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Das Leben von Mark Streit«Dann rief der Chauffeur: Kann jemand einen Bus lenken?»

Der Schweizer NHL-Pionier Mark Streit blickt in einem exklusiven Auszug aus seiner heute erscheinenden Autobiografie auf sein erstes Nordamerika-Abenteuer zurück. Niemand hatte auf ihn gewartet.

Abenteurer in Sachen Eishockey: Mark Streit unterwegs in Salt Lake City, als die NHL noch weit weg war.
Abenteurer in Sachen Eishockey: Mark Streit unterwegs in Salt Lake City, als die NHL noch weit weg war.
Privatarchiv

«Im Stillen hatte ich gehofft, ein NHL-Klub würde auf mich aufmerksam werden und mich im Sommer (1999) draften. Doch dem war nicht so. Meinen Traum aufzugeben, kam trotzdem nicht infrage. Zusammen mit meinen Managern Doug Honegger und Pat Brisson organisierten wir einen Wechsel nach Nordamerika. Die Utah Grizzlies, ein Team in der IHL (International Hockey League), bekundeten ihr Interesse an mir. In dieser Liga, die sich wie die grosse Schwester NHL über die USA und Kanada erstreckte, tummelten sich viele, die für die NHL zu alt oder nicht mehr gut genug waren. Ich wollte sie als Sprungbrett nutzen und um Erfahrungen zu sammeln. Ich unterschrieb einen Vertrag, der mir weder Renommee noch viel Geld brachte. Er bedeutete aber eine Chance.

Der Abschied von meiner Familie fiel mir extrem schwer. Sie brachte mich an den Flughafen Zürich Kloten und es war das erste Mal, dass wir uns länger trennen sollten. Zuerst fing meine Mutter an zu weinen, dann mein Vater, dann meine Schwester. Alle wollten ihre Tränen verstecken undflüchteten in eine andere Richtung, sodass ich mit meinem Gepäck und meinen Gefühlen allein dastand. Hey, ihr könnt in der Heimat bleiben, aber ich muss allein in ein fremdes Land gehen, ohne zu wissen, was mich erwartet, rief ich ihnen zu. Dieser Tag im September 1999 markierte das letzte Mal, dass wir alle zusammen an den Flughafen fuhren, um einen von uns gemeinsam zu verabschieden. Zeitlebens trennten wir uns sehr ungern. Die ersten drei Stunden im Flieger waren enorm hart für mich. Ich trug eine schwarze Sonnenbrille, die meine roten, nassen Augen versteckte. Schon jetzt vermisste ich meine Familie und mir wurde in dem Moment so richtig bewusst, dass ich mich auf ein grosses Abenteuer eingelassen hatte. (…)

Am Flughafen in Salt Lake City erwartete mich niemand. Kein Mensch hatte sich die Mühe gemacht, mich abzuholen! Ich konnte es kaum glauben, doch nach zwei Stunden vergeblichen Wartens rief ich meinen Manager (Doug Honegger) an. (...) Er riet mir, in den Unterlagen nachzuschauen, ob sich darin Angaben zum Hotel fänden, und mir ein Taxi zu nehmen. Darin stand jedoch lediglich der Name einer Hotelkette und ich werweisste mit dem Taxi-Chauffeur, welche Dependance am nächsten zum Eishockeystadion lag. Dorthin brachte er mich. Das Hotel hatte eine altmodische Rezeption mit Schlüsselkasten. Darin lag eine Nachricht für mich, dass ich mich in vier Tagen im Eishockeystadion zum ersten Training einfinden sollte. In vier Tagen! Was sollte ich bloss bis dahin machen? Damals gab es ja noch nicht die heutigen Kommunikationsmittel, weder Handy noch Internet, über die man mit der Familie sprechen oder für Unterhaltung sorgen konnte. So versuchte ich, mich in der Stadt zu orientieren, denn Zeit hatte ich ja en masse.

Dann endlich war der Tag gekommen, an dem ich das tun durfte, weswegen ich hergekommen war: Ich durfte aufs Eis. Mit meinen 21 Jahren war ich mit Abstand der Jüngste in der Mannschaft, der Zweitjüngste brachte es auf 26 Jahre. Im Training konnte ich meiner Ansicht nach mithalten, doch als sich vor dem ersten Meisterschaftswochenende die Mannschaft für das Auswärtsspiel gegen die Long Beach Ice Dogs parat machte, kam der Trainer Bob Bourne zu mir und meinte: Du brauchst deine Sachen nicht zu packen, du spielst nicht und wirst demnach auch nicht mitkommen.

Sein schönstes Erlebnis, der härteste Gegenspieler: Mark Streit lässt seine NHL-Karriere Revue passieren.
Video: Fabian Sanginés/Simon Graf

Zur sportlichen Enttäuschung kam die Frage, was ich am Wochenende in einer Stadt, in der ich nichts und niemanden kannte, anfangen sollte. Ein Ausländer bei einem Schweizer Verein kriegt alles organisiert. Mir hatte man in Salt Lake City ein paar Business Cards mit Kontakten des Klubs in die Hand gedrückt, mit denen ich eine Wohnung mietete und ein kleines Auto kaufte. Dass ich in kurzer Zeit das Notwendige beisammenhatte, machte mich zuversichtlicher. Ich ging in einen Outdoor-Laden und erwarb eine Angelrute und Köder. Dann verbrachte ich das Wochenende in der Park City Gegend draussen in der Natur an einem See beim Fischen. Ich fing zwei Forellen, die ich mir am Abend zu Hause zum Znacht briet.

Als die Mannschaft aus Long Beach zurückkam, bereiteten wir uns auf das Rückspiel zu Hause am kommenden Wochenende vor. Doch auch da sollte ich nicht zum Einsatz kommen. Nach dem Aufwärmen gab mir der Trainer zu verstehen, dass er nicht auf mich setzte. Ich zog mich in der Garderobe um und schaute mir den Match von den Zuschauerrängen aus an. Was für ein Chaos sich dem Publikum bot! Die Spieler gingen wahllos aufeinander los, eine Schlägerei ergab die nächste, bis die Polizei aufs Eis rückte, um die Prügelnden zu trennen und zur Raison zu bringen. Selbst die Coaches waren kaum zurückzuhalten. Wo bin ich hier bloss gelandet?!, fragte ich mich. Wir hatten einen Native American im Team, der besonders hart austeilte. Als ich in die Garderobe kam, war der voll tätowierte Mann gerade mit dem Duschen fertig. Als er hörte, dass das Gemenge draussen weiterging, lief er nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet zurück zur Bank, um weiter mitzumischen. So ein Schauspiel hatte ich noch nie erlebt.

Als ich zum Stadion fuhr, um meine Ausrüstung zu holen, fand ich diese vor der Garderobe in einem Müllsack.

Mark Streit

Meine erste Chance erhielt ich nach zwei Monaten ohne Ernstkampf in Winnipeg gegen die Manitoba Moose. Wir gewannen und ich konnte trotz fehlender Praxis einen entscheidenden Pass geben. Zurück im Hotel gab mir Bob Bourne zu verstehen, dass er zufrieden sei. You played well. Good for you, lautete sein Kommentar. Doch eine Woche danach rief mich Doug Honegger an. Der Klub wollte mich in ein Conditioning schicken, das heisst einige Zeit lang in eine tiefere Liga versetzen. Man hatte sich entschieden, mich an einen Klub in der East Coast Hockey League (ECHL) zu verleihen, an die Tallahassee Tiger Sharks. Dort sollte ich zwei Wochen bleiben und Spielpraxis sammeln. Als ich frühmorgens vor dem Abflug von meinem Apartment ins Stadion fuhr, um meine Ausrüstung zu holen, fand ich diese vor der Garderobe in einem Müllsack vor. Ich war den Verantwortlichen nicht einmal eine Sporttasche wert. Was für eine Geringschätzung.

Jeder Stanley-Cup-Sieger darf den Pokal zu Hause präsentieren. Mark Streit brachte ihn nach Bern.
Jeder Stanley-Cup-Sieger darf den Pokal zu Hause präsentieren. Mark Streit brachte ihn nach Bern.
Peter Klaunzer/Keystone

Doch ich liess mich nicht unterkriegen und blickte nach vorne. Denn es gab auch berührende Momente. Mit einem Kollegen, der als Stürmer spielte und der durch seine körperbetonten Fights eher ein Mann fürs Grobe war, hatte ich einige Male zu Abend gegessen. Wir beide waren oft überzählig und teilten somit das gleiche Schicksal. Er hatte eine Frau und ein kleines Kind und schickte seinen Gehaltsscheck immer sofort nach Hause. Einmal bat er mich um 20 Dollar, die ich ihm gern gab. Als er erfuhr, dass er in eine tiefere Liga geschickt wurde, legte er mir 20 Dollar auf meinen Platz. Das hätte ich nie erwartet, geschweige denn gewollt. Doch es zeigte mir den tollen Charakter dieses Menschen und die Härte unseres Metiers.

Die Klubsekretärin der Tallahassee Tiger Sharks wusste Bescheid, was mit mir passieren sollte: Es ging direkt los.

Mark Streit

Was mich wohl in Tallahassee erwarten würde? Bei meiner Ankunft nach zwölf Stunden Reisezeit mit zweimal Umsteigen an den Flughäfen wusste zumindest die Klubsekretärin der Tallahassee Tiger Sharks Bescheid, was mit mir passieren sollte. Sprich: Es ging direkt los. Ich kam im Stadion an, als die Kameraden in der Garderobe schon halb angezogen waren. Ich hatte niemanden, der mir half, machte schnell mit der Ausrüstung und schon ging es aufs Eis für den ersten Match. Danach hätte ich mich gern im Hotel etwas ausgeruht. Doch nach einem Stück Pizza (man hatte zur Verpflegung Pizzen in die Garderobe liefern lassen, an denen sich jeder bedienen konnte), stiegen wir in den Bus und fuhren zu einem Samstag-, Sonntag-Auswärtstrip bei den nächsten Gegnern.

Zur East Coast Hockey League gehörten hauptsächlich ein paar Teams in Florida, Jacksonville, Alabama, Mobile, die Küste hoch bis Trenton, die am nördlichsten gelegene Stadt der Liga. Nach dem Auswärtsmatch gegen die Trenton Titans traten wir in unserem mit Kajüten ausgestatteten Schlafbus die Stunden dauernde Rückfahrt an. Mitten in der Nacht rief der Chauffeur durch den Bus: Hey! Ich mag nicht 18 Stunden durchfahren. Ich bin müde und kann nicht mehr. Ist jemand in der Lage, einen Bus zu lenken? Der Ersatzgoalie meldete sich, er sei auch schon Bus gefahren. Also setzte er sich hinters Steuer, während sich der Chauffeur aufs Ohr legte. Ich habe für den Rest der Strecke kein Auge mehr zugetan.»