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Leben im SüsswasserDas hat die Schweiz Tauchern zu bieten

Das gängige Vorurteil: In Schweizer Seen und Flüssen gibt es vor allem rostige Velos zu sehen. Irrtum, sagt der Tauchprofi – und schwärmt von der hiesigen Wasserwelt.

Unterwasserbegegnung der eindrücklichen Art: Mensch trifft Wels im Neuenburgersee.
Unterwasserbegegnung der eindrücklichen Art: Mensch trifft Wels im Neuenburgersee.
Foto: Daniel Schmid

Wie es sich für einen richtigen Räuber gehört, legt der Hecht Coolness an den Tag. Er schwebt bewegungslos im Wasser, wirft den Taucherinnen einen kritischen Blick zu – und zischt scheinbar unbeeindruckt von dannen. Etwas länger verweilt der neugierige Egli. Er scheint nicht so recht zu wissen, wie er diese zwei Gestalten in Neopren einordnen soll.

Um in etwa 10 Metern Tiefe des Thunersees auf den Hecht zu hinzuweisen, flacht Instruktorin Denise Keller ihre rechte Hand ab und berührt mit der Kante dreimal den linken Arm. Es ist das in Tauchkreisen bekannte Zeichen für «Barracuda». Zwar kann man den Hecht durchaus als Barracuda des Süsswassers bezeichnen, aber spätestens beim Egli wird es – mangels eines prägnanten Salzwasser-Äquivalents – schwierig.

«Ehrlich gesagt gibt es für unsere Fische keine Zeichen», erklärt mir die Ausbildnerin nach dem Auftauchen. Weshalb da so ist, weiss sie selbst nicht. Der Autorin schwant ob ihrem ersten Tauchgang ausserhalb des Meeres ein böser Verdacht: die Begegnungen mit Tieren halten sich in den Schweizer Gewässern wohl in Grenzen. Im Thunersee ist es halt nicht wie an den Riffen Südostasiens oder in der Karibik, wo man sich teilweise kaum sattsehen kann ob all den Lebewesen, und oftmals von einer Zeichengebung zur nächsten wechselt. Damit der Tauchbuddy auch ja nichts verpasst.

«Man nimmt die Stille und Schwerelosigkeit viel besser wahr.»

Daniel Schmid, Tauchschule TSK

«In unseren Gewässern hat es sehr wohl Leben. Einfach nicht unbedingt auf den ersten Blick», stellt Daniel Schmid, Geschäftsführer der arrivierten Tauchschule TSK in Bern und Partner der Filiale in Zürich sogleich klar. Dass es sich in unseren Breitengraden nicht wie in den Fischreichen tropischen Meeren verhält, tue der Erfahrung aber keinen Abbruch, erklärt er. «Genau darin liegt für mich einer der grossen Reize des See- und Flusstauchens», so der passionierte Taucher. «Man nimmt die Stille und Schwerelosigkeit viel besser wahr, weil man nicht konstant abgelenkt ist». Es gehe, so sein Fazit zum Tauchen in Binnengewässern, ums Gesamterlebnis.

«Was guckst du?» Ein Wels im Unterwasserdickicht.
«Was guckst du?» Ein Wels im Unterwasserdickicht.
Foto: Daniel Schmid

Gerade zwei der «Hausseen» des Berners, der Thuner- und der Neuenburgersee, würden durch ihre Unterwasserlandschaften bestechen. «Beim Thunersee ist es unten wie oben; es hat spektakuläre Steilwände, Steinabbrüche und Canyons». Im Sommer tummeln sich hier Egli, Felchen und Hechte, aber auch nicht endemische Krebse und viel kleines Getier.

Im Neuenburgersee begegnet der Tauchprofi regelmässig ganzen Schwärmen von Egli, aber auch dem einen oder anderen Aal, kleinen Welsen oder jagenden Hechten. «Gerade letzte Woche wurden wir dort von riesigen Fischschwärmen umgeben», berichtet Schmid. Und fügt an: «Wenn wir in der Aare einem Wels begegnen, der länger ist als ein Mensch, lässt das auch mich nicht unbeeindruckt.»

Zwei Meter lange Welse? «Keine Angst, die fressen nur Aas», beschwichtigt er lachend. Und schiebt hinterher: «Ich glaube aber es gäbe schon ein paar Leute, die nicht mehr so unbeschwert in unseren Gewässern baden würden, wenn sie wüssten was da alles rumschwimmt».

Eindrücklich: Ein Egli-Schwarm im Neuenburgersee.
Eindrücklich: Ein Egli-Schwarm im Neuenburgersee.
Foto: Daniel Schmid

Smaragdgrünes Tauchwunderland im Tessin

Gefragt nach seinem favorisierten Schweizer Tauchspot muss Daniel Schmid nicht lange überlegen. «Das Flusstauchen im Verzasca-Tal ist unglaublich», sprudelt es aus ihm heraus. «Das klare smaragdgrüne Wasser, die einzigartigen Felsformationen, dafür reisen Taucher aus der ganzen Welt hierher.» Das Tessin ist aber nur eine von vielen Regionen, die mit spannenden Gewässern locken. «Sehr gute Bedingungen herrschen oft im Zürichsee, und auch der Vierwaldstättersee bietet schöne Tauchgründe mit viel Leben», zählt er auf.

Grundsätzlich gelte: Wo es Wasser habe, könne man tauchen. Immer mal wieder finden daher Erstbetauchungen statt, gerade auch in Bergseen. Der ob Kandersteg im Berner Oberland gelegene Oeschinensee ist beispielsweise zum winterlichen Eistauchen beliebt.

Wohlig warm im richtigen Anzug

Eistauchen? «Mit dem richtigen Anzug ist es dir in unseren Gewässern oft wärmer als im karibischen Meer bei 30 Grad Wassertemperatur», bodigt Schmid sogleich das Argument der Kälte. Die Tauchanzüge sind hier auch im Sommer stets um die sieben Millimeter dick – in den Tropen taucht man eher mit solchen von drei bis vier Millimetern. Oberflächentemperaturen um die 12 Grad sind in Schweizer Gewässern nicht ungewöhnlich – weiter unten sind es dann gut und gerne nur noch 7 Grad. Ist die Schmerzgrenze erreicht, kommt der «Tröcheler» ins Spiel – ein Trockenanzug. Was in den Bergen gilt, ist auch unter Wasser der Fall: Schlechtes Wetter gibt es nicht, die Kleidung macht den Unterschied.

Mehr als rostige Velos: Schweizer Seen locken mit allerlei Fauna und Flora.
Mehr als rostige Velos: Schweizer Seen locken mit allerlei Fauna und Flora.
Foto: Daniel Schmid

Die Schweizer – ein Volk von Tauchern

Genaue Zahlen kennt Schmid nicht, aber als Betreiber der grössten PADI-Tauchschule der Schweiz weiss er, dass es unter den Schweizern überdurchschnittlich viele Taucherinnen und Taucher gibt. «Die Schweizer reisen viel», ausserdem hätten sie das nötige Kleingeld für den Tauchsport. Nicht Wenige lassen sich auf Rucksackreisen in einem der vielen weltweiten Tauchmekkas brevetieren, andere absolvieren ihren Kurs unter Schweizer Leitung in einer hiesigen Tauchschule. Schmid schätzt, dass TSK gegen 1500 Tauchschüler pro Jahr aus- oder weiterbildet, altersmässig und vom beruflichen Hintergrund bunt durchmischt. «Wir haben auch immer mehr Familien, die den Kurs als gemeinsame Aktivität besuchen.»

Es müssen nicht immer grosse Tiere sein: Unterwasserschnecke.
Es müssen nicht immer grosse Tiere sein: Unterwasserschnecke.
Foto: Daniel Schmid

Auch die von TSK angebotenen Tauchreisen sind jeweils gut gebucht. Heuer fallen die meisten davon, Corona-bedingt, ins Wasser. «Eigentlich wäre ich gerade mit einer Gruppe in Sulawesi», sagt Schmid ohne die Wehmut gänzlich verstecken zu können. Auch die kommenden Reisen – oftmals in weit entfernte Gefilde – dürften den Reisebeschränkungen zum Opfer fallen. Stattdessen legt die Tauchschule nun den Fokus auf Tauchgelegenheiten in der Schweiz. So bietet TSK etwa unter dem Motto «Süsswasser statt Südsee» Tauchausflüge in der Schweiz an.

Jagende Hechte zum Feierabend

Wer in der Schweiz abtaucht, braucht keine Ferien zu nehmen und auf die Malediven zu jetten. Zertifizierte Taucher treffen sich beispielsweise nach Feierabend mit Gleichgesinnten und tauchen in einem nahegelegenen Gewässer zum Tagesabschluss ab. «Dann ist es sowieso am spannendsten», erklärt Daniel Schmid. «Dann kann man nämlich den Hechten beim Jagen zuschauen». Im Spätsommer und Herbst, wenn die Fauna am aktivsten ist und Fische «zu Abertausenden, wie in einer Wolke herumströmen», seien die Bedingungen meist am besten, verrät er abschliessend. Und fügt an: «Wer das erlebt, sagt nie mehr es gäbe in Schweizer Seen und Flüssen nichts zu sehen».

Der Tauchgang im Thunersee wurde von TSK Bern offeriert.