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Happy End für eine BrieftaubeDas Rennpferd des kleinen Mannes

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 12: Orsolya Kalász über ein zugeflogenes Haustier.

Orsolya Kalász dichtet auf Deutsch und Ungarisch.
Orsolya Kalász dichtet auf Deutsch und Ungarisch.
Foto: Dirk Skiba

Als ich auf den Hof kam, versuchte eine Taube an herumfuchtelnden Menschen vorbei in die Parterrewohnung zu gelangen. Sie war so klein, dass eine Hand reichte, sie festzuhalten. Es schien nichts gebrochen zu sein, nirgends Blut. Aber Ringe an beiden Füssen. Kein Zweifel, das zierliche Tier war eine Brieftaube. Vielleicht war sie nur erschöpft und hungrig. Ich setzte sie in einen Wäschekorb, gab ihr Futter und Wasser. Sie begann sofort zu fressen, als wäre sie in ihrem heimischen Schlag. Die Farbe ihres Gefieders bezeichnen Fachleute als blaugehämmert.

Die nächsten Stunden verbrachte ich am Computer, um herauszufinden, wie ich sie wieder nach Hause bringen konnte. Auf der Seite des Vereins Deutscher Brieftauben gab es ein Feld, in das ich meine Postleitzahl eintragen sollte, wenn ich ein verirrtes oder verletztes Tier eingefangen habe. Eine Liste von Vertrauenspersonen in der Nähe erschien, mit Telefonnummern, die weiterhelfen und sich um die Rückführung kümmern werden. Ich rief die erste Nummer an und hinterliess eine aufgeregte, ausufernde Nachricht.

Die Vögel seien so dressiert, dass sie von überall und immer nach Hause flögen. Mir geht es auch nicht anders, dachte ich.

Während ich auf den Rückruf wartete, las ich auf der Seite die Erläuterungen zu den Nummern und Zeichen auf den Ringen. Nun wusste ich, dass die kleine Taube aus Polen stammt. Also wählte ich die Nummer auf dem Ring mit der Landesvorwahl und führte ein verzweifeltes Gespräch mit einer Männerstimme: «Nix verstehen.» Dann mithilfe einer polnischen Freundin. Der Mann würde nicht kommen, um den Vogel abzuholen, sagte sie. Ich könne ihn behalten oder verschenken.

Ich rief die zweite Nummer auf der Liste an. Ein älterer Herr meldete sich und erklärt mir, dass der Verein für polnische Brieftauben nicht zuständig sei. Die polnischen Kollegen seien da eh etwas lässiger. Ich solle mir keine Sorgen machen, wenn die Taube zu Kräften komme, fliege sie von alleine nach Hause. Aber ich war sehr besorgt. Denn ich hatte verschiedene Tierschutzseiten durchgelesen und erfahren, wie diese Tiere zu irrwitzigen Leistungen gebracht würden, dass das Motto der Brieftaubenzüchter «Sieg oder stirb» sei. Das Rennpferd des kleinen Mannes, so nennt man ironisch die Brieftaube, die bestenfalls im Kochtopf landet, wenn sie ihrem Besitzer keinen Triumph beschert.

Drei Tage vergingen, die Taube frass, trank mit der Zielstrebigkeit eines Leistungssportlers, machte aber keinen Versuch, wegzufliegen. Ich rief noch einmal den alten Herrn, Vertrauensperson Nummer zwei, an und fragte ihn, ob es möglich sei, eine Brieftaube umzuprogrammieren. Ich könne ihr ein neues Zuhause finden, ich habe Freunde, die Tauben haben. Nein, das sei nicht möglich, erwiderte er. Die Vögel seien so dressiert, dass sie von überall und immer nach Hause flögen. Mir geht es auch nicht anders, dachte ich. Seit März war ich nicht mehr zu Hause in Ungarn, und morgen fliegt endlich ein Flieger.

Aber was wird aus dir, kleine Blaugehämmerte? Gabi und Micha, ein freundliches Ehepaar im Haus, boten sich an, die Taube so lange zu versorgen, bis sie bereit sei loszufliegen. Ein paar Straßen weiter haben sie einen kleinen Garten, von da aus sollte die Taube es einfacher haben, aufzubrechen. Ich flog als Erste los. Einen Tag später schickten sie mir Fotos von ihrem Abflug, wie sie, kaum zu sehen, auf dem Dach der Holzhütte noch einmal zurückblickt.

Zwei Tage später kam dann ein kleines Video mit dem Kommentar: Sie ist wieder da. Wie sie vom Schrebergarten zu ihrem Küchenfenster im dritten Stock fand, ist unerklärlich. Sie ist immer noch da. Zweimal am Tag fliegt sie auf das Küchenfenster von Gabi und Micha, frisst die ausgestreuten Körner und trinkt, fliegt wieder fort. Sie hat sich entschieden. Nicht siegen, nicht sterben ist das neue Motto.

Die Lyrikerin und Übersetzerin Orsolya Kalász, geboren 1964, lebt in Budapest und Berlin. Ihr Gedichtband «Das Eine» wurde 2017 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. 2019 gab sie mit Peter Holland eine Anthologie über ungarische Lyrik heraus.