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Kritik an alteingesessenen ZünftlernDas Aufbegehren der Jungburger

In der Berner Burgergemeinde entscheiden vorwiegend Ältere über Millionenausgaben. Leoni Ziegler und Christoph Bartlome wollen das ändern. Dazu haben sie einen Rat gegründet.

Christoph Bartlome und Leoni Ziegler haben grosse Pläne innerhalb der Berner Burgergemeinde.
Christoph Bartlome und Leoni Ziegler haben grosse Pläne innerhalb der Berner Burgergemeinde.
Foto: Ruben Wyttenbach

Leoni Ziegler und Christoph Bartlome haben eine Vision. Sie wollen den Jungen in der Berner Burgergemeinde eine Stimme geben. Bis heute fehlt diese nämlich. Was mit dem Naturhistorischen Museum, dem burgerlichen Wald oder den Immobilien im Wert von rund einer Milliarde Franken passiert, entscheiden hauptsächlich alte Männer. Die beiden Mittzwanziger wollen das ändern.

«Auch wenn die Burgergemeinde eine lange Tradition besitzt, darf sie im Fluss der Zeit nicht stehen bleiben», sagt Leoni Ziegler beim Treffen im «Burgerspittel» am Berner Hauptbahnhof. Mit Gleichgesinnten gründete sie im November 2019 deshalb den Rat der Jungburgerinnen und Jungburger (Jubu-Rat). Heute sind die 23-jährige Ziegler und der 24-jährige Bartlome Teil des Vorstands.

Verzögerung wegen Pandemie

«Wir wollen den Jungen eine Möglichkeit geben, ihre Anliegen einzubringen», sagt Bartlome. Der Rat hat sich gleich mehrere aktuelle Gesellschaftsthemen auf die Fahne geschrieben: Nachhaltigkeit, Partizipation und Gleichstellung. Für jedes Thema gibt es eine eigene Arbeitsgruppe. Diese präsentieren im Rat alle paar Monate ihre Ergebnisse. Die Pandemie verzögerte erste Erfolge, in Planung ist aber beispielsweise eine Abstimmungshilfe für Junge.

«Bei der Gleichstellung besteht noch Luft nach oben.»

Leoni Ziegler vom Rat der Jungen Burgerinnen und Burger

«Beim Thema Gleichstellung sind wir noch weniger weit», sagt Ziegler. In der burgerlichen Politik dominierten wie in anderen öffentlich-rechtlichen Institutionen die Männer. Zudem gebe es vereinzelt noch Traditionen oder Gruppierungen, wie beispielsweise der Schützenverein, die ausschliesslich Männern vorbehalten sind. «Da besteht noch Luft nach oben», resümiert Ziegler. Im «konstruktiven Gespräch» hofft sie, die alteingesessenen Zünftler vom nötigen Wandel überzeugen zu können.

Wozu eine Burgergemeinde?

Braucht es aber heute überhaupt noch eine Burgergemeinde? «Auf jeden Fall!», antworten Ziegler und Bartlome unisono. «Gerade weil Steuereinnahmen und parteipolitisches Geplänkel bei uns keine Rolle spielen, kann sich die Burgergemeinde nachhaltig engagieren», sagt Bartlome.

Von der neusten Forderung des Grünen Bündnisses, die Burger sollten im Rahmen der Berner Gemeindefusion ihren Sonderstatus aufgeben, hält Bartlome nichts. Innerhalb der Burgergemeinde müsse sich aber einiges ändern, ehe das wünschenswerte «Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne» erreicht sei, sagt Ziegler. Bald schon dürfte die Meinung des Jubu-Rats noch mehr Gewicht erhalten. Seine Vertreterinnen und Vertreter erhalten ab 2021 zwei fixe Sitze im 42-köpfigen Burgerparlament. Der Altersschnitt im Grossen Burgerrat sinkt damit. Heute sind dessen Mitglieder im Schnitt über 50 Jahre alt.

Anders beim Jubu-Rat. Dort können nur Burgerinnen und Burger mitmachen, die zwischen 16 und 30 Jahre alt sind. Das sind potenziell rund 2700 der insgesamt über 18’000 Bernburgerinnen und -burger. Momentan engagieren sich 50 Mitglieder aktiv im eigenständigen Verein. Einen Mitgliederbeitrag gibt es nicht. Die Gemeinde komme für den Grossteil der Kosten auf, sagt Bartlome. Er sei dankbar für «den Rückenwind». Selbstlos sei das Engagement aber nicht: «Es ist auch im Interesse der Burgergemeinde, dass wir Jungen uns engagieren.»

Historisches Vorbild

Im Jubu-Rat, dem eigentlichen Jugendparlament der Burgergemeinde, sehen Ziegler und Bartlome auch ein Sprungbrett für spätere Ämter in der Burgergemeinde. Diese Idee ist nicht neu. Bis ins 18. Jahrhundert gab es in Bern den Äusseren Stand. Diese zeremonielle Gesellschaft junger Burger war ein sogenannter Schattenstaat und imitierte den Inneren Stand, also die damalige Obrigkeit der Republik Bern. In spielerischer Nachahmung wurden alle Ämter zur Übungszwecken besetzt. Die Mitglieder konnten sich so auf die spätere Verwaltungstätigkeit einstellen. Der Untergang des Alten Bern 1798 bedeutete auch das Ende des Äusseren Standes. Übrig blieb einzig das gleichnamige Restaurant, das ehemalige Rathaus der jungen Burger.

Das Restaurant Zum Äusseren Stand war einst das Rathaus der jungen Bernburger.
Das Restaurant Zum Äusseren Stand war einst das Rathaus der jungen Bernburger.
Foto: Raphael Moser

In letzter Zeit versuchte die Burgergemeinde verstärkt wieder für Junge attraktiv zu werden. So gibt es seit 2016 die Burgerbar. Das Pop-up lädt in unregelmässigen Abständen in und um Bern zu «selbst kreierten Burgerdrinks», Kunst und Musik und soll helfen, «ein offenes und zeitgemässes Bild der Burgergemeinde zu vermitteln». Betrieben wird es von Jungburgerinnen und -burgern. Als Nächstes ist im Herbst ein Pop-up im Generationenhaus am Bahnhofplatz geplant.

Leoni Ziegler und Christoph Bartlome schätzen dieses Angebot, bevorzugen aber den Ansatz zu mehr politischer Mitsprache für die Jungen. Die beiden sind seit Geburt Bernburger und Teil einer Zunft. Ziegler ist bei den Metzgern, Bartlome bei den Schmieden. Beide haben das KV absolviert und die Berufsmatur abgelegt. Inzwischen arbeitet Ziegler im Rechnungswesen, Bartlome startet im Herbst sein Studium der Politikwissenschaften. Ihr ähnlicher beruflicher Hintergrund täusche, findet Ziegler. Tatsächlich zeichne sich der Jubu-Rat nämlich durch seine Vielfalt an politischen Meinungen und familiären Hintergründen aus.