Zum Hauptinhalt springen

Wandbild im Wylergut-Schulhaus«Dahinter steckt eine koloniale Logik»

Darstellungen wie das übermalte Wandbild im Wylergut-Schulhaus würden Kindern das «Exotische» als etwas Unterentwickeltes vermitteln, sagt Rassismus-Forscher Rohit Jain.

Das Wandbild im Wylergut-Schulhaus – vor der Übermalungs-Aktion.
Das Wandbild im Wylergut-Schulhaus – vor der Übermalungs-Aktion.
Bild: Adrian Moser

Hinweis: Dieses Gespräch wurde 2019 geführt. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir es an dieser Stelle erneut.

Rohit Jain, das Bildalphabet im Wylergut-Schulhaus zeigt Natur und farbige Menschen. Wo liegt das Problem?

Dahinter steckt eine koloniale Logik: Neben Tierdarstellungen stehen Vertreter bestimmter «Rassen». Sie werden damit dem Animalischen zugeordnet. Im Blick des imperialen, «weissen» Europas stellten sie «primitive Rassen» dar. Dieses Weltbild haben in der Schweiz Millionen von Menschen an Völkerschauen verinnerlicht, und es lebt weiter. Besonders problematisch ist der Bildungskontext.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir die Beispiele von Pippi in der Südsee oder Globi in Afrika: Kinder nehmen anhand solcher Geschichten auch Stereotypen auf. Sie lernen den Süden oder das Exotische als etwas Unterentwickeltes kennen. Dabei könnte Pippi statt nach Taka-Tuka-Land für ihre Abenteuer doch auch auf den Mond reisen. Wie fühlen sich diese Bilder für nicht weisse Kinder an, die in der Schweiz zu Hause sind?

Das Alphabet stammt aber aus einer anderen Zeit.

Der Kontext ist wichtig. Aber Geschichte wird in der Gegenwart gemacht. Die Berufung auf Tradition oder Geschichte ist oft eine Ausflucht, um sich unbequemen Fragen nicht stellen zu müssen. Sie kann zum Machterhalt der privilegierten Mehrheit missbraucht werden. Viele Leute haben Angst, durch die Auseinandersetzung ihre Privilegien zu verlieren. Als Sozialanthropologe sehe ich Tradition und Geschichtsschreibung als kulturelle Medien, durch die sich Gemeinschaften mit Veränderungen auseinandersetzen.

«Das Problem ist, dass die Diskussionen oft nur entlang von Einzelfällen geführt werden.»

Und diese Auseinandersetzung findet nicht statt?

Das Problem ist, dass die Diskussionen oft nur entlang von Einzelfällen geführt werden. Dabei geht die übergeordnete Debatte völlig vergessen: Wie lösen wir das strukturelle Problem, das den Rassismus begünstigt?

Wie sollte man mit rassistischen Darstellungen umgehen?

Es gibt kein Patentrezept. Manchmal reicht ein Hinweis auf einem Schild, in anderen Fällen muss man problematische Symbole einfach versorgen. Oft gibt es künstlerische Varianten, ein Objekt, einen Begriff oder eine Geschichte neu zu interpretieren. Sind Kinder involviert, bietet es sich an, solche Themen in den Lehrplan aufzunehmen.

Sie sind selber schweizerisch-indischer Secondo. Ist Ihre Hautfarbe ein Thema?

Ich werde oft darauf angesprochen, auch von Kindern. Auf dem Skilift meinte ein Kind erschrocken, ob ich aus Afrika sei. Meine Tochter wurde in der Schule kürzlich eine N* genannt. Aber Kinder können nichts dafür, sie sind der Spiegel der Gesellschaft.