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Gastkommentar zum Tscharnergut-StreitDer Abriss im «Tscharni» verstösst gegen Treu und Glauben

Warum ein Baudenkmal abbrechen, wenn eine sanfte Sanierung wirtschaftlich tragbar und ökologisch sinnvoller ist?

Blick auf das Tscharnergut im Westen der Stadt Bern: Das Gebäude Fellerstrasse 30 befindet sich im Hintergrund rechts.
Blick auf das Tscharnergut im Westen der Stadt Bern: Das Gebäude Fellerstrasse 30 befindet sich im Hintergrund rechts.
Foto: Valérie Chételat

Sabine Schärrer hat im «Bund» mit spitzer Feder ein Plädoyer für den Abbruch eines grossen Scheibenhauses an der Fellerstrasse 30 im Tscharnergut geschrieben. Sie favorisiert ein Neubauprojekt des renommierten Architekturbüros Reinhardpartner, an dem ihr Bruder beteiligt ist. Ihr Beitrag hält sich nicht an alle Fakten und kann deshalb nicht unwidersprochen bleiben.

Die Stadt Bern und die beteiligten Baugenossenschaften des Tscharnerguts haben im Jahr 2011 eine wegweisende Planungsvereinbarung unterzeichnet. Darin verpflichten sich alle Beteiligten, die Scheibenhäuser nicht abzubrechen, sondern zu sanieren. Als Grundlage dieser Vereinbarung dienten die Resultate eines mehrjährigen und sorgfältigen Abklärungsprozesses, welcher auch die Bausubstanz berücksichtigte. Für dieses Sanierungsverfahren erhielt die Stadt Bern vom Kanton einen mit 200’000 Franken dotierten Preis als Würdigung des respektvollen und innovativen Umgangs mit der denkmalgeschützten Bausubstanz. Die Fambau hat diese Vereinbarung mitunterzeichnet und will sie nun nicht mehr einhalten. Ihr Handeln verstösst gegen Treu und Glauben.

Erfolgreiche Sanierungen

Die bisher vorgenommenen Sanierungen im Tscharnergut waren erfolgreich verlaufen. Insbesondere ist der Erfolg für die Sanierung der Baugesellschaft Brünnen-Eichholz an der Waldmannstrasse 39 unbestreitbar. Dort wurde die Sanierung mit einer Raumschichterweiterung vorgenommen, die moderne Wohnungsgrundrisse mit 80 Quadratmetern für 3-Zimmer-Wohnungen erlaubt. Die Gesamterneuerung erfüllt alle gesetzlichen Auflagen betreffend Erdbebensicherheit, Behindertengerechtigkeit und Energie auch nach den aktuell gültigen Bauvorschriften. Alle Wohnungen waren bereits drei Monate vor Ende der Umbauarbeiten vermietet. Die Sanierung kostete 24,5 Millionen Franken, was weit unter den Kosten eines typähnlichen Neubaus liegt. Die Baugesellschaft Brünnen-Eichholz erzielt heute mit dieser Liegenschaft eine auch auf lange Sicht nachhaltige und kostendeckende Rendite, und die Mieterinnen und Mieter profitieren von tieferen Mietzinsen im Vergleich zu Neubauwohnungen.

Bern darf stolz sein auf sein Tscharnergut. Die Bewohner fühlen sich eng damit verbunden. In Fachkreisen geniesst es gar Weltruf.

Bern darf stolz sein auf sein Tscharnergut. Die Menschen, die dort wohnen, fühlen sich eng damit verbunden. In Fachkreisen geniesst das Tscharnergut gar Weltruf. Das Tscharnergut ist deshalb im kantonalen Bauinventar als schützenswert eingestuft und auch auf Bundesebene in höchstem Mass als schützenswert bewertet. Das hindert Architektin Sabine Schärrer nicht daran, das Tscharnergut «schlechtzureden», von Monokultur bei den Grundrissen zu sprechen und sogar die angeblich fehlenden Schweizer Familien (!) als Begründung für den Abbruch dieses Baudenkmals zu bemühen.

Zerstörung ist ökologisch unsinnig

Im gesamten Tscharnergut gibt es nicht nur 3-Zimmer-Wohnungen, sondern auch zahlreiche gut dimensionierte 4-Zimmer-Wohnungen. Dies trifft insbesondere auf die vom Abbruch bedrohte Liegenschaft zu. Der Berner Heimatschutz hat sehr viel Verständnis dafür, das Tscharnergut als gut durchmischtes Quartier auch für Familien attraktiv zu halten. Die Familienfreundlichkeit muss sich aber auch an allen heutigen und künftigen Familienformen (zum Beispiel mit Einelternfamilien) orientieren und nicht nur am traditionellen Familienbild mit zwei bis drei Kindern.

Wenn im Gastkommentar am Schluss die Nachhaltigkeit eines Abbruchs und Ersatzneubaus hervorgehoben wird, dann setzt der Berner Heimatschutz auch hier ein Fragezeichen. Die Zerstörung einer grossen Liegenschaft mit 64 Wohnungen ist ökologisch unsinnig, aus Sicht der Zirkulärwirtschaft eine regelrechte Verschwendung von Materialien und Ressourcen. Die Liegenschaft kann dank sinnvoller Renovation weiteren Generationen erhalten bleiben.

Es geht anders. Der Berner Heimatschutz wehrt sich gegen den Abbruch im Tscharnergut nicht nur wegen des hohen Schutzgrades als Baudenkmal, sondern auch, weil die sanfte Sanierung wirtschaftlich tragbar ist und ökologisch Sinn macht.

Luc Mentha ist SP-Grossrat und Präsident des Berner Heimatschutzes.