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Gartenkolumne «Nachgehackt»Das ganze Jahr nur faule Äpfel

Selbstversorger kommen jetzt nicht mehr aus der Küche, denn alles ist reif und will verarbeitet sein. Es gibt da aber einen gewaltigen Haken.

Äpfel lassen sich zum Beispiel zu  Mus verarbeiten. Aber irgendwann ist der Vorratsschrank voll.
Äpfel lassen sich zum Beispiel zu Mus verarbeiten. Aber irgendwann ist der Vorratsschrank voll.
Foto: Getty

Neulich beim Abendessen. Es gibt Tomatensalat, grünen Salat, Bohnensalat. Ich stehe seit Stunden in der Küche. «Und nichts Gekochtes?», mault der Sohn und steckt sich eine Tomatenscheibe mit dem Durchmesser eines kleinen Apfels ganz in den Mund.

Das Gekochte wird es geben, aber nicht jetzt. Jetzt wird vorgesorgt.

In der grossen Pfanne blubbert das Ratatouille, das ich später im Einkochautomaten haltbar machen werde. Der geschnittene Krautstiel wartet darauf, blanchiert und eingefroren zu werden. Auf dem Dörrex liegen Apfelringli zum Trocknen. Eine Schüssel voll heruntergefallener Äpfel will zu Mus gekocht sein.

Wie ein übereifriges Eichhörnchen

Ich springe rasch auf, um das Ratatouille zu rühren. «Mein Jahresziel ist es, die Vorratsschränke voll zu kriegen», sage ich, als ich mich wieder an den Tisch setze. Die Tochter schaut mich von der Seite an. «Und wenn du das erreicht hast, was ist dann dein Ziel?», sagt sie. Es klingt nicht wie eine Frage. Als ich sehe, wie sie ihren Vater anschaut, und er sie anblinzelt, ist mir alles klar.

Ich muss ihnen vorkommen wie ein übereifriges Eichhörnchen. Tag für Tag damit beschäftigt, die Wintervorräte in den Bau zu schleppen. Den Sack mit Apfelringli zu füllen, ihn in den Schrank zu stopfen, einen neuen zu füllen. Die Trauben, den Kohlrabi, den Broccoli wie einen Schatz reinzuschleppen und einzubunkern. Denn wer weiss, was der Winter bringt?

Ganz so falsch liegen sie nicht. Es ist tatsächlich mein innerer Antrieb, meine Freude auch. All die herrlichen Dinge, die nun reifen, zu ernten. Den Lohn für die Arbeit, die man den ganzen Sommer gehabt hat, zu geniessen. Alles zu verwerten, selbst die halb verfaulte Peperoni und die Tomate mit Blütenendfäule. Es wäre ja schade, wenn die ganz umsonst gewachsen wäre. Einen Teil davon kann man sicher noch brauchen.

Ein Schwank aus alten Zeiten

Dieser Teil kocht jetzt in der Pfanne, während ich recht selbstzufrieden eine Tomate kleinschneide. Der Mann erzählt den Kindern gerade einen Schwank aus seiner Kindheit: Jeder einzelne Apfel wurde eingekellert, die Grossmutter überwachte den Prozess. Anschliessend las sie die faulenden Äpfel den ganzen Winter über raus und verwertete sie. «So schaffte sie es, das ganze Jahr nur faule Äpfel zu essen», sagt er. Alle drei lachen.

Faulende Äpfel gibt es auch hier. Es sind die, die ins Apfelmus wandern. Ein Dutzend Gläser sind schon im Vorratsschrank. Langsam gehen Gläser und Platz aus. Ich muss mir etwas anderes überlegen. Mosten kann man sie nicht gut, und damit Apfelringli zu machen, ist sehr aufwendig.

«Mama», reisst mich die Tochter aus den Gedanken, «ich weiss übrigens, was dein nächstes Ziel ist, wenn du dein Jahresziel erreicht hast.» Sie macht eine theatralische Pause. «Dann willst du, dass die Vorratsschränke wieder leer werden.»

Es ist der ewige Kreislauf, fürchte ich.

1 Kommentar
    Baertschi

    Meine Tochter hat gesagt "bei uns ist es such so Mama " da bin ich froh das ich nicht das einzige Eichhörnchen bin. Und jetzt geht an nächste Ziel die 400 Gläser zu leeren