Zum Hauptinhalt springen

Reiseführer und Corona«Viele lesen mein Buch zum Trost»

Reisebuchautor Tobias Büscher über die Herausforderungen seines Berufsstands in der Krise. Und über seinen neuen Jakobsweg-Führer.

Eine junge Pilgerin bei der Ankunft in Santiago de Compostela.
Eine junge Pilgerin bei der Ankunft in Santiago de Compostela.
Foto: Getty Images

Gerade ist bei Dumont ein neuer Reiseführer über Galicien und den Jakobsweg erschienen, mehr als 300 Seiten voller Informationen, die in Corona-Zeiten teils schneller verfallen als aktuelle Infektionszahlen. Ein Gespräch mit dem Autor und Spanien-Spezialisten Tobias Büscher über das Gefühl, ein Reisebuch zu veröffentlichen in einer Zeit, in der Reisen gemeinhin als gefährlich gelten.

Herr Büscher, wenn man Ihr Buch anschaut, denkt man unwillkürlich an den Spruch: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.»

Haha, ja. Es ist eine Art Trotz. Wir haben unheimlich gefeiert, als das Buch herauskam. Es ist so schön, dass es da ist, der Verlag hätte es ja auch einstampfen können.

Warum ist das nicht passiert?

Wir wollten das Buch eigentlich schon im Frühjahr herausbringen, dann kam Corona. Da dachten die Leute im Verlag, Herbst sei ein günstiger Zeitpunkt, weil sich ja dann alle auf ihre Reisen für nächstes Jahr vorbereiten. Ich hoffe, dass das keine komplette Fehleinschätzung ist.

Als Reisebuchautor hat man derzeit kaum Grund zu feiern.

Die Kollegen, die auf Fernreisen spezialisiert sind, Singapur oder Peru, mussten umswitchen. Wenn Corona mal vorbei ist, müssen alle Reiseführer neu geschrieben werden.

Festland-Spanien ist momentan auch nicht gerade eine gefragte Adresse, oder?

Das stimmt. Ich wollte eigentlich auch noch ein Buch über Santiago de Compostela schreiben, der Verlag war ganz heiss drauf, weil 2021 heiliges Jahr ist. Man prognostizierte 300'000 Pilger auf dem Jakobsweg. Aber jetzt warten alle nur noch auf den Impfstoff. Ich habe das Santiago-Projekt erst einmal auf Eis gelegt.

Wäre Pilgern die ideale Reiseart in Corona-Zeiten?

Durchaus, die Herbergen haben inzwischen ein Hygienekonzept. Ich würde es trotzdem nicht empfehlen, es kann ja sein, dass man unterwegs in den nächsten Lockdown hineinläuft.

Wie fühlt es sich an, ein Buch herauszubringen, das vielleicht niemand kaufen wird?

Doch, es wird gekauft. Galicier im Ausland etwa kaufen es, als Mittel gegen das Heimweh, morriña wie man auf Galicisch sagt. Ganz viele wollen auch durch das Buch auf eine Reise im Kopf gehen, sie lesen es zum Trost, dass sie nicht verreisen können. Mit dieser Käuferschicht hatte vor Corona niemand gerechnet.

Also jetzt eher ein Mutmacherbuch statt eines Reiseführers?

Sozusagen. Mir ist es inzwischen fast egal, ob das Buch sich gut verkauft. Ganz viele meiner Gesprächspartner, die im Buch vorkommen, freuen sich wahnsinnig darüber. Der Kaffeehausbesitzer Manuel, der den letzten Lockdown nur knapp überstand, hat es ins Fenster gestellt. Die galicische Landesregierung wird Exemplare kaufen, um es am Flughafen auszulegen. Der Bürgermeister von Nájera am Jakobsweg schreibt mir, für Galicien sei das ein tolles Signal, dass jemand im Ausland Werbung für seine Region mache.

Viel frische Luft, wenig Menschen: Doch der Reiseexperte empfiehlt das Pilgern vorerst nicht. Zwei Wanderer unterwegs bei Finisterre in Galicien.
Viel frische Luft, wenig Menschen: Doch der Reiseexperte empfiehlt das Pilgern vorerst nicht. Zwei Wanderer unterwegs bei Finisterre in Galicien.
Foto: Ana Fernandez (Getty Images)

Ihr Buch ist wie eine Zeitreise, es zeigt Feste, Nähe, Kontakt – alles, was jetzt nicht möglich ist. Und am Ende des Buches sind Sie auf dem Autorenfoto zu sehen, wie Sie zwei Galicier umarmen.

Ja, das würde jetzt gar nicht mehr gehen, keinerlei Abstand. Die Nähe, die Umarmungen: Das haben wir bei den Recherchen immer wieder erlebt. Und das ist genau das, was Spanien ausmacht.

Ist es sinnvoll, Reisewarnungen für ganze Länder rauszugeben?

Das ist auf keinen Fall sinnvoll, es entspricht nicht der unterschiedlichen Realität innerhalb Spaniens. Kein Mensch in Mitteleuropa wusste, wo Aragonien liegt, bis es die Reisewarnungen der Regierungen gab. Zum Ballermann auf Mallorca würde ich in nächster Zeit keinesfalls reisen. Aber Gänsegeier zu beobachten in der Extremadura, ist kein Problem.

Wenn das alle machen, wird es eins.

Das ist eher unwahrscheinlich, denn viele Regionen in Spanien, gerade auch im Norden, sind nicht massentauglich. Allein schon wegen des Wetters.

Verändert sich Galicien in der Pandemie?

Die eine oder andere Bar wird schliessen. Das eine oder andere Foto im Reiseführer wird nicht mehr aktuell sein. Aber Pulpo a la Gallega wird es weiterhin geben. Und die vom Wesen her eher zurückhaltenden Galicier sind und bleiben Freunde fürs Leben.

Tobias Büscher: «Galicien und Jakobsweg», Dumont, 22.90 Fr.