Mit Ritalin besser durchs Examen?

Auch bei Erwachsenen steigt der Konsum von Ritalin und ähnlichen Medikamenten für Kinder mit Hyperaktivität oder gestörter Aufmerksamkeit (ADHS). Als Aufputschmittel sollen sie die Leistung steigern.

Wenn die Zeit knapp und die Konkurrenz gross ist, wächst die Versuchung, die Leistung mit Pillen zu steigern: Mittelschüler in den Niederlanden.

Wenn die Zeit knapp und die Konkurrenz gross ist, wächst die Versuchung, die Leistung mit Pillen zu steigern: Mittelschüler in den Niederlanden.

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«Ich sitze vor den Büchern, aber die Wörter ergeben keinen Sinn. Die Konfusion im Kopf hat mein Studium zu einem Kampf gegen mich selbst gemacht.» So schilderte ein Student den Ausgangspunkt eines Selbstversuchs, über den er in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» berichtete. Auch das Magazin des «Tages-Anzeigers» beschrieb unlängst den Selbstversuch einer Autorin zur Leistungssteigerung. Der Ge- oder der Missbrauch von Ritalin ist im Milieu der Geistesarbeiter offenbar im Kommen. Auch die Hochrechnungen der drei grössten Schweizer Krankenkassen liefern alarmierende Zahlen.

Politiker vermuten Missbrauch

Die Bezüge von Ritalin, Concerta und Medikinet in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen haben massiv zugenommen. Nach Angaben der Helsana sind die Bezüge gegenüber 2005 um 67 Prozent gestiegen. Auch die Zahlen der CSS und der Groupe Mutuel bestätigen die Entwicklung. Beunruhigt reagierten darauf einzelne Politiker wie der Zürcher FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller und sein Berner SVP-Kollege Erich von Siebenthal.

Sie vermuten hinter den gestiegenen Bezügen einen Missbrauch als Stimulans. Denn während Ritalin und vergleichbare Präparate bei ADHS-Patienten beruhigend wirken, putschen sie gesunde auf. Negativer Effekt: Sie können süchtig machen. An amerikanischen Universitäten steht Ritalin in der Studenten- wie der Professorenschaft schon länger hoch im Kurs. Um einer entsprechenden Entwicklung hierzulande vorzubeugen, reichte von Siebenthal eine Motion zur Kontrolle ärztlicher Diagnosen ein. Diese wurde jedoch vom Bundesrat im August abgelehnt. Begründung: Dazu bestehe derzeit kein Anlass.

Auch ohne gültige Diagnose

Die Medizinerin Dominique Eich-Höchli, Leitende Ärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, räumt indessen ein, dass es sogenannte Off-Label-Anwendungen gibt, das heisst, nicht von der Kontrollstelle Swissmedic gebilligte Verschreibungen. Eine gewisse Grauzone missbräuchlicher Anwendung von Ritalin, Concerta und Medikinet sei nicht auszuschliessen. Indessen warnt Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, vor einer Verteufelung von Ritalin.

Die gestiegenen Bezüge führt er darauf zurück, dass ADHS auch bei immer mehr Erwachsenen diagnostiziert wird. «Wir gehen davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der ADHS-Kinder auch als Erwachsene weiterhin unter der Krankheit leiden», sagt Kurt. Neben anderen Behandlungsansätzen seien die Stimulanzien bei einer klaren Diagnosestellung oft hilfreich. «Wenn junge Erwachsene bisher wegen ihrer sozialen Auffälligkeiten gesellschaftlich nicht Fuss fassen konnten und nun dank Ritalin Erfolge in Schule, Lehre oder Studium haben, dann trägt das zur Genesung bei», meint der Mediziner. Zumal aktuelle Studien belegten, dass die Einnahme von Ritalin bei ADHS-Erkrankten nicht zur Sucht führe.

Therapeuten und Pharmazeuten

Den St. Galler Psychotherapeuten Theodor Itten hingegen stellt die Diagnose «mehr erwachsene ADHS-Patienten» nicht zufrieden. Er sieht die Gefahr eines Ritalin-Missbrauchs auch vonseiten der Ärzteschaft, der Apotheker und der Pharmaindustrie. Das Krankheitsbild ADHS sei eine Erfindung der Pharmaindustrie, meint Itten gar. Der Psychotherapeut verweist auf die Studie von Jörg Blech «Die Krankheitserfinder» (2003). Darin legt der Wissenschaftsautor dar, wie grosse Konzerne unter anderem mit der Diagnose ADHS von der Abhängigkeit der Patienten profitierten.

«Damit ist viel Geld zu verdienen. Der Gesundheitsmarkt hat ein enormes Wachstumspotenzial», meint Itten dazu. Auch für Ärzte eröffne sich durch die Abgabe von Medikamenten wie Ritalin eine zusätzliche Einnahmequelle. Nach wie vor glaubt Itten zwar, dass die Mehrzahl der Mediziner nach dem hippokratischen Eid handle, also sich der Genesung ihrer Patienten verpflichtet fühle, aber den erhöhten Ritalin-Bezug findet er alarmierend. «Ärzte müssen sich bei der Diagnose ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein», mahnt der Psychotherapeut.

Leistungsdruck zu hoch

Und die Gesellschaft stehe unter einem hohen Leistungsdruck. «Vor allem bei der Generation der heute 20- bis 30-Jährigen herrscht eine grosse Angst, keinen Arbeitsplatz zu finden und den Anforderungen im Berufsleben nicht gerecht werden zu können», sagt Itten. Der Griff zur Droge wie Ritalin sei nicht weit. Das Medikament gehört nach Meinung Ittens neben Betablockern und Antidepressiva bereits zu den gängigen Alltagsdrogen.

Die Ursache für die bereitwillige Einnahme dieser Psychopharmaka sieht Itten in der weitverbreiteten Meinung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit könnten durch die Medizin hergestellt werden. Er tritt dieser Ansicht entgegen: «Gesundheit kann gelebt werden, indem sich jeder Mensch die nötigen Auszeiten nimmt, auch auf die Gefahr hin, eben einmal nicht die geforderte Höchstleistung zu erbringen.»

Der Student im «Zeit»-Artikel und seine Kommilitonen scheinen sich das nicht leisten zu können. Die Möglichkeiten des Ritalin-Missbrauchs liegen auf der Hand. Ob jedoch Hirndoping deshalb gang und gäbe wird, darf bezweifelt werden. Eins jedoch zeigt die Kontroverse um Ritalin deutlich: wie eng Gesundheit, Wirtschaft und Politik miteinander verflochten sind. (Der Bund)

Erstellt: 29.09.2009, 12:17 Uhr

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