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Spannungen im Nahen OstenDas Testen roter Linien

Der Iran und seine schiitischen Verbündeten auf der einen Seite, Israel, die USA und die sunnitischen Länder auf der anderen Seite betreiben einen Konflikt auf kleiner Flamme, der jederzeit einen Krieg auslösen könnte.

Ein Soldat bewacht Israels nördliche Grenze zum Libanon, im Hintergrund Raketenwerfer, die Teil eines Schutzschildes gegen Luftangriffe sind.
Ein Soldat bewacht Israels nördliche Grenze zum Libanon, im Hintergrund Raketenwerfer, die Teil eines Schutzschildes gegen Luftangriffe sind.
Foto: Amir Cohen (Reuters)

In der Strasse von Hormus feuern die iranischen Revolutionsgarden Raketen auf die Attrappe eines US-Flugzeugträgers. Auf den Golanhöhen schiesst Israels Armee scharf auf angebliche Eindringlinge der Hizbollah, des verlängerten Arms des iranischen Regimes im Libanon und in Syrien. Vorangegangen war ein Luftangriff der israelischen Streitkräfte auf iranische Ziele in Syrien, bei dem ein Hizbollah-Kommandeur getötet worden war.

Das sind nur die jüngsten drei einer langen Kette von schwerwiegenden Ereignissen, die sich längst zu einem unerklärten Schattenkrieg verdichtet haben. Nennen liessen sich weiter die Explosion in der iranischen Atomanlage Natans, die Tötung des Kommandeurs der Quds-Brigaden, Qassem Soleimani, durch einen Drohnenangriff der USA in Bagdad oder die Attacke auf die saudischen Ölanlagen, für die Teheran die Verantwortung trägt.

Es sind die geopolitische Grosswetterlage und die Unsicherheit mit Blick auf die Präsidentschaftswahl in den USA in weniger als hundert Tagen, die dazu beitragen, dass kein neuer Grosskonflikt in der ohnehin von Krisen und Kriegen gebeutelten Region zwischen Golf und Levante losbricht. Keine der Seiten hat Interesse an einer solchen zweifellos zerstörerischen Auseinandersetzung. Aber alle Seiten unterliegen einer grossen Versuchung, ihre Position jetzt noch zu verbessern, Nadelstiche gegen den Feind zu setzen, die roten Linien der Gegenseite auszutesten.

Golfstaaten fühlen sich im Stich gelassen

Auf der einen Seite stehen Israel, die USA und die sunnitischen Golfstaaten. US-Präsident Donald Trump will Amerika um keinen Preis in einen neuen Krieg in einer Region verwickeln, aus der er lieber heute als morgen abziehen will. Er konzentriert sich darauf, das Atomabkommen endgültig zu zerstören – sein aussenpolitisches Vermächtnis und der Versuch, Teheran auf Dauer zu isolieren.

Die Golfstaaten fühlen sich dennoch im Stich gelassen, nicht erst seit er die Attacke auf die saudischen Ölanlagen ungesühnt liess. Auf die Provokationen der vom Iran gesteuerten Milizen im Irak sah Trump sich dann veranlasst, mit der Tötung Soleimanis zu reagieren. Dass damit, wie Trumps Hintersassen behaupten, die Abschreckung gegenüber dem Iran wieder hergestellt worden ist, muss man bezweifeln.

Der Iran hat sich längst auf die asymmetrische Kriegsführung durch Stellvertreter verlegt.

Der Iran ist seinerseits zu schwach, um eine offene Konfrontation zu wagen – das weiss das Regime in Teheran nur zu gut. Es hat sich längst auf die asymmetrische Kriegsführung durch Stellvertreter verlegt, von der Hizbollah im Libanon über die schiitischen Milizen in Syrien und dem Irak bis zu den Huthis im Jemen. Dagegen haben die USA bis heute kein wirksames Mittel gefunden, die Golfstaaten noch weniger. Nur Israel hält die iranischen Truppen in Syrien durch beständige Luftangriffe einigermassen in Schach. Auf das Völkerrecht geben alle Beteiligten nichts.

Die grosse Gefahr in diesem Schlagabtausch liegt in möglichen Fehlkalkulationen. Der Iran hat trotz eindeutiger Warnungen aus Washington kaum damit gerechnet, dass Trump, nachdem er monatelang nichts unternommen hatte, auf eine aus Teheraner Sicht überschaubare Provokation im Irak mit einem Angriff auf Soleimani reagiert. Kaum jemand in Washington hat dem Iran zugetraut, eine US-Drohne abzuschiessen oder Saudiarabien zu attackieren. Nur bietet die Tatsache, dass die grosse Eskalation bislang ausgeblieben ist, keinerlei Garantie, dass es dabei bleibt. Es sind schon wegen geringerer Anlässe Kriege ausgebrochen.