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Gastkommentar zum WandalphabetDas Wandbild muss weg! – Nein!

Wer die Bilder im Berner Wylergut-Schulhaus zu Rassismus-Dokumenten hochstilisieren will, verharmlost den tatsächlichen Rassismus überall auf der Welt.

Das umstrittene Wandbild im Schulhaus Wylergut: Die angeblich rassistischen Tafeln wurden von Unbekannten übermalt.
Das umstrittene Wandbild im Schulhaus Wylergut: Die angeblich rassistischen Tafeln wurden von Unbekannten übermalt.
Foto: Adrian Moser

Wie ist es möglich, dass ein Projekt den Titel tragen darf «Das Wandbild muss weg!»? Allein die Sprachform, dieser schreckliche «kategorische Imperativ», erinnert an Fürchterliches. Wer ein bisschen Geschichtskenntnisse hat, denkt in Bern an den Bildersturm von 1528. Die «Götzen» mussten damals aus dem Münster weg, mussten der neuen Religion – der protestantischen – weichen. Heute geht es um das Wandbild von Eugen Jordi und Emil Zbinden im Wylergut-Schulhaus, ein illustriertes Alphabet aus 26 Tafeln; jede enthält ein Bild und den Buchstaben des dazugehörigen Worts.

Es muss weg, weil ihm die städtische Kommission für Kunst im öffentlichen Raum «rassistische und kolonialistische Stereotype» unterstellt. Und eine Jury nach einem Wettbewerb ein Projekt kürt, bei dem ein Verein mit 55’000 Franken der Stadt und weiter gesammeltem Geld das Wandbild entfernen, in ein Museum transportieren und dort erklären soll. Es geht um ein Kunstwerk, das von Vandalen teilweise übermalt worden ist; der Gemeinderat äusserte für die Gründe der Zerstörer Verständnis und verzichtete auf eine Anzeige wegen Sachbeschädigung.

Auch die Bilderstürmer damals haben sich im Recht gefühlt, Kunst zu zerstören, im Namen der richtigen Weltanschauung oder Religion. Sind wir wieder so weit? Oder geht es gar schon in Richtung der «Entartete Kunst»-Mentalität von 1937?

In wessen Namen reden die «Das Wandbild muss weg!»-Leute? Die Selbstgerechten und ihrer Meinung nach zu Recht Empörten? Im Namen der Allgemeinheit? Statt zu sagen, das geht nicht, lässt man die Gründung eines Vereins zu mit diesem Namen und stattet ihn noch quasi mit «Betriebskapital» aus, mit öffentlichen Geldern notabene. Und bestätigt den Beteiligten die Legitimität ihres Tuns, indem man sie in ein offizielles Diskussionsforum einbindet. Das ist ein Skandal. Kaum zu fassen ist ebenso, dass der Gemeinderat für Kunstschändung und Kunstzerstörung Verständnis aufbringt, weil sie angeblich «gut gemeint» war.

Beide Seiten, die Kunstvandalen und jene, die sie nicht als solche bezeichnen mögen, agieren aus einer Zeitstimmung heraus oder folgen sogar einem Trend. «Sensibilisiert» durch die Vorfälle in den USA, durch die «Black Lives Matter»-Bewegung, sucht und sieht man nun überall Rassismus, den man – bevor er auch nur bewiesen ist – bekämpfen darf und muss, wie und womit auch immer. Der edle Zweck heiligt die Mittel.

Wie kann man diese Bilder hochstilisieren zu Dokumenten eines Rassismus, der mit jenem des Polizisten in Minneapolis vergleichbar sei, und die deshalb zu vernichten seien?

Wenn man ein Werk von zwei unbescholtenen, engagierten und verdienten Künstlern zerstört, weil dieses – vor siebzig Jahren geschaffen – angeblich rassistisch und kolonialistisch ist, zeigt man nicht nur keinen Respekt vor den Künstlern, sondern verleumdet und desavouiert Eugen Jordi und Emil Zbinden noch posthum.

Die Porträts von Menschen mit den Buchstaben «C», «I» und «N» mögen nach ihrer Entstehungszeit etwas naiv und klischeehaft sein. Sie waren für Kinder gedacht und wollten diesen damals die Welt aufmachen, ihnen andere Kontinente, andere Menschen zeigen, freundlich und liebevoll, wohl auch ein wenig lustig. Aber sie sind mit Sicherheit nicht bösartig und verachtend.

Wie kann man behaupten, die engagierten Philanthropen Jordi und Zbinden hätten «die Menschheit nach Hautfarbe» – gemeint ist natürlich rang- und wertmässig – eingeteilt? Wie kann man diese Bilder hochstilisieren zu Dokumenten eines Rassismus, der mit jenem des Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis vergleichbar sei, und die deshalb zu vernichten seien?

Wer das tut, hat nicht nur wenig bis kein Geschichtsbewusstsein. Er oder sie verharmlost letztlich die schrecklichen Ereignisse in den USA und überhaupt den tatsächlichen Rassismus überall auf der Welt. Denn dort geht es nur noch um Hass, Verachtung, Vernichtungswillen, Machtmissbrauch und um nackte Lust an brutalster Gewalt, am Töten.

Niemand sagt das und niemand tritt einem zwar dümmlichen, aber gefährlichen Trend entgegen. Im Gegenteil. Mit der Billigung, ja, dem Segen eines links-grünen Gemeinderats darf eine Veranstaltung stattfinden unter dem Titel «Das Wandbild muss weg!». Mit Beteiligung der Uni und der Wissenschaft. Auch aus der Kunstszene kommt kaum oder sogar kein Protest. Jedenfalls nicht von deren offiziellen Repräsentantinnen oder Repräsentanten. Die müssten doch begreifen, dass es auch um sie geht.

Wehrt sich wirklich niemand für Jordi und Zbinden? Und für die Kunst? Ich bin traurig und fassungslos.

Hans Witschi war Deutschlehrer und Leiter der Theatergruppe am Gymnasium Neufeld. Er war Verwaltungsrat des Stadttheaters und Vorstandsmitglied von BeJazz.

96 Kommentare
    Stephan Steiner

    Die Diskussion um die Wandmalerei im Schulhaus Wylergut geht wirklich am Ziel vorbei. Sie erinnert an die Zeit des Bildersturmes im ausgehenden Mittelalter. - Solche Bilder fördern die Möglichkeit, sich zu erinnern und sich mit einem wichtigen Thema auseinanderzusetzen, besonders in dessen Bedeutung in der heutigen Zeit. Das Entfernen des Bildes kommt der Verleugnung eines Problems gleich und erweckt den Eindruck, das mit dem Nicht-Hinschauen dem Thema des Rassismus auf irgendwelche Weise gedient ist. - Also lassen wir das Bild wo es ist und diskutieren wir weiter!