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Krampf nach 25 Jahren Karriere«Das Unbeschwerte ist weg, jetzt ist es harte Arbeit»

Benjamin Steffen (38) hätte seine Fechtkarriere nach Tokio 2020 beendet. Doch weil der Vierte von Rio eine Medaille will, müht er sich nun durch ein Zusatzjahr.

Erfolgreichster Schweizer Mannschaftsfechter: Benjamin Steffen wurde 2018 mit dem Team Weltmeister.
Erfolgreichster Schweizer Mannschaftsfechter: Benjamin Steffen wurde 2018 mit dem Team Weltmeister.
Foto: Imago

Vielleicht war die Frage nicht ganz einfach: War es der richtige Entscheid? Denn Benjamin Steffen atmet schwer. Und sagt dann, es gebe schon Momente, in denen er sich selber frage: Kommts wirklich gut?

Kaum war Ende März die Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 um ein Jahr offiziell, postete der Fechter auf Social Media, was er sich in den Wochen zuvor schon zurechtgelegt hatte: Obwohl bereits 38 Jahre alt, dauere seine Karriere halt nochmals ein Jahr länger. Er wollte sich unbedingt die Chance geben, die Medaille doch noch zu gewinnen, die er 2016 in Rio als Vierter knapp verpasst hatte. An Europameisterschaften gibt es zwei Bronzemedaillen, an Olympia nicht, dort wird der dritte Platz ausgefochten. Das fuchst ihn. Deshalb nun also das Zusatzjahr einer ohnehin schon über 25-jährigen Karriere. «Das war ein bewusster Entscheid», sagt Steffen heute. «Ich hätte es nicht ertragen, wenn ich zu Hause auf dem Sofa meinen Teamkollegen in Tokio hätte zuschauen müssen. Zumal ich zu diesem Olympiastartplatz einiges beigetragen habe.»

Die Krux liegt im Arrangement

Ob es wirklich gut kommt, wird sich weisen. «Ich wusste aber, wenn ich verlängere, dann will ich es zu hundert Prozent tun.» Das ist in Steffens Fall ein hoher Anspruch. Denn der Basler war noch nie Profisportler, erst studierte er neben dem Fechten, heute unterrichtet er als Sport- und Englischlehrer und ist auch Sportklassenbetreuer an einem Gymnasium in Basel. Hatte er im vorolympischen Jahr sein Pensum auf 50 Prozent reduziert, sollte es nach Tokio wieder 80 Prozent betragen. Und da liegt die Krux. «Das war mit der Rektorin so arrangiert, die Stunden eingeteilt, ich muss ja auch Geld verdienen», sagt er. Doch plötzlich ging sein Plan, der nur die fünf Worte «Olympia, Medaille, und, dann, fertig» umfasst, nicht mehr auf.

Steffen gibt zu, dass er die Tragweite seines «bewussten» Entscheides, weiterzumachen, im ersten Moment nicht erahnt habe. Vor gut einem Jahr ist er auch erstmals Vater geworden, «nach Olympia hätte ich endlich mehr Zeit für das Kind gehabt. Der Bub gibt mir viel, er fordert mich aber auch.» Fechten, Schule, Familie also. Seine Ehefrau, die ehemalige Beachvolleyballerin Isabelle Forrer, hat volles Verständnis für seine Situation. «Das hilft extrem, dass sie sich in diese Lage versetzen kann. Sie nimmt es auf sich, dass sie deswegen weniger Freizeit hat», sagt er.

Auf dem Weg zum 4. Platz an den Olympischen Spielen von Rio: Benjamin Steffen und sein damaliger Trainer Gianni Muzio.
Auf dem Weg zum 4. Platz an den Olympischen Spielen von Rio: Benjamin Steffen und sein damaliger Trainer Gianni Muzio.
Foto: Andrees Latif (Reuters)

Die Olympiageschichte Steffens geht weit zurück, auch wenn die Teilnahme in Rio seine erste war. Vor 20 Jahren bereits war er in Sydney dabei, als seine Zwillingsschwester Tabea als Ersatzfechterin im Team dabei war, das Silber gewann. Vier Jahre später reiste er in einem VW-Bus dem späteren Olympiasieger Marcel Fischer nach Athen hinterher – in den Jahren zuvor war er Fischers Sparringspartner gewesen. 2008 verpassten die Schweizer die Qualifikation – und in London war der Team-Wettkampf der Männer Opfer eines gestrafften Fecht-Programms. Also Rio. «In dieser Phase mit dem italienischen Nationaltrainer Gianni Muzio habe ich mich im Team am wohlsten gefühlt, und leistungsmässig war ich kaum einmal stärker», beschreibt Steffen die Umstände, die zu seinem herausragenden 4. Platz geführt hatten.

Die Voraussetzungen sind nun ganz andere – seit Ausbruch der Corona-Pandemie sowieso. Selber wurde er bereits im März positiv auf das Virus getestet. Nachdem er sich einen Tag platt gefühlt hatte, bekam er Fieber, und als sich dieses am nächsten Tag verzogen hatte, er sich aber noch immer schlapp fühlte, riet der Arzt zum Test. «Zurückgeblieben ist nichts, ausser dass ich viel vergesslicher geworden bin», sagt er und lacht. Dass bei vielen, vielen Gesundeten tatsächlich Vergesslichkeit festgestellt wird, hat er nicht gewusst, «das war eher ein Scherz», fügt er an. Wie bei etlichen anderen Sportarten sind auch im Fechten die Ziele schnell weggebrochen, kaum ein Turnier fand mehr statt. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten finden aber noch immer keine Wettkämpfe statt. Wann der nächste Weltcup-Event sein wird, weiss Steffen nicht.

«Ich bringe die Energie nicht mehr auf, allein Kraft und Kondition zu trainieren. Ich brauchte jemanden, der mir hilft, an meine Grenzen zu gehen.»

«Es nimmt einem schon den Mumm, wenn das Ziel nicht klar ist und die Verhaltensregeln Corona-bedingt dauernd ändern», sagt er. Im Training auf der Planche, das er in Zürich und Bern absolviert, weil es in Basel kaum Fechter auf seinem Niveau gibt, ist er motiviert. Für das Krafttraining holte sich Steffen jedoch einen neuen Input. «Bis anhin habe ich immer eigenständig Kraft und Kondition trainiert, jetzt habe ich aber realisiert, dass ich diese Energie nicht mehr aufbringe. Ich brauchte jemanden, der mir hilft, jedes Mal an meine Grenze zu gehen, sonst bringt es nichts. Es ist also auch eine Qualitätskontrolle.»

Steffen verschweigt nicht, dass er sich während der vergangenen Monate mehrmals gewünscht hätte, dass dieses Zusatzjahr bereits vorbei ist. «Die Unbeschwertheit der Jahre unter Gianni Muzio ist weg. Er war wie ein zweiter Vater für mich. Jetzt ist es ein bewusstes Schaffen, hartes Arbeiten, es ist nicht mehr der gleiche Genuss wie früher.» Immerhin ist er jedoch seit Rio und seit ihm das Fechten wie hartes Arbeiten erscheint zum erfolgreichsten Mannschaftsfechter der Schweiz aufgestiegen. 2017 gewann er mit dem Team WM-Silber, 2018 wurde es Weltmeister, und 2019 kam die wichtige WM-Bronzemedaille hinzu, die für die Olympiaqualifikation zählt. Insgesamt hat er sechs WM-Medaillen.

Der Vulkan Steffen: Meist die Ruhe in Person, lassen ihn die erfolgreichen Momente explodieren.
Der Vulkan Steffen: Meist die Ruhe in Person, lassen ihn die erfolgreichen Momente explodieren.
Foto: Issei Kato (Reuters)

Das ist sein Dilemma, WM-Medaillen zuhauf, nur die Olympiamedaille fehlt. Aber er sagt: «Was soll ich mich beklagen? Ich habe ein erfülltes Leben, eigentlich ist alles schön. Ich habe eine gesunde Familie, gute Freunde und ein Umfeld inklusive Sponsoren, das an mich glaubt. Das ist wertvoll.» Zudem ist der zusätzliche Aufwand nicht ganz neu für ihn. Dieser ist mit zunehmendem Alter aber stetig mehr geworden: Der Körper verlangt gezielteres Training und mehr Regeneration.

Es ist 2020 alles anders gekommen. Und dennoch ist es eine zusätzliche Chance: Steffen ist bereit, nochmals alles aus sich herauszuholen. Klar ist für ihn aber auch: Wenn Corona oder ein mutiertes Virus die Spiele in diesem Sommer wieder nicht zulässt, «dann ist fertig».