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Büchel glänzt wieder über 800 mDen Schwierigkeiten davongelaufen

Ausgerechnet im Corona-Sommer gelingt Selina Büchel die Befreiung. Sie läuft in Triest wieder unter zwei Minuten und sagt, was das mit Zypern, Litauen und Südafrika zu tun hat.

Das Lachen und die Balance sind zurück: Selina Büchel hat zu ihrer alten Stärke zurückgefunden.
Das Lachen und die Balance sind zurück: Selina Büchel hat zu ihrer alten Stärke zurückgefunden.
Foto: Urs Flüeler/Keystone

Sie ist die Barriere. Im Kopf, da, wo das Selbstvertrauen übers Vorneweg- oder Hinterherlaufen entscheidet. Auf dem Papier, da, wo schwarz auf weiss ersichtlich wird, wer sich bei den 800-m-Läuferinnen von der Masse abzuheben vermag: die Zwei-Minuten-Marke.

Fast drei Jahre hat Selina Büchel sie verpasst, wieder und wieder. Die Toggenburgerin war im Sommer 2015 in Paris in 1:57,95 Minuten Schweizer Rekord gelaufen und verpasste darauf den Final an der WM in Peking nur knapp. Als Hallen-Europameisterin war sie dort angetreten, diesen Titel gewann sie später ein zweites Mal. Über ein Dutzend Mal ist Büchel bis 2017 unter der Marke geblieben, und diese Kontinuität festigte die Idee, noch einen Schritt weiter zu gehen.

Doch bis vergangenen Samstag vergingen über 1000 Tage, bis Büchel in Triest (ITA) zu dieser alten Stärke zurückfand. In einem Rennen, angeführt von den beiden britischen Spitzenläuferinnen Laura Muir und Jemma Reekie, wurde die 29-jährige Schweizerin in hervorragenden 1:59,97 Vierte. Verloren hatte sie auf die Siegerin Reekie lediglich eine knappe halbe Sekunde – und gewonnen? Fast alles.

«Die Erleichterung nach diesem Rennen war schon sehr gross», sagt Büchel. «Ich habe zwar daran geglaubt, dass ich es wieder schaffen kann, aber die beiden letzten Jahre waren schwierige.» 2018 bremsten sie private Probleme, über die sie nicht sprechen mag, aber auch gesundheitliche, erstmals litt sie unter Asthma. Nach der Saison gab Büchel dann bekannt, dass sie von ihren langjährigen Trainern im KTV Bütschwil zu Nationaltrainer Louis Heyer wechseln werde. Nochmals neue Impulse, neue Reize setzen. «Ich hatte es sehr gut im KTV, aber ich habe mir gewünscht, dass ich künftig mehr Athletinnen mit ähnlichen Zielen um mich habe», sagt sie.

Der Wechsel führte erst einmal zum nächsten Tiefpunkt. «Wir haben viel Neues ausprobiert, ich absolvierte auch erstmals ein Höhentraining, das ich dann aber wegen Fieber abbrechen musste», sagt Büchel. Sie wurde später noch einmal krank, 2019 wurde zur Saison, in der die Läuferin nicht annähernd an die Zwei-Minuten-Marke herankam und auf der zweiten Runde jeweils den Anschluss verpasste.

Die Ideallösung in Wil

«Ich wusste, dass die Zusammenarbeit mit Louis Heyer Zeit braucht, dass ich die Balance und das Selbstvertrauen wieder finden muss», sagt Büchel. Dass sie nun auf vielversprechendem Weg ist, hat mit dem stetig gewachsenen Umfeld zu tun, in dem sie sich in Wil SG bewegt und das sie als «Ideallösung» bezeichnet. «Ich wollte nie ins Ausland wechseln, ich bin viel zu verwurzelt in der Schweiz. Deshalb trainierten schon letztes Jahr ausländische Läuferinnen hier mit mir.» Die Zypriotin Natalia Evangelidou und die Litauerin Egle Balciunaite gehören zum Grüppchen, manchmal auch eine Südafrikanerin. «Wir haben das gleiche Ziel, wir machen das Gleiche, wir sind täglich zusammen, das ist ideal.»

Und die Balance scheint Büchel nun auch auf der Bahn gefunden zu haben. Anstatt offensiv wie vergangene Saison startete sie nun durchwegs defensivvorsichtig, abwartend, um gegen Ende Reserven freizumachen. «In Bern vor knapp zwei Wochen merkte ich, dass mehr drin liegt, da bin ich gar nicht richtig ins Rennen gekommen», sagt sie. In Triest dann kam ihr der Rennverlauf entgegen. Verhältnismässig langsame erste Runde, «und dann wusste ich, dass die Britinnen aufdrehen würden, also hielt ich mich an sie».

Die Taktik ist aufgegangen und auch der Knopf. Büchel scheint ihren Schwierigkeiten davongelaufen zu sein. Sie sagt: «Es ist mega cool, ich weiss nun, dass ich es wieder kann – und es liegt noch mehr drin.» Dass sie den Schritt im speziellen Corona-Sommer schaffte, erstaunt sie nicht allzu sehr. «Ich hatte Zeit, Ruhe und viel Erholung.»