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Covid-19 in SchwellenländernIm Süden tötet das Virus viele Junge

Kinder, die ihre Eltern verlieren. Familien, die ins Elend stürzen: In Asien und Lateinamerika sind bis zur Hälfte aller Corona-Toten jünger als 50 Jahre alt.

Manchmal geht es auch gut aus – wie hier in der brasilianischen Stadt São Gonçalo, wo eine Mutter mit ihrem Baby als geheilt entlassen wird. Aber oft endet Covid-19 in Schwellenländern auch bei Jungen fatal.
Manchmal geht es auch gut aus – wie hier in der brasilianischen Stadt São Gonçalo, wo eine Mutter mit ihrem Baby als geheilt entlassen wird. Aber oft endet Covid-19 in Schwellenländern auch bei Jungen fatal.
Luis Alvarenga/Getty Images

Der grösste Schock für Isabella Rêllo war, wie viele trotz ihrer Jugend starben. Die 28-jährige brasilianische Kinderärztin, so berichtet die «Washington Post», hatte sich freiwillig gemeldet, um Covid-19-Patienten zu betreuen. Sie hatte Nachrichten aus Europa im Kopf, wonach das Durchschnittsalter der Patienten, die am Coronavirus sterben, 80 Jahre und höher sei. Brasiliens Realität indessen ist anders. «Ein Todesopfer hätte von seinem Alter her mein Freund sein können», sagt Rêllo.

Auf der brasilianischen Website des Onlineportals «Huffpost» erzählt eine Lungenärztin von einem 28-Jährigen, der ohne jede Vorerkrankung ins Spital eingeliefert wurde. Er starb, genauso wie eine gleichaltrige schwangere Frau.

Jedes zweite Opfer jünger als 50

Noch im März herrschte die Hoffnung, die Pandemie werde die sogenannten Schwellenländer weniger hart treffen, weil das Durchschnittsalter ihrer Bevölkerung geringer ist als in Europa. Mittlerweile hat sich dies als reines Wunschdenken herausgestellt. In Wahrheit wütet das Virus in armen Ländern schlimmer, und es tötet viele Menschen, deren 80. Geburtstag noch Jahrzehnte entfernt liegt.

In Brasilien ist fast jedes dritte Todesopfer jünger als 60. Zwei Drittel der Patienten, die in Rio de Janeiro hospitalisiert werden mussten, waren noch keine 50 Jahre alt. In Mexiko sind gemäss «Washington Post» 25 Prozent der Todesopfer jünger als 50, in Indien war es im Mai sogar nahezu die Hälfte.

Ein Grund für dieses erschreckende Phänomen ist banal: In einem Land wie Brasilien, dessen Bevölkerung zu mehr als 90 Prozent noch keine 60 Jahre zählt, ist es unvermeidlich, dass das Virus häufiger jüngere Personen infiziert. Die insgesamt 50’000 brasilianischen und die 20’000 mexikanischen Todesopfer sowie die steigende Zahl der Verstorbenen in Indien und Afrika zeigen indessen, dass Jugendlichkeit keineswegs vor einem schweren oder gar fatalen Krankheitsverlauf schützt.

Armut, Ungleichheit und der zumeist miserable Zustand des Gesundheitssystems sind offensichtlich ebenso wichtige Faktoren.

Man rechnet jüngere nicht gegen ältere Leben auf, wenn man daran erinnert, dass eine Pandemie dort am verheerendsten ist, wo sie viele junge Todesopfer fordert: Kinder, die ihre Eltern verlieren. Familien, die ins Elend stürzen. Eine Steigerung des ohnehin grossen ökonomischen Schadens.

Gleich drei Präsidenten versagen

Auf dem amerikanischen Kontinent haben wir die bedrohliche Situation, dass mit den USA, Brasilien und Mexiko gleich die drei bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich potentesten Nationen von Präsidenten regiert werden, die sich in der Corona-Krise als hochgradig unfähig erwiesen haben. Das jüngste Beispiel lieferte der Mexikaner Andrés Manuel López Obrador, der kürzlich im Stile eines Wanderpredigers zehn Regeln verkündete, um die Epidemie zu bekämpfen. Darunter waren Gebote wie: «Seid menschlich und grosszügig.» Oder: «Widersteht dem Materialismus.»

Aber letztlich sind das nicht viel mehr als groteske Anekdoten. Lateinamerika zeigt stellvertretend für alle Schwellenländer: Die Massnahmen, die in Europa das Virus drastisch eingedämmt haben, sind in armen Ländern schlicht nicht umsetzbar. Die Mahnung, Hygieneregeln zu beachten und Abstand zu halten in überfüllten Metropolen und Elendsvierteln; die Aufforderung, zu Hause zu bleiben, gerichtet an ein Familienoberhaupt, das ohne Arbeitsvertrag einer prekären Beschäftigung nachgeht und nicht weiss, ob seine Kinder morgen zu essen haben – das ist wirklichkeitsfremd, um nicht zu sagen: zynisch. Und es sind gerade junge Leute, die gegen Corona-Regeln verstossen, um zu überleben. Oder an der Krankheit zu sterben.

Selbst wenn eine Regierung das scheinbar Richtige tut, ändert es an der verzweifelten Lage in Schwellenländern oft nichts. Peru hat sehr schnell sehr drastische Massnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen und gehört dennoch zu den am schlimmsten betroffenen Ländern weltweit, und dies nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch: Die Weltbank prognostiziert dem Andenstaat, der bisher als lateinamerikanisches Erfolgsmodell galt, einen Einbruch der Wirtschaft um 12 Prozent.

Weltweit droht die Pandemie gemäss Schätzungen der UNO allein 2020 rund 50 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut zu stürzen. Angesichts solcher Szenarien wirken Europas «Das Schlimmste ist vorbei»-Seufzer ziemlich naiv.