Die Wächterin am Tor

Evelyne Wasem hat einen der exklusivsten Jobs der Schweiz: Sie ist Schleusenwärterin. Sie erlebt aber auch dramatische Momente.

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Reto Wissmann@RetoWissmann

Normalerweise läuft der Biber ja um die Schleuse herum, wenn es ihn am frühen Morgen jeweils vom Unterlauf der Aare hinauf in die alte Zihl zieht. Im nassen Gras sind seine Spuren deutlich zu sehen. Manchmal nimmt er aber auch den bequemen Weg und lässt sich von Evelyne Wasem die gut 2,5 Meter hinaufschleusen.

«Es stört ihn überhaupt nicht, wenn sich hinter ihm die massiven Tore schliessen», sagt die Schleusenwärterin von Port. Zum Beweis zeigt sie auf ihrem Handy ein Foto mit dem putzigen Tier, das gemütlich in der Kammer paddelt.

Auch Entenfamilien und grosse Schwärme von Jungfischen nehmen manchmal den Weg über die Schleuse, um den Höhenunterschied zwischen Nidau-Büren-Kanal und Bielersee zu überwinden.

Wachsamer Blick aufs Wasser

Doch dafür hat der Kanton Evelyne Wasem selbstverständlich nicht angestellt. Selbst im Gespräch mit dem «Bund» behält die Schleusenwärterin das Wasser immer im Blick. Möchte ein Fischer nach Solothurn hinunterfahren oder ein Freizeitkapitän auf den See hinauf? Aus Richtung Nidau taucht ein blaues Motorboot aus dem Waadtland auf.

Das Signal steht bereits für eine «Talfahrt» auf Grün und die drei Männer können langsam in die Schleuse einfahren. Mit einem Fingertipp auf den Bildschirm schliesst Evelyne Wasem das obere Schleusentor. Sobald die Kammer dicht ist, öffnet sich ein grosser Schieber ausserhalb des unteren Tors, und über mächtige Rohre entleert sich die Schleuse.

In drei bis vier Minuten strömen rund 1500 Kubikmeter Wasser raus. Wenn in der Schleuse dann der Pegel des Kanals erreicht ist, geht das untere Tor auf und die Waadtländer können ihre Fahrt fortsetzen. «Ade mitenang u ä schönä Nomittag», wünscht ihnen Evelyne Wasem.

Die Schleuse in Port ist die einzige in der Schweiz, die vor Ort bedient wird – und der Job von Evelyne Wasem entsprechend exklusiv. Sie und zwei Kollegen teilen sich 145 Stellenprozente und decken so den ganzen Betrieb ab. In der Sommersaison ist die Schleuse von 7 bis 19.30 Uhr geöffnet. Wasem arbeitet dann zwölfeinhalb Stunden am Stück. Beklagen will sie sich nicht – im Gegenteil.

«Wer hat schon einen so schönen Arbeitsplatz», schwärmt sie. Tatsächlich ist der Blick auf die Aare atemberaubend. Das kleine Schleusenwärterbüro im rechten Pfeiler des Stauwehrs ist jedoch spartanisch eingerichtet. Neben dem Touchscreen zur Bedienung der Schleuse gibt es ein Telefon, einen Computer, eine kleine Küchenkombination und einen riesigen Elektroschrank.

Jährlich passieren gegen 5000 Schiffe die Schleuse, die Hälfte davon im Juli und August. Manchmal schleust Wasem 100 Boote an einem Tag. Bezahlen müssen die Kapitäne nichts, auch wenn die riesige Anlage manchmal nur für ein kleines Ruderboot in Bewegung gesetzt werden muss.

Als das Regulierwehr in Port zwischen 1936 und 1939 als Kernstück der Juragewässerkorrektion gebaut wurde, lautete die Auflage des Bundes, dass Schiffe auch künftig die Sperre kostenlos passieren können. Seither bedienen Schleusenwärterinnen und Schleusenwärter den «Schiffslift».

Früher waren sie auch noch für die Regulierung des Wehrs zuständig. Nach Anweisungen aus Bern mussten sie jeweils jede einzelne der fünf 60 Tonnen schweren Doppelhackenschützen hoch- oder runterfahren. Da der Nidau-Büren-Kanal der einzige Ausfluss ist, hängt am Wehr in Port die gesamte Regulierung der drei Jurarandseen (siehe Box).

«Ich darf also auf keinen Fall beide Schleusentore offen lassen», sagt Evelyne Wasem mit einem Schmunzeln. Heute wird das gesamte Wehr ferngesteuert. 15.25 Uhr ist ein Fixpunkt im Tagesablauf der Schleusenwärterin. Dann kommt das dritte und letzte Kursschiff von Biel her.

Private Boote müssen sich jetzt gedulden, die Schiffe der Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft haben immer Vorrang. Ganz langsam steuert Schiffsführer Adrian Lerch die 48 Meter lange und 9,5 Meter breite MS Rousseau zentimetergenau in die 52 Meter lange und 11,5 Meter breite Schleuse.

Währenddessen geniessen Ausflügler auf dem Sonnendeck ihr Cüpli, ein Grossvater erklärt seinem Enkel, wie ein so riesiges Schiff ganz ohne Pumpen gehoben und gesenkt werden kann. «Die Schleusenfahrt ist ein Erlebnis für unsere Passagiere», sagt Lerch.

Offenbar gilt das auch für die Schiffscrew: Manchmal backt Evelyne Wasem für die Mannschaft Kuchen, was diese mit einem Kaffee aus der Bordküche verdankt.

Stand-up-Paddlerin in Gefahr

Neben den Schleusungen führt Evelyne Wasem auch kleine technische Arbeiten aus, kümmert sich um Gebäude und Umgebung, gibt am Telefon Auskünfte und beantwortet Mail-Anfragen. Ab und zu erlebt sie aber auch dramatische Momente. Im Frühling ist bei Hochwasser eine Stand-up-Paddlerin dem Wehr bedenklich nahe gekommen, obschon die Sperrzonen deutlich markiert sind.

Wasem hat gewinkt und gerufen, zunächst ohne Erfolg. Erst im letzten Moment ist die Paddlerin abgedreht. Wie gefährlich das Wehr sein kann, weiss in der Region spätestens seit 2001 jeder. Damals hatte ein Motorboot die Einfahrt zur Schleuse verpasst, wurde über das Wehr gespült und kenterte.

Drei Personen kamen ums Leben. Danach wurden die Sicherheitsmassnahmen verbessert. Die Schleusenwärterin ist dennoch immer wachsam. Evelyne Wasem, die eigentlich Floristin gelernt und als Rosengärtnerin gearbeitet hatte, ist durch Zufall zu ihrem Job gekommen – wenn auch nicht ganz.

Ihre Eltern haben während 30 Jahren die Schleuse bedient und gleich daneben gewohnt. «Wir gaben jeweils damit an, dass wir den grössten Swimmingpool in der Region haben», erinnert sich Wasem an ihre Kindheit, in der sie oft in der Schleusenkammer geschwommen ist.

Vor 13 Jahren ist sie dann einmal als Ablösung für einen erkrankten Schleusenwart eingesprungen, und später hat sie den Job ganz übernommen. Seither möchte sie nichts anderes mehr tun. Die Blumen rund um ihre spartanische Schaltzentrale pflegt sie aber immer noch mit Hingabe.

Der Bund

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