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Die Nationalisten und das VirusCorona als Metapher

Von der Pest zu Corona — jede Krankheit erzeugt fatale Zuschreibungen, mit denen sich die Menschen gegen etwas Unbegreifbares zu wappnen versuchen.

MeinungJean-Martin Büttner
Ein solches phallisches Amulett erhielten Kinder im alten Rom um sie vor Krankheiten zu schützen.
Ein solches phallisches Amulett erhielten Kinder im alten Rom um sie vor Krankheiten zu schützen.
Foto: Augusta Raurica Museum, MRV

Der Schmerz ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In früheren Zeiten nannte man ihn Gott oder hielt ihn für Schicksal. Man war fast jeder Krankheit ausgeliefert, viele Verletzungen liessen sich nicht heilen, die Ärzte waren oft machtlos, mit ein Grund, dass man an symbolische Handlungen glaubte, an Beschwörungen und Gebete.

Auch den Viren gegenüber war man hilflos, schon deshalb musste man ihnen einen Sinn geben, musste sie in einen Zusammenhang setzen. Die Pest, der man so ausgeliefert war und die im Mittelalter so viele Menschen umbrachte, bis ganze Landstriche verödeten und Wissen verloren ging — daran seien die Juden schuld, dachten viele und glaubten, diese würden die Brunnen vergiften. Also verbrannte man die Juden in ganz Europa.

Krankheit wird mit militärischem Vokabular beschrieben.

In ihren Essays «Aids as a Metaphor» und «Disease as Political Metaphor» hat die amerikanische Publizistin Susan Sontag untersucht, wie die Menschen mit Viren und anderen Krankheiten umgehen, wie sie sie einschätzen und beschreiben. In allen Fällen stehe die Vorstellung einer Strafe im Zentrum, schreibt sie, die selbst an Krebs erkrankt war. Krankheit als moralisches Urteil. Die Krankheit werde mit militärischem Vokabular beschrieben, ein aggressiver Krebs greift den Patienten an, er wird zum Opfer und gleichzeitig zum Mitschuldigen. Die Syphilis vulgarisiert den Angesteckten, die Tuberkulose ereilt ihn aus vielen Gründen, ebenso wie der Krebs, der wahrgenommen wurde als Barbar von innen, der vom Menschen Besitz ergreift und ihn dämonisiert. Auch der Kommunismus wurde als eine Art Krebs beschrieben, der überall seine Metastasen bildete.

Etwas Ähnliches passiert in diesen Wochen mit dem Coronavirus: Es wird als Bedrohung wahrgenommen, von Menschen aus fremden Ländern eingeschleppt. Immer wieder weisen Medien darauf hin, dass in Italien besonders viele Chinesen leben. Länder schliessen ihre Grenzen und geben das als Schutz der eigenen Bevölkerung aus. Der amerikanische Präsident Donald Trump gibt Europa die Schuld am Virus und versucht seine Wirkung weiter zu verharmlosen, um die Wirtschaft nicht zu gefährden. Indem er ankündet, eine Impfung zu entwickeln nur für die USA, kombiniert er Patriotismus mit Egoismus in der Hoffnung, das komme gut an in seinem Land.

Reduit gegen das Virus

Das Virus wird zum Vorwand für den Rückzug ins geistige Reduit. Wie konsequent man diesen feiern kann, zeigte Christoph Blocher unlängst in einem Text für die «Weltwoche». Er nutzte die Aktualität, um seine ewige Platte abzuspielen: Die Schweiz habe sich von anderen Ländern und vor allem der EU abhängig gemacht. Sie habe ihre Souveränität weitgehend aufgegeben, indem sie lebenswichtige Güter exportiert habe: die Energie zum Beispiel, aber auch die Ernährung und selbst die Demokratie. Die Schweizer Armee wird zusammengespart, findet er, dafür übernehmen die fremden Richter der EU das Land.

Das Coronavirus beweist für Blocher, dass die Schweiz wieder selbstständig werden müsse, also selbstversorgend – als sei sie das je gewesen, als habe sie nicht immer wieder mit anderen paktieren müssen, sogar mit den Nationalsozialisten. Das Coronavirus als politische Metapher behandelt die Gefahr als von aussen kommend, wie die Flüchtlinge. Den einzigen Schutz der Schweiz, schreibt der SVP-Mann, garantiere der Rückzug auf sich selber, also letzten Endes die Isolierung in Kombination mit lukrativem Handel: Neutralität als nationaler Egoismus. Das Virus bringt das Beste in den Menschen hervor und das Schlimmste.