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Fehlende Kissen, Quarantäne-RechnungDas sind die aussergewöhnlichsten Corona-Regeln

Im Kampf gegen das Coronavirus setzen die Regierungen weltweit auf ganz unterschiedliche Massnahmen – mit bisweilen kuriosen Folgen.

Nur noch mit Maske: Passagiere der Austrian Airlines auf einem Kurzstreckenflug von Wien nach München.
Nur noch mit Maske: Passagiere der Austrian Airlines auf einem Kurzstreckenflug von Wien nach München.
Foto: Helmut Fohringer (Keystone)

Keine Kissen mehr im Flugzeug

Das Flugzeug gilt in Pandemiezeiten als möglicher Ansteckungsort, Maske tragen ist also mittlerweile bei vielen Airlines Pflicht, um sich, andere Passagiere und die Flight-Attendants zu schützen. Nur zum Essen und Trinken darf der Mundschutz abgenommen werden. Experten empfehlen gar, ihn auf Langstreckenflügen alle vier Stunden zu wechseln. Bei der Swiss braucht, wer ohne Maske fliegen will, ab 1. September einen aktuellen negativen Corona-Test sowie ein ärztliches Attest. Manche Fluggesellschaften messen vor dem Einsteigen auch die Körpertemperatur der Passagiere.

Brasilien geht noch einen Schritt weiter: In einer Verordnung der Gesundheitsbehörde Anvisa heisst es, Kissen, Decken und Kopfhörer sollten einzeln verpackt und nach jedem Flug gereinigt werden. Kissen aus durchlässigem Material müssten zwingend desinfiziert werden. Falls das nicht möglich sei, sollten die Fluggesellschaften keine Kissen verteilen. Die US-Airline United stellt nun seit 6. August auf Flügen von und nach Brasilien keine Kissen mehr zur Verfügung. Die Flugbegleiter wurden aufgefordert, auch ihre eigenen Kissen zu Hause zu lassen, um «Probleme bei der Einreise nach Brasilien zu vermeiden», zitiert der US-Reiseblogger und Vielflieger Matthew Flint aus einem internen Memo.

Anfänglich waren Fachleute davon ausgegangen, dass sich Sars-CoV-2 vor allem durch Tröpfcheninfektion und in seltenen Fällen auch durch Schmierinfektion, also das Anfassen von benetzten Gegenständen, verbreitet. Mittlerweile gibt es immer mehr Belege für Aerosol-Übertragungen (lesen Sie mehr im Interview mit einem Aerosol-Forscher).

Bitte nicht auf der Strasse rauchen

Die Verbreitung des Virus durch Tröpfcheninfektion bereitet der Regierung auf den Kanarischen Inseln Kopfzerbrechen. Seit Mitte August ist dort das Rauchen im öffentlichen Raum ohne Sicherheitsabstand verboten. Das sei notwendig, weil «infizierte Raucher beim Ausatmen Tröpfchen mit dem Virus ausstossen könnten», sagte der Regierungschef der Kanaren, Ángel Víctor Torres. Ausserhalb der eigenen Wohnung darf nur noch geraucht werden, wenn man anderthalb Meter von anderen Personen entfernt ist.

Auch in der im Nordwesten Spaniens gelegenen Region Galicien gilt ein Rauchverbot im Freien. Der spanische Regierungschef Alberto Núñez Feijóo sagte, dies habe eine medizinische Expertenkommission empfohlen.

In manchen Regionen Spaniens gelten wieder strengere Corona-Massnahmen, darunter ein Rauchverbot, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann.
In manchen Regionen Spaniens gelten wieder strengere Corona-Massnahmen, darunter ein Rauchverbot, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann.
Foto: Jesus Diges (Keystone) 

In den vergangenen Tagen wurden in Spanien jeweils weit mehr als 3000 neue Fälle binnen 24 Stunden registriert. Noch im Juni – kurz vor Ende des Corona-Notstands mit strengem Lockdown – hatte diese Zahl unter 100 gelegen. Seit Anfang Juli steigt sie aber wieder nahezu konstant. Die Gesamtzahl der nachgewiesenen Ansteckungen mit dem Virus Sars-CoV-2 übertraf am Montag die Marke der 400’000. Knapp 29’000 Menschen starben in Spanien mit Covid-19.

Sorgen bereitet vor allem die Situation in Madrid. Auf die Hauptstadt und den Grossraum Madrid entfielen zuletzt ein Drittel aller innerhalb eines Tages in ganz Spanien gemeldeten Neuinfektionen – deutlich mehr als eintausend pro Tag. «Wir müssen die Kontrolle übernehmen und diese zweite Kurve so schnell wie möglich bezwingen. Wir haben das bereits einmal geschafft und werden es sicher wieder schaffen», sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez.

Verkaufsverbot für Alkohol und Tabak

In Südafrika galt mehrere Monate lang ein Verkaufsverbot für Alkohol und Tabak, das die Regierung zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus erlassen hatte. Die Regierung wollte so die Zahl der Spitalbehandlungen wegen Tabak- und Alkoholmissbrauch reduzieren und Kapazitäten für Corona-Patienten schaffen. Seit Mitte August ist das Verbot aufgehoben.

Mit 583’653 bestätigten Infektionen ist Südafrika nach den Worten des Präsidenten Cyril Ramaphosa das am stärksten betroffene Land ganz Afrikas. Der Kontinent verzeichnet im Vergleich mit Europa mit gut 1 Million Infektionen und 24’000 Opfern dreimal weniger Fälle und sogar achtmal weniger Tote. Forscher haben verschiedene Erklärungen für dieses Phänomen – von einer tieferen Testrate bis zu demografischen Faktoren und einem frühen Eingreifen der Regierungen. Demnach haben viele afrikanische Länder Massnahmen wie Grenz- und Schulschliessungen, Reisebeschränkungen, Ausgangssperren und Abstandsgebote zu einem Zeitpunkt eingeführt, als sie offiziell noch gar keine Corona-Fälle hatten.

Die Quarantäne-Rechnung

Neuseeland macht derweil mit sehr strengen Grenzkontrollen Schlagzeilen. Nur Neuseeländer und ihre engsten Angehörigen dürfen einreisen, und sie müssen sich 14 Tage lang in Quarantäne begeben, in von der Regierung organisierten Einrichtungen. Die Kosten für die sogenannte kontrollierte Isolation oder Quarantäne übernimmt der Staat. Wer allerdings nach dem Inkrafttreten der Regeln aus- und wieder eingereist ist oder nach seiner Rückkehr weniger als 90 Tage im Land bleibt, muss selber dafür aufkommen. Pro Person kostet der Aufenthalt umgerechnet rund 1850 Franken. Jede weitere Person im gleichen Zimmer kostet 560 Franken, Kinder von 3 bis 17 Jahren 280 Franken.

Neuseeland hatte am 8. Juni nach der Genesung des letzten Covid-19-Patienten die erste Welle der Corona-Pandemie für überwunden und das Land für Corona-frei erklärt. 24 Tage lang wurden keine neuen Fälle gemeldet. Seit Mitte August meldet das Land allerdings wieder tägliche neue Infizierte. Premierministerin Jacinda Ardern hat am Montag eine Verlängerung des Corona-Lockdown in der Millionenmetropole Auckland bis Sonntag angekündigt. Die Einschränkungen gelten seit dem 12. August. Die Schulen und alle nicht notwendigen Geschäfte sind geschlossen. Die Einwohner sollen so weit wie möglich zu Hause bleiben. Im Rest des Landes sind Versammlungen von mehr als 100 Personen verboten. Am Montag wurden 9 neue Fälle bestätigt. Damit hat Neuseeland seit Beginn der Krise 1332 Infektionen verzeichnet, 22 Menschen starben in Verbindung mit Covid-19.

Auch in der Schweiz müssen Rückreisende aus Risikoländern in die Quarantäne (zur Liste) – allerdings im eigenen Zuhause.

Rückreisestau wegen Corona-Formular

Tausende Touristen mussten am Wochenende an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich bis zu 15 Stunden in ihren Autos ausharren. Grund dafür: eine Verordnung des österreichischen Gesundheitsministeriums, die seit Samstag in Kraft ist. Demnach muss, wer nach Österreich einreist, eine schriftliche Erklärung ausfüllen. Erst als am Sonntagmorgen die Kontrolle von Transitreisenden aufgegeben und nur noch die nicht durchreisenden Autofahrer stichprobenartig kontrolliert wurden, besserte sich die Situation.

Strenge Einreisekontrollen an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich beim Karawankentunnel sorgten für Stau.
Strenge Einreisekontrollen an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich beim Karawankentunnel sorgten für Stau.
Foto: Gerd Eggenberger (Keystone)

Nach dem Anstieg der Corona-Zahlen hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz vor zehn Tagen schärfere Kontrollen von Urlaubsrückkehrern an den Grenzen eingefordert. Österreich listet unter anderem das spanische Festland, die Länder des Westbalkans, aber auch Rumänien, Bulgarien, Schweden, die USA und Russland als Risikogebiete auf. Insbesondere Rückkehrer aus Kroatien müssten einen negativen Corona-Test vorweisen, sagte Kurz. «Es gibt eine massive Einschleppung des Virus aus Kroatien.»

Ein Anstieg der Corona-Zahlen sei nach den Ferienwochen nicht überraschend, sagte Kurz. Dennoch sei er beunruhigt. «Die aktuellen Zahlen sind besorgniserregend», sagte er. «Wir müssen alles tun, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden, ohne dass wir einen zweiten Lockdown durchführen.»

ij

8 Kommentare
    Rolf Baumberger

    Und deshalb krankt unsere "westliche Welt" an Grundsätzlichem. - Neuseeland verzeichnet zwischen 19 und 4 Neuansteckungen COVID-2 pro Tag. Und das auf zwei Inseln mit grosszügiger Fläche. Aus diesem Grund gibt es auf den Antipoden ein Lockdown. Die Schulen sind geschlossen. Ehrgeiziges Ziel ist es die Krankheit erneut auszurotten. Na, dazu braucht es offenbar etwas mehr Verstand. Im ersten Anlauf ist es ihnen offenbar nicht gelungen. Wetten, dass das Virus weiterhin Oberhand behalten wird! Vergessen sie dieses Unterfangen einfach, es führt zu nichts.