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Vor dem Start zur Premier LeagueChelsea rührt mit der ganz grossen Kelle an

Niemand gibt derzeit in England mehr Geld für neue Spieler aus als der Chelsea FC. Erste Favoriten auf den Titel sind trotzdem Liverpool und Manchester City.

Chelsea-Coach Frank Lampard mit seinem Neuzugang: Für 88 Millionen Franken ohne Bonuszahlungen wechselte Kai Havertz von Leverkusen nach London.
Chelsea-Coach Frank Lampard mit seinem Neuzugang: Für 88 Millionen Franken ohne Bonuszahlungen wechselte Kai Havertz von Leverkusen nach London.
Foto: Darren Walsh (Getty Images)

Vor einem Jahr warf die Premier League 1,7 Milliarden Franken für neue Spieler auf den Markt. Sie hatte die Spirale auf Rekordhöhe getrieben. Bevor nun am Samstag die nächste Meisterschaft beginnt, scheint die Transferbörse eingeschlafen zu sein.

Aber was heisst das schon, wenn es um die englische Glitterliga geht? Selbst in diesem Zustand hat sie bis jetzt 930 Millionen für neues Personal ausgegeben. Vorneweg geht mit der grossen Kelle das Chelsea von Roman Abramowitsch.

Chelsea: Das teure Nachholbedürfnis

Vergangenen Sommer und Winter durfte Chelsea keine Transfers tätigen. Der Club aus dem feinen Stadtteil im Londoner Südwesten hatte bei der Verpflichtung von minderjährigen Spielern gegen die Regularien der Fifa verstossen. Die Sperre zwang ihn zum Glück, Frank Lampard kehrte als Trainer zurück an die Stamford Bridge, wo er als Spieler ein Idol gewesen war, und setzte in der Not auf junge Spieler. Trainer und Mannschaft machten das ganz gut, jedenfalls weit über den Erwartungen, und beendeten die Saison auf Platz 4.

Mit dem Erfolg ist der Hunger erst recht da, und weil das viele Geld aus den Verkäufen von Eden Hazard und Alvaro Morata noch auf dem Konto lag, rund 200 Millionen, konnte die grosse Einkaufstour beginnen. 267 Millionen haben jetzt allein Kai Havertz, Timo Werner, Ben Chilwell und Hakim Ziyech gekostet. Das soll noch nicht alles sein. Weil Lampard das restlose Vertrauen in seinen Goalie Kepa Arrizabalaga fehlt, wirbt er noch um den Senegalesen Edouard Mendy von Rennes. Kepa hatte einst 93 Millionen gekostet, Mendy käme auf vergleichsweise bescheidene 22 Millionen zu stehen.

Der zweite neue Deutsche: Timo Werner kam von RB Leipzig zu Chelsea.
Der zweite neue Deutsche: Timo Werner kam von RB Leipzig zu Chelsea.
Foto: Darren Walsh (Getty Images)

Da ist also einmal Havertz. In Deutschland haben sie den 21-Jährigen längst auf den Schild des absoluten Ausnahmetalentes gehoben. Rudi Völler, das sportliche Gewissen bei Bayer Leverkusen, sagt zum Beispiel über ihn: «Er ist jetzt schon Weltklasse. Er wird der beste deutsche Nationalspieler der nächsten zehn Jahre.» Solche Prognosen müssen nicht immer stimmen, aber sie wirken sich durchaus auf den Preis aus. 88 Millionen muss Chelsea für Havertz als Grundbetrag nach Leverkusen überweisen, weitere 22 Millionen sind als Bonusleistungen fällig.

Havertz, hochaufgeschossen, der linke Fuss so überragend wie seine Übersicht im offensiven Mittelfeld, hat einen Vertrag bis 2025 erhalten. Das haben auch sein Landsmann Werner, der marokkanische Dribbler Hakim Ziyech von Ajax Amsterdam, Chilwell von Leicester und Malang Sarr, der ablösefrei von Nizza gekommen ist. Diese Dauer steht für die Langfristigkeit des Projekts, das Lampard auf dem Platz in Erfolg umsetzen muss. Schon diese Saison sollen es nicht mehr 33 Punkte Rückstand auf Meister Liverpool sein.

Chelsea hat durchaus das Potenzial zum Spektakel, weil es in der Offensive neben Havertz, Werner und Ziyech auch noch Christian Pulisic gibt, Tammy Abraham und Mason Mount, die Entdeckungen der jüngsten Vergangenheit, alle erst 21 oder 22. Woran Lampard besonders arbeiten muss, ist an der defensiven Stabilität. Sein Chelsea war zu verwundbar, gerade bei Kontern. Darum hat er neben Nationalspieler Chilwell und Sarr auch noch Thiago Silva geholt. Der passt mit seinen 36 Jahren nun nicht gerade ins aktuelle Beuteschema des Clubs, aber die Erfahrung des Brasilianers soll zum Plus in der Abwehr werden.

Pep Guardiola: Die Saison der Bewährung

Fragender Blick: Wohin geht es für Manchester City und Pep Guardiola? Gewinnt er endlich die Champions League?
Fragender Blick: Wohin geht es für Manchester City und Pep Guardiola? Gewinnt er endlich die Champions League?
Foto: Alex Livesey (Getty Images)

Der Kreis der ersten Favoriten auf den Titel rekrutiert sich aus den üblichen Verdächtigen, und der ist klein und umfasst Liverpool und Manchester City. Titelverteidiger Liverpool zeigt sich bis jetzt sparsam und hat für 14 Millionen Franken den griechischen Linksverteidiger Konstantinos Tsimikas aus Piräus geholt, daneben gibt es das Interesse an Thiago, aber noch immer kein offizielles Angebot an Bayern München. Thiago könnte das Extra im Mittelfeld sein, das Liverpool helfen würde, noch mehr Glanz zu verbreiten.

Bei City steht keiner mehr im Mittelpunkt als Trainer Pep Guardiola. Zweimal hat er die Mannschaft in vier Jahren zum Meistertitel geführt, mit eindrucksvollen 100 und 98 Punkten, aber was ihm fehlt, das ist der Erfolg in der Champions League. Seit 2011 und den Tagen mit Lionel Messi beim FC Barcelona hat er sie nicht mehr gewonnen: nicht in drei Jahren mit Bayern München, wo er jedes Mal im Halbfinal ausschied, erst recht nicht mit City, wo er nie über die Viertelfinals hinausgekommen ist.

Das letzte Scheitern gegen Olympique Lyon Mitte August hat ihm nicht nur wehgetan, es hat vor allem auch an seinem Ruf gekratzt, weil er sich komplett verspekulierte. Nicht zum ersten Mal passierte ihm das, wieder hatte er aller Welt zeigen wollen, welch genialer Tüftler er ist. Und wieder scheiterte er krachend.

Auch darum hoffte er auf eine Wiedervereinigung mit Messi. Doch statt Messi heisst der neue Stürmer Ferran Torres von Valencia. Dazu hat Guardiola den nächsten Versuch unternommen, die Abwehr zu stärken, und den Holländer Nathan Aké aus Bournemouth geholt. Mit den 50 Millionen für Aké sind seine Ausgaben für Verteidiger auf über eine halbe Milliarde gestiegen. Die gesamten Investitionen in seinen vier Jahren belaufen sich inzwischen auf 950 Millionen. Eigentlich sollte das genug sein, um Lyon in einem Viertelfinal zu besiegen.

Die Schweizer: Das Fragezeichen Shaqiri

Alles gut? Mitnichten. Xherdan Shaqiri ist wieder einmal verletzt.
Alles gut? Mitnichten. Xherdan Shaqiri ist wieder einmal verletzt.
Foto: John Powell (Getty Images)

Das Feld der Schweizer in der Premier League ist geschrumpft. Albian Ajeti ist bei West Ham durchgefallen und an Celtic weitergereicht worden, Timm Klose und Josip Drmic sind mit Norwich gleich wieder abgestiegen. So sind noch vier übrig geblieben: Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Fabian Schär und Eldin Jakupovic, der Goalie Nummer 3 bei Leicester.

Shaqiri lebt in der Ungewissheit, wieder einmal. 181 Minuten stand er während Liverpools Titelsturm im Einsatz, genau 8 sind es seit Dezember, als er letztmals ein Spiel beginnen durfte. Sonst ist er verletzt gewesen, wie jetzt auch wieder. Diesmal macht der Oberschenkel Probleme. Die Frage ist darum, was das mit Shaqiri selbst macht und wie lange Jürgen Klopp Geduld mit ihm aufbringt.

Xhaka dagegen hat bei Arsenal die letzten Monate genutzt, um sich für den öffentlichen Disput zu rehabilitieren, den er vergangenen Oktober mit den eigenen Fans ausgetragen hatte. Unter Trainer Mikel Arteta ist er als Chef im Mittelfeld unverzichtbar geworden.

Schär schliesslich erholt sich von einer Schulteroperation, aber in seinen zwei Jahren bei Newcastle hat sich gezeigt: Wenn er fit ist, spielt er normalerweise auch. Sein Problem ist nur, dass die Mannschaft mit sehr wenig Kredit in die Saison geht und zum Beispiel vom «Guardian» auf Platz 17 getippt wird, gerade noch vor den drei Absteigern.