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US-Wahlkampf in der Corona-KriseDas Elend Joe Bidens

Die Corona-Krise hat die Probleme Amerikas schonungslos offenbart. Sie zu überwinden, brauchte mehr als das, was Joe Biden anbietet.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in einem Video für seinen Wahlkampf.
Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in einem Video für seinen Wahlkampf.
Foto: Keystone

Neidisch blickte der Geheimrat über den Atlantik. «Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte», dichtete Goethe. Denn «unnützes Erinnern» existiere dort ebenso wenig wie «vergeblicher Streit».

Das war einmal. Wenn ein hoher Regierungsvertreter, in diesem Fall Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, angesichts von bald 70’000 Corona-Toten befindet, die Reaktion der Regierung auf den Erreger sei eine «grosse Erfolgsstory», dann möchte man lieber nicht wissen, wie ein Misserfolg aussähe.

Armes Amerika

In einem halben Jahr können die Amerikaner über solch zynische Unverfrorenheit befinden: Im Herbst steht eine Wahl an, bei der zwei ältere Männer im achten Jahrzehnt ihres Lebens um das Amt des Präsidenten konkurrieren. Je nach politischem Standort ist entweder der eine oder der andere ein Sittenstrolch. Einer von ihnen hat sogar auf einem zufällig mitgeschnittenen Video zugegeben, dass er Frauen gern an die Geschlechtsteile greift. Mehr als 20 Frauen beschuldigen ihn sexueller Übergriffe. Er ist Präsident der Vereinigten Staaten.

Sein Widersacher wird ebenfalls eines schweren sexuellen Übergriffs bezichtigt. Wie Donald Trump hat auch Joe Biden energisch dementiert, jemals eine Frau sexuell belästigt zu haben. Tara Reade behauptet, dies sei unwahr, Biden hätte sie 1993 sexuell attackiert. Im Lauf der Zeit hat sie ihre Story verändert, unwahr muss sie deshalb trotzdem nicht sein.

Armes Amerika: Die Corona-Krise könnte schlimmer kaum sein, sie zu überwinden aber wäre Aufgabe zweier Männer, die beide dazu nicht taugen. Der eine, Donald Trump, ist ein tausendfacher Lügner und Chaot, der ausserstande scheint, Empathie für die Leiden der Amerikaner zu empfinden. Er ist sich immer selbst der Nächste.

Der falsche Kandidat zur falschen Zeit

Der andere, Joe Biden, war als Kandidat der Demokratischen Partei angetreten, um die Amerikaner von diesem Präsidenten zu erlösen und zur «Normalität» zurückzukehren. Aber Normalität gibt es nicht mehr, weshalb niemand zu ihr zurückkehren kann. Was Biden vorschwebt, nämlich eine runderneuerte Obama-Ära, ist obsolet geworden.

1920 hatte Warren Harding nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs und der Grippe-Epidemie von 1918 die amerikanische Präsidentschaftswahl als Garant von Normalität gewonnen. Amerika brauche nicht «Heldentaten, sondern Heilung, nicht Patentlösungen, sondern Normalität, nicht Revolution, sondern Restauration», versprach er in seiner berühmtesten Rede.

2020 aber ist nicht 1920. Weshalb Joe Biden der falsche Kandidat zur falschen Zeit ist. Denn die Corona-Krise hat die faulenden Fundamente der amerikanischen Gesellschaft schonungslos aufgezeigt: Die politische Gespaltenheit wie die sozialen Misstände, das marode Gesundheitswesen und die profunde Lebensunsicherheit vieler Menschen, das überdurchschnittliche Sterben von Minderheiten und Ärmeren.

Visionen sind ihm fremd

Hinzu gesellt sich jetzt eine hohe Arbeitslosigkeit, die vielleicht Jahre andauern wird. Amerika befinde sich an einem «Franklin-Roosevelt-Moment», glaubt der demokratische Senator Edward Markey (Massachusetts). «Wie 1933 können wir jetzt sehen, dass der Zeitpunkt reif ist, um allgemeine Kinderbetreuung zu diskutieren oder Krankheitsurlaub für alle sowie ein garantiertes Grundeinkommen für jeden in unserer Gesellschaft», so Markey.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern, von der Reform der unbezahlbaren Studienkosten bis hin zur Einschränkung der erdrückenden Macht der Wirtschaft und des Geldes in der Politik reichte sie. Dafür aber ist Joe Biden nicht der richtige Kandidat. Eine Neuauflage von Franklin Roosevelts New Deal, einen «Green New Deal», der den Amerikanern eine gerechtere und umwelt- wie klimaschonende Gesellschaft bescherte, ist Bidens Sache nicht. Er vermag nicht zu begeistern, Visionen sind ihm fremd.

Joe Bidens Qualifikation besteht einzig darin, dass er sich positiv unterscheidet von einem Konkurrenten, der zu einer Belastung für die amerikanische Demokratie geworden ist. Unter normalen Umständen hätte diese Qualifikation gereicht. Jetzt aber braucht es mehr.