünde.

Apropos Nachhaltigkeit

Der Stadt Bern als Landeigentümerin scheint es sehr gut zu gehen, dass sie sich – mit dem Segen von
ganz oben – diesen ökonomischen Unsinn leisten will, ein ganzes Quartier mit rund 1100 Wohnungen unter der Glasglocke der Denkmalpflege einfrieren zu lassen. Wie passt das zum Legislaturziel, vielfältiges Wohnen für alle zu fördern?

Von Nachhaltigkeit, der sich praktisch alle Regierungsparteien lauthals rühmen, gar nicht zu sprechen. In spätestens zwanzig Jahren wird die Fambau mit ihren heute halbbatzig geflickten Denkmalgebäuden wieder am selben Punkt stehen. Man kann nur hoffen, dass sie sich dannzumal immer noch Mühe und Aufwand eines sorgfältig eingepassten Ersatzneubaus wird leisten können. Die heutigen Verhinderer werden das jedenfalls nicht mehr zu verantworten haben.

Sabine Schärrer ist diplomierte Architektin ETH und lebt in Bern. Sie ist die Tochter des Architektenpaars Hans und Gret Reinhard, die das Tscharnergut mitkonzipiert haben.