Die Medizinerin für alle

Soumya Swaminathan ist Chef-Wissenschaftlerin bei der WHO. Sie hat Patienten in den Slums betreut, aber auch in Hightech-Spitälern geforscht.

Soumya Swaminathan ging mit ihrem Vater früher oft ins Labor. Fotos: Olivier Vogelsang

Soumya Swaminathan ging mit ihrem Vater früher oft ins Labor. Fotos: Olivier Vogelsang

Barbara Reye@tagesanzeiger

Keine andere Infektion tötet mehr Menschen als die Tuberkulose. Allein im Jahr 2018 starben weltweit 1,5 Millionen Menschen daran. Mehr als 4100 an einem Tag. Ist die Lunge befallen, husten die Patienten, verlieren ihren Appetit, magern ab. Unbehandelt sterben sie einen langsamen, schleichenden Tod.

Ein Viertel der Weltbevölkerung trägt den Krankheitserreger in sich, ohne dass er bisher ausgebrochen wäre – er ruht somit in einer Art Schlafzustand. Doch vor allem Kleinkinder, Unterernährte und Immunschwache erkranken am tückischen Mycobakterium. «In Indien haben wir nach wie vor die meisten Fälle von Tuberkulose», sagt Soumya Swamina­than von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Als Forscherin und Medizinerin kämpfte sie in ihrem Land mehr als 25Jahre gegen diese meist vernachlässigte Seuche.

Hautnah hat sie miterlebt, dass für Erkrankte in ländlichen Gebieten Indiens und den Slums der Megacitys aufgrund des schlechten Zugangs zu einer hochwertigen medizinischen Versorgung oft jede Rettung zu spät kam. Zudem führte auch der Mangel an rechtzeitiger und korrekter Diagnose und Behandlung häufig zu einer multiresistenten Tuberkulose, sodass die üblichen Antibiotika nicht mehr wirkten.

Doch nun will Indien die Krankheit schon 2025 eliminiert haben. «Das Ziel ist sehr ambitiös und vermutlich auch nicht realistisch», gibt Swaminathan offen zu. Es sei aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Denn nur wenn das Problem im Fokus der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung stünde, gebe es Gelder für die Finanzierung von effizienten Massnahmen.

Auch in Kalifornien geforscht

Die 60-jährige Lungenexpertin und Kinderärztin ist die erste Chefin für Wissenschaft an der WHO. Ihre akademische Ausbildung gleicht einer Weltreise, da sie nicht nur in Indien, sondern auch in England, Schottland und in den USA lebte. So hat sie Ende der 1980er im Children’s Hospital of Los Angeles für eine Studie ein Atem-Messgerät mitentwickelt, um die mysteriösen Ursachen des plötzlichen Kindstods zu untersuchen. In ihrer Heimat konzentrierte sie sich später vor allem auf die Behandlung und Diagnostik von Tuberkulose. Insgesamt hat sie mehr als 350 Publikationen und Buchkapitel veröffentlicht.

Der jetzige Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus aus Äthiopien, holte Swaminathan 2017 an die UNO-Behörde nach Genf. Zuerst war sie seine Stellvertreterin. Doch um der Wissenschaft in Zukunft noch mehr Gewicht zu geben, hat der Experte für Infektionskrankheiten und Public Health ihr vor einem halben Jahr extra diesen neuen Posten geschaffen.

Bevor Swaminathan in die Schweiz kam, wo sie bereits von 2009 bis 2011 als Koordinatorin eines Sonderprogramms für Tropenkrankheiten tätig war, arbeitete sie in Delhi als Generaldirektorin des Indian Council of Medical Research – einer der weltweit ältesten und grössten Einrichtungen für biomedizinische Forschung, die vom indischen Gesundheitsministerium finanziert wird.

Die Tasse in ihrem Büro erinnert sie täglich an das Ziel, Tuberkulose einst zu besiegen.

Aufgewachsen ist sie in Dehli und in der südindischen Metropole Chennai am Golf von Bengalen. Auf eine Art trat sie in die Fussstapfen ihres international renommierten Vaters. Der Agrarwissenschaftler war für die «grüne Revolution» in Indien bekannt. Denn er setzte sich für die Zucht von ertragreicheren Sorten von Reis und Weizen ein. Seine Vision war es, die Welt von Hunger und Armut zu befreien. 1987 erhielt er den Welternährungspreis und gründete mit dem Preisgeld eine Stiftung, die eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung und ökonomische Besserstellung der Bauern unterstützt.

«Zu Hause waren bei uns früher immer Studenten zu Besuch, sodass es viele interessante wissenschaftliche Diskussionen gab», erinnert sich Swaminathan. Ihr Vater habe sie und auch ihre zwei Schwestern häufig zu den Versuchsfeldern und ins Labor mitgenommen, wodurch sie schon früh eine Leidenschaft für die Forschung entwickelte. Ihre Mutter sei Lehrerin gewesen. Sie habe ihr und ihren Geschwistern soziale Verantwortung beigebracht sowie eine Sensibilität für all diejenigen, die weniger Glück im Leben haben.

Kann sie solche Erfahrungen in ihrem jetzigen Job nutzen? «Ja, natürlich», sagt sie prompt bei unserem Gespräch im siebten Stock des WHO-Gebäudes in Genf. Am wichtigsten sei es, dass man auf die jeweiligen Bedürfnisse der Leute eingehe. Es bringe nichts, wenn man sich etwa nur auf eine Krankheit fokussiere. Als sie beispielsweise im Rahmen ihrer Tuberkuloseforschung mit den Frauen in den Dörfern sprach, sagten diese ihr klipp und klar, dass bei ihnen Tuber­kulose nicht das dringendste Problem sei und es im Vergleich nur relativ selten vorkomme. Vielmehr bräuchten sie unbedingt Hilfe gegen schwere Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern.

«Nur ein ganzheitlicher Ansatz bringt langfristig etwas», ergänzt Swami­nathan. Hinzu kommt, dass auch die lokalen Gesundheitsarbeiter immer vollständig eingebunden sein müssen. Dies ist notwendig, um ein mögliches Misstrauen der Bevölkerung gegenüber neuen medizinischen Interventionen abzubauen und gleichzeitig aber auch einfache Hygiene- und Vorsichtsmassnahmen überall zum Standard zu machen. So dürfe es nicht mehr vorkommen, dass ein Kind mit Malaria ins Spital gebracht werde und dort an Ebola erkranke. In dieser Hinsicht gebe es noch viel zu tun.

Impfstoffe gegen Ebola

Doch die Medizinerin sieht auch die Fortschritte, die gemacht worden sind. Im Gegensatz zur letzten Ebola-Epidemie vor fünf Jahren hatten sie damals noch keine Impfstoffe und keine Medikamente. Inzwischen wurden in der Demokratischen Republik Kongo, wo das Virus seit einem Jahr erneut wütet, 250?000 Menschen geimpft. Das riesige Problem sei dort aber, dass die Eindämmung der Seuche durch Kämpfe zwischen Milizen und Banden stark behindert werde und dadurch auch Gesundheitseinrichtungen sowie medizinisches Personal immer wieder zur Zielscheibe bewaffneter Gruppen würden.

Neben den grossen Infektionskrankheiten sieht Swaminathan die nicht übertragbaren chronischen Krankheiten wie etwa Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes als eine weitere Katastrophe. Häufig könnten sie jedoch durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden. Um Risikofaktoren besser zu bekämpfen, soll nun die App «Be He@lthy, Be Mobile» Informationen zur Krankheitsvorbeugung direkt an Mobiltelefonnutzer bis in die entlegensten Orte der Welt übermitteln.

Auch die Integration von traditionellem Gesundheitswissen wie Ayurveda und Chinesischer Medizin in die medizinische Grundversorgung wird untersucht. «Allerdings nur, wenn es wissenschaftliche Studien dazu gibt», fügt sie hinzu. Dies sei eine Voraussetzung.

Tochter auf Hawaii, Sohn in Indien

Aufgrund ihrer aktuellen Anstellung bei der WHO in Genf ist ihre Familie derzeit über den ganzen Globus verteilt. Ihr Mann arbeitet weiterhin als Chirurg in einem Spital in Chennai. Dort lebt auch der 27-jährige Sohn, der als Gamedesigner arbeitet, während die 30-jährige Tochter als Meeresbiologin gerade in Honolulu Korallenriffe erforscht.

«Meinen Mann, der mich in Sachen Karriere und Familie in all den Jahren immer sehr unterstützt hat, sehe ich momentan nur alle drei bis vier Monate», sagt sie. Doch nach ihrem Mandat in Genf kehre sie wieder zurück nach Indien. Solange sie noch in der Schweiz sei, geniesse sie es, hier zu wandern und Velo zu fahren. Denn das sei in der 8-Millionen-Metropole dann leider nicht mehr möglich.

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