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Lebenslänglich für Attentäter von Christchurch«Denken Sie im Gefängnis daran, was Sie mir angetan haben»

Von Angst, Schmerz und Wut berichteten Angehörige und Opfer dem neuseeländischen Gericht – und dem Attentäter Brenton T., der das Gefängnis nicht mehr lebendig verlassen wird.

«Vergiss niemals diese zwei Augen, vor denen du weggelaufen bist»: Abdul Aziz Wahabzadah, der den Attentäter 2019 in die Flucht schlug, vor Gericht.
«Vergiss niemals diese zwei Augen, vor denen du weggelaufen bist»: Abdul Aziz Wahabzadah, der den Attentäter 2019 in die Flucht schlug, vor Gericht.
Foto: John Kirk-Anderson (Getty Images)

Noch einmal hat Abdul Aziz Wahabzadah diese Woche seine Geschichte erzählt, wie schon im März 2019, am Tag nach dem Terroranschlag von Christchurch: wie er den Attentäter in der Moschee an der Linwood Avenue erblickt hat – bewaffnet und bereit zu töten. Wie er dann geistesgegenwärtig eine der Waffen ergriff, die Brenton T. auf dem Beifahrersitz seines Autos liegen gelassen hatte. Wie er ihn damit bedrohte, obwohl die Waffe gar keine Munition hatte. Wie er den Attentäter so in die Flucht schlug und weitere Morde verhinderte. (Lesen Sie auch unseren Kommentar: Die Antwort der Opfer)

Wahabzadah, der als afghanischer Flüchtling nach Neuseeland gekommen war, erzählte seine Geschichte nicht dem Gericht und auch nicht der Weltöffentlichkeit. Das hat er in den vergangenen 17 Monaten oft genug getan, er gilt längst als einer der vielen Helden von Christchurch. Er richtete sie diesmal direkt an T., der ihm im Gerichtssaal gegenübersass. «Vergiss niemals diese zwei Augen, vor denen du weggelaufen bist», sagte Wahabzadah. Er nannte T. einen Feigling, er habe die «Angst um sein eigenes Leben» im Gesicht des Attentäters gesehen, als er ihn mit der ungeladenen Waffe verfolgte. T. solle dankbar dafür sein, dass die Schrotflinte keine Munition hatte, es wäre sonst «eine andere Geschichte» gewesen.

Lebenslang ohne Aussicht auf Bewährung

Wahabzadah war einer aus der Gruppe von 91 Menschen, die sich beim wichtigsten Prozess in der Geschichte Neuseelands an den Mann wandten, der ihnen und ihren Familien so viel Leid zugefügt hat und dafür nun seine Strafe bekommt. Lebenslange Haft ohne Aussicht auf Bewährung lautet das Urteil für T., für Mord in 51 Fällen, versuchten Mord in 41 Fällen und für die Ausführung eines terroristischen Anschlags. Es ist ein bislang noch nie verhängtes Strafmass in Neuseeland. «Ihre Taten waren inhuman», sagte Richter Cameron Mander bei der Urteilsverkündung: «Sie zeigten keine Gnade. Sie sind nicht nur ein Mörder, sondern ein Terrorist.» T. habe versucht, Neuseelands «way of life» anzugreifen.

Dass der Terrorist mit diesem Angriff auf das Herz Neuseelands jedoch gescheitert ist, zeigte der viertägige Prozess: In einer beeindruckenden Prozession adressierte ein Betroffener nach dem anderen seine Aussage an den Attentäter. Unter den Zeugen waren Geflüchtete, Migranten, alteingesessene Neuseeländer – sie alle stellten gemeinsam ein Abbild der offenen Gesellschaft dar, die Neuseeland bewohnt und die der Terrorist versucht hatte zu zerstören.

«Ich kann nichts mehr normal machen»: Der Attentäter hat Sazada Akhter schwer verletzt. Sie lag 35 Tage im Koma – heute sitzt sie im Rollstuhl.
«Ich kann nichts mehr normal machen»: Der Attentäter hat Sazada Akhter schwer verletzt. Sie lag 35 Tage im Koma – heute sitzt sie im Rollstuhl.
Foto: John Kirk-Anderson (Getty Images)

«Wenn Sie im Gefängnis sind, denken Sie bitte daran, was Sie mir angetan haben», sagte Sazada Akhter zu T. Die 26-Jährige, eine der 40 schwer verletzten Personen, lag 35 Tage lang im Koma und sitzt seit dem Anschlag im Rollstuhl. Sie wird nie wieder gehen können, weil eine Kugel irreparable Schäden an ihrer Wirbelsäule hinterlassen hat. «Jeder Moment ist immer noch sehr hart», sagte Akhter. «Ich kann nichts mehr normal machen.»

Andere sprachen über die Angst, die sie seit dem Anschlag begleitet. «Ich bin physischen Verletzungen entkommen, aber meine emotionalen Wunden sind tief in mir, wo sie niemand sehen kann», sagte Mulki Husein Abdiwahab, die in der Al-Noor-Moschee betete, als T. angriff. Bis heute habe sie täglich Momente, in denen sie sich verängstigt fühle, in denen sie sich sorge, dass es andere wie T. geben könnte, die sie aufgrund ihres Glaubens angreifen. «Ich bin verärgert darüber, dass ich jetzt sichtbar bin», sagte Abdiwahab.

«Niemand wird sich an dich erinnern. Du wirst alleine im Gefängnis verrotten.»

Matiullah Safi

Es gab auch diejenigen unter den Angehörigen, die über Vergebung sprachen. So John Milne, der seinen Sohn verloren hat: «Ich habe dir vergeben, Brenton, obwohl du meinen Sohn Sayyaad ermordet hast», sagte Milne. Er hoffe dennoch darauf, T. im Himmel zu sehen, der Attentäter möge sich dort bei Sayyaad entschuldigen: «Ich bin sicher, er hat dir auch vergeben.»

Und dann gab es diejenigen unter den Betroffenen, die ihre Gefühle gegenüber dem Attentäter offen auslebten, die der Gruppe etwas Kämpferisches verliehen, die auch nicht davor zurückschreckten, T. offen zu beleidigen. Wasseim Daragmih, dessen vierjährige Tochter beim Anschlag verwundet wurde, sagte: «Ich bin hierhergekommen, um zu lachen und zu sehen, wie er da auf der Anklagebank sitzt und ich in Freiheit lebe.» Matiullah Safi sprach stellvertretend für sich und seine vier Brüder; sie haben ihren Vater verloren. Er sagte: «Niemand wird sich an dich erinnern. Du bist ein Niemand. Du wirst alleine im Gefängnis verrotten.»

Ein für Neuseeland einmaliger Prozess mit höchster Sicherheitsstufe: Zu Wort kamen vor allem die Opfer – der Täter schwieg grösstenteils.
Ein für Neuseeland einmaliger Prozess mit höchster Sicherheitsstufe: Zu Wort kamen vor allem die Opfer – der Täter schwieg grösstenteils.
Foto: Kai Schwoerer (Getty Images)

T. nahm die Aussagen zum grössten Teil ohne Gefühlsregungen zur Kenntnis. Ein eigenes Statement vor der Urteilsverkündung lehnte er ab, die Bühne gehörte damit ausschliesslich denjenigen, die sie verdient hatten: den Opfern und Angehörigen. T. verdiene nun «völlige Stille auf Lebenszeit», sagte Premierministerin Jacinda Ardern nach der Verkündung des Urteils und wandte sich dann an die, die ausgesagt hatten: «Nichts wird Ihnen den Schmerz nehmen, aber ich hoffe, Sie haben während dieses ganzen Prozesses die Arme Neuseelands um sich herum gespürt.»