Daheim wartet giftiger Lorbeer

Das Theater Biel brilliert mit der Schweizer Erstaufführung von Händels Oper «Ezio». Eine spannende, bis heute aktuelle Geschichte.

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Auf Mozarts «Così fan tutte» lässt das Theater Biel-Solothurn als Kontrast und zweite Oper der Saison eine echte Rarität folgen: Georg Friedrich Händels 1732 uraufgeführte «Ezio». Die Handlung beginnt, wo Verdis Attila aufhört – der Hunnenkönig ist in die Flucht geschlagen, der siegreiche römische Feldherr Ezio (Flavius Aetius) zurück in der Ewigen Stadt. Doch hier erwarten ihn nicht Lob und Ruhm, sondern Intrigen und Machtspiele. Das Libretto stammt von keinem Geringeren als Pietro Metastasio, der mehrfach für Händel tätig war. Bevor Ezio seine geliebte Flavia doch noch findet, durchläuft er alle Stufen vom Verrat über die Inhaftierung bis zur Ermordung, die der Diener Varo in Missachtung des kaiserlichen Befehls vortäuscht.

Kluge Zurückhaltung

Dass das Verhältnis zwischen einem Herrscher und seinem siegreichen Feldherrn nicht unproblematisch ist, weiss man nicht erst seit Ridley Scotts Film «Gladiator». Selten aber wird diese Konkurrenz so plausibel gemacht wie in der klugen Bieler Inszenierung von Andreas Rosar. Mit einem Einheitsbühnenbild (Fabian Lüdicke) in Form eines antiken Theaters und zurückhaltend eingesetzten Requisiten ist ein idealer Raum geschaffen, in dem die volle Konzentration den Handelnden gilt. Ort und Zeit bleiben offen: Rom? London zu Händels Zeiten? Hier und heute? Auch die Kostüme deuten auf alle drei Epochen. Die Gültigkeit des Stoffs wird dadurch offenkundig, und die ausgereifte Führung der sechs Protagonisten tritt klar zutage. Sie sind auch musikalisch ganz auf der Höhe, wenngleich am Anfang nicht ohne Premierennervosität.

Erstklassig besetzt

Allen voran: das Fach des Countertenors, in der Neuzeit unverzichtbar geworden (die Uraufführung sang der berühmte Senesino). In Biel legt der Österreicher Thomas Diestler den Ezio eher hintergründig an, kein strahlender Held, fast eher ein Grübler. Die hohen Anforderungen der Partie meistert er bravourös. In nichts steht ihm der Kaiser Valentiniano nach, gesungen von Ingrid Alexandre mit stilsicherem, schlankem Mezzosopran. Rie Horiguchi zeichnet überzeugend Onofrias Wandel von der hinterlistigen zur grossmütigen Schwester des Kaisers. Rosa Elvira Sierra als Fulvia benötigt etwas Anlauf, ehe sie in der grossen Arie «La mia costanza» zu jener Koloratursicherheit findet, die man von ihr aus dem Belcantofach kennt: Im zweiten Teil reift sie zur grossen Tragödin, hin und her gerissen zwischen dem Geliebten und dem Vater Massimo. Diesem Bösewicht shakespearescher Dimension, stets bereit, den Dolch zu zücken, leiht Gregory Finch Hinterhältigkeit und Niedertracht, aber auch einen farbenreichen Tenor. Der sonst auf eher gravitätische Rollen abonnierte Yongfan Chen-Hauser schliesslich lässt als Varo aufhorchen mit einem behenden, wohl timbrierten Bass.

Der junge Kapellmeister Moritz Caffier erstaunt bereits mit stilistischer Vielfalt, und auch Händels Duktus scheint ihm zu liegen. So klingt das Bieler Sinfonieorchester zeitweise fast wie mit Originalinstrumenten bestückt und stets transparent, hell und frisch. Ein ideales Haus – ein grosser Abend.

Aufführungen bis 9. Februar 2011. www.theater-biel.ch, www.theater-solothurn.ch.

Der Bund

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