«Schreiben fällt mir furchtbar schwer»

Peter Bichsel

Er sei «faul und undiszipliniert», sagt Peter Bichsel, eine Kolumne zu schreiben, bedeute «eine Woche Leidenszeit». Der 73-Jährige will das nicht als Klage verstanden haben, vielmehr empfindet er es als Luxus, sich so ausdauernd quälen zu können. Ein Gespräch über Buchstabensucht, Fantasielosigkeit und die Unfähigkeit, eine Postkarte zu verfassen.

Ein «Sentimentalist», der sich «immer zum Arbeiten zwingen» muss: Peter Bichsel in seinem Atelier in Solothurn. (Adrian Moser)

Ein «Sentimentalist», der sich «immer zum Arbeiten zwingen» muss: Peter Bichsel in seinem Atelier in Solothurn. (Adrian Moser)

Mathias Morgenthaler@_Morgenthaler_

«Bund»:Herr Bichsel, gehen Schriftsteller in den Ruhestand?

Peter Bichsel:Ich schon. Ich war nie ein fleissiger Mensch, ich musste mich immer zum Arbeiten zwingen. Ich bin auch kein leidenschaftlicher Schreiber, ich könnte leben, ohne zu schreiben. Eher bin ich ein leidenschaftlicher Leser, aber Leidenschaften nehmen im Alter ab. Das ist erschreckend, aber auch bequem.

Sie schreiben nicht aus innerer Notwendigkeit heraus?

Nein, es gibt auch keine persönlichen Notizen von mir. Ich kann nicht einmal nachschlagen, wann ich wegen meiner Darmoperation im Spital war. Ich habe es nie geschafft, mit einem Tagebuch zu leben. Ich habe immer wieder Anläufe genommen und dann festgestellt, dass mir das Tagebuch meine Tage versaute, weil ich begann, für mein Tagebuch zu leben. Ich schaute meine Umgebung an für mein Tagebuch, begann meine Kneipen auszuwählen fürs Tagebuch, ging in Beizen, wo es mir nicht wohl war, weil ich dachte, es wäre vielleicht interessant dort. Es ist eigenartig: Ich habe mein ganzes Leben mit Buchstaben verbracht, aber Schreiben für den Alltag fällt mir furchtbar schwer.

Was schreiben Sie heute noch?

Nicht mehr viel. Ich habe alle vier bis fünf Wochen eine Kolumne in der «Schweizer Illustrierten». Das bedeutet eine ganze Woche Leidenszeit. Mein Ehrgeiz macht es nicht einfacher. Ich bilde mir ein, eine alte, vom Aussterben bedrohte Literaturform zu verteidigen: das Feuilleton. Die Literaturkritik hat das Feuilleton komplett ausgeklammert. Im Zusammenhang mit Robert Walser sprach sie immer von Kurzprosa und scheute sich davor zu sagen, dass er sich für Zeitungen die Finger wund geschrieben hat, um zu Geld zu kommen.

Es gibt Künstler, die ein gewaltiges Alterswerk schaffen, und andere, die nur noch schlechte Kopien früherer Arbeiten produzieren. Machen Sie mit 73 Jahren noch Fortschritte?

Schriftstellerei ist glücklicherweise ein dilettantisches Geschäft: Man bleibt ein Leben lang ein Stümper, man lernt es nie. Ich weiss nach all den Jahren genau, dass ich für eine Kolumne nicht ein Thema brauche, sondern einen ersten Satz; dieser erste Satz produziert dann weitere Sätze, das Thema bleibt vage im Hintergrund. Trotzdem suche ich jedes Mal, wenn ich eine Kolumne zu schreiben habe, ein Thema. Ich lerne es nie. Vermutlich ist das ein Glück. Wenn ich schreiben könnte, wenn ich wüsste, wie Erzählen funktioniert, dann hätte ich es längst aufgegeben.

Damit sagen Sie auch: Das Schreiben bleibt eine Qual.

Ja, aber ich betrachte es als Luxus, sich so ausdauernd quälen zu können. Ich brauche dazu übrigens eine Tastatur, von Hand kann ich nichts schreiben. Ich bin unfähig, eine Postkarte zu verfassen, mir fällt nichts ein, wenn ich davor sitze.

Es fällt schwer, Ihnen das zu glauben.

Ich bin halt buchstabensüchtig. Erst wenn die Buchstaben, die ich brauche, vor mir liegen, kann ich schreiben – so wie der Pianist, der die Töne vor sich aufgereiht braucht, um sich ihrer zu bedienen und daraus Beethoven zu machen.

Wenn Sie die Buchstaben zu einem ersten Satz geformt haben, entwickelt sich die Geschichte von selber?

Es gibt für mich einen Prüfstein für die Qualität einer Kolumne: Wenn am Ende genau das drinsteht, was ich mir vorgestellt habe, werfe ich sie weg. Dann habe ich die Sprache gequält, meine Vorstellung mit Sprache durchgesetzt. Wenn ich Kolumnen schreibe, muss die Sprache mich überraschen.

Das heisst, sie ist mehr als ein Werkzeug, sie führt ein Eigenleben?

Mein Werkzeug ist die Schreibmaschine. Die Sprache ist das Material. Sie hat ein Eigenleben wie der Ton des Töpfers. Sie bestimmt meine Arbeit. Man kann nicht alles machen mit ihr.

Aber Sie empfinden es als schöpferischen Prozess?

Ich stelle fest, dass körperlich dasselbe abläuft in mir, wenn ich lese und wenn ich schreibe. Wenn ich etwa Tolstois «Krieg und Frieden» lese, langsam abhebe und nicht mehr mitbekomme, was um mich herum passiert, dann ist das der Trance, in der ich mich beim Schreiben befinde, sehr verwandt. Leider hat noch niemand erforscht, was beim Lesen im Körper passiert. Sonst wird ja, vor allem in Amerika, über jeden Blödsinn dissertiert, aber auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden.

Haben Sie früh mit Lesen angefangen?

Ja, ich habe sehr früh Bücher verschlungen. Mit zwölf habe ich nur unlesbare Bücher gelesen. Es ist so wunderbar, Dinge zu lesen, die man nicht versteht. Dann wird man so blödsinnig erwachsen und versteht alles. Der letzte, der mir geblieben ist, den ich nicht verstehe, ist Jean Paul – deshalb liebe ich ihn so.

Wann haben Sie mit Schreiben begonnen?

Noch bevor ich alle Buchstaben konnte. Später, mit zwölf, wollte ich nicht Schriftsteller werden – ich war es schon. Ich hätte es niemandem je gesagt, wenn nichts draus geworden wäre, ich weiss auch nicht, ob ich durchgehalten hätte, vielleicht hätte ich vergrämt aufgehört, ich weiss es nicht. Mit zwölf war ich jedenfalls ganz sicher, dass nichts daraus wird. Ich war nicht der Typ, erfolgreich zu werden.

Später schon?

Ja, es gab eine Phase, in der ich es für möglich hielt, dass ich doch der Typ dazu bin. Das habe ich aber schnell wieder aufgegeben. Erfolg hat immer etwas Unheimliches und Zufälliges. Aber mit zwölf, da war es mir unheimlich ernst. Ich habe kürzlich Gedichte gefunden aus dieser Zeit und war beeindruckt. Nicht weil es besonders gute Gedichte waren, andere 12- oder vielleicht 15-Jährige können das auch, aber ich war beeindruckt, mit wie viel Ernst dieser Jüngling damals sein Geschäft betrieben hat. Ich habe zwar später bessere Dinge geschrieben, aber diesen Ernst habe ich nie mehr aufgebracht.

Was hat Sie dazu prädestiniert, vom Schreiben zu leben? Waren es eher Ihre Fähigkeiten oder Ihre Unfähigkeiten?

Schreiben hat sehr viel mit Nicht-Können zu tun. Es ist nicht so, dass die Schriftsteller mehr Fantasie haben als andere Leute. Aber sie setzen sich täglich ganz bewusst der menschlichen Fantasielosigkeit aus. Das ist eine Qual, man muss sich hinsetzen und aushalten, dass einem nichts einfällt. Dieser Langeweile darf man nicht entfliehen, es nützt nichts, durch den Wald zu spazieren, in die Kneipe zu gehen oder Zigaretten zu rauchen. Man muss warten, ganz bewusst am Tisch warten. Es braucht sehr viel Disziplin zum Schreiben – ich hatte sie leider nie.

Warum haben Sies trotzdem getan? Weil Sie nur das können?

Wenn ich die Chance gehabt hätte, die Tour de France zu gewinnen, wäre ich nicht Schriftsteller geworden. Dann würde ich jetzt da sitzen und Ihnen erzählen, dass ich 1957 die Tour gewonnen habe und Sie würden mich fragen, wie ich denn heisse, und würden dann sagen: «nie gehört». Das wäre nicht schön. Aber Ihre Frage hat einen ernsten Hintergrund. Die gegenwärtige Bildungsdiskussion, in der alle unisono schreien «mehr Bildung, mehr Leistung, mehr Druck», ist scheusslich. Es gibt da einen ganz grossen Irrtum. Die Leute gehen davon aus, dass der Mensch bestimmt ist durch seine Fähigkeiten. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir alle in hohem Masse durch unsere Unfähigkeiten definiert sind. Es ist so: Meine Unfähigkeit, Fussball zu spielen, die Tour de France zu gewinnen oder Zirkusclown zu werden, hat mich zum Schriftsteller gemacht. Man kommt in dieses Leben und alle Gleise sind offen. Dann kommt die erste Weiche, und viele Dinge sind schon vorbei, und unsere Unfähigkeiten weisen den Weg.

Und manchen Unfähigkeiten stellt man sich dann, wie Sie sich dem Schreiben gestellt haben, obwohl Sie es nicht konnten?

Ja, es gibt sogar Unfähigkeiten, welche die Menschheit weitergebracht haben. Sir Fleming, der Entdecker des Penizillins, war, wie man weiss, ein sehr untalentierter Biologe. Er konnte nicht sauber arbeiten und hatte deshalb Schimmel auf seinen Bazillenstämmen. So entdeckte er das Penizillin. Eine solche Entdeckung wird diese Menschheit, die durch die heutige Schule muss, nicht mehr machen. Da wird ein Untalentierter keine Chance haben. Es werden lauter Könner herangezüchtet, die leider keine Fantasie mehr haben. Fantasie braucht man, wenn etwas misslingt.

Ist Schreiben insofern eine nützliche Tätigkeit, als es die Fantasie lebendig erhält?

Ich beharre darauf: Mein Beruf ist unnütz und ich bin berechtigt, das zu tun, solange es Leute gibt, die Lust haben, unnützerweise zu lesen. Mir bringt das Lesen einen grossen Nutzen, denn ohne Lesen wäre mir das Leben schon längst verleidet. Ich liebe das sekundäre Leben, Lesen ist ein Teil davon.

Sind Sie stolz, wenn Sie einen Text beendet haben, oder überwiegt der Ärger, es nicht besser gemacht zu haben?

Ich muss einen Text sofort jemandem vorlesen. Früher war das immer meine Frau. Sie wusste, dass sie begeistert zu sein hatte. Ich wars meistens auch im ersten Moment, am nächsten Tag hab ich die Geschichten dann oft in den Papierkorb geworfen, weil sie eben doch nicht gut waren.

Wie wichtig sind Leser für Sie?

Mein erster begeisterter Leser war mein Deutschlehrer in der sechsten Klasse – dass er meine Aufsätze trotz den Fehlern mochte, war entscheidend für mein Leben. Später haben mir literarische Lesungen immer sehr viel bedeutet. Wenn man vor einem Publikum liest, wird man mit der eigenen Eitelkeit konfrontiert. Man merkt zum Beispiel, dass man einen Satz nie so liest, wie er im Text steht. Wenn ich nicht wage, etwas so vorzulesen, muss ich nach Hause gehen und den Text ändern. Ich erinnere mich an eine wunderbare Lesung mit Otto F. Walther in Basel. Er las vor Hunderten von Leuten, griff plötzlich während des Lesens zum Stift und schrieb etwas in sein Manuskript, las dazu weiter, bis er plötzlich nur noch schrieb und vergass, dass er sich mitten in einer Lesung befand. Nach einiger Zeit lachte jemand im Publikum, Otto F. Walther schreckte auf und las mit hochrotem Kopf weiter.

Was halten Sie davon, dass das literarische Schreiben seit Kurzem an der Hochschule gelehrt wird?

Ich fürchte, diese Leute haben eine zu einfache Vorstellung von Literatur. Ich würde das Gleiche einwenden, wenn eine Hochschule Kurse für gutes Betteln anböte. Ich glaube nicht, dass der neue Studiengang die Literatur verändern wird, aber Texter braucht es heute ja viele. Schreiben wird ein dilettantisches Geschäft bleiben. Ich machs noch heute, weil ichs nicht kann. Aber ich warne davor, mich als Vorbild zu nehmen. Ich bin faul und undiszipliniert, kein Vollblut-Schriftsteller.

Darin unterscheiden Sie sich von Ihrem Förderer Max Frisch. Ihm hat man vorgeworfen, er habe alles in seinem Leben daraufhin geprüft, ob es literarisch ergiebig sei.

Max und ich waren sehr befreundet, hier oben hängt seine Pfeife an der Wand, als kleiner Altar – es würde ihm nicht gefallen. In unserer Berufsauffassung waren wir aber sehr verschieden. Es ist vorgekommen, dass ich von einem Besuch bei Max nach Hause gekommen bin und zu meiner Frau gesagt habe: «Weisst du, was ich nie werden will?» Und sie sagte: «Ja, ein Schriftsteller.» Max war wirklich ein professioneller Schriftsteller, er hat dafür gelebt, ist morgens als Schriftsteller aufgestanden, tags als Schriftsteller durch die Strassen und abends als Schriftsteller ins Bett gegangen. Ich habe ihn dafür bewundert, aber manchmal habe ich ihn auch ausgelacht und zu ihm gesagt: »Du hast immer das Gefühl, die Blätter fallen im Herbst für die Literatur vom Baum.»

Sie haben sich nicht mit Haut und Haar der Literatur verschrieben?

Ein ganzes Leben für die Literatur – dieser Preis wäre mir zu hoch. Vielleicht bin ich ganz einfach zu wenig verrückt zum Schreiben. Aber verrückt werden, nur um leidenschaftlich schreiben zu können: Dieser Preis wäre mir zu hoch.

Sie denken, man hat die Wahl?

Es habens jedenfalls Leute versucht. Bei Frisch war es sicher ein Müssen, es war ihm sehr ernst mit der Literatur. Er hatte durchaus Skrupel, all die privaten Geschichten publik zu machen. Wir waren öfters bei ihm im Tessin, Jürg Federspiel, Jörg Steiner und ich, und es hat ihn immer gequält, wie unprofessionell wir waren. Gleichzeitig war er ein grosser Förderer. Seine erste Frage war immer, woran wir gerade arbeiten, sein letztes Wort eine Ermahnung, unsere Aufgabe nicht zu vernachlässigen. Er war sehr daran interessiert, dass etwas Neues entsteht. Frisch hat für uns auch ein Thema gefunden: die Schweiz.

Ist Traurigkeit ein Antrieb zum Schreiben?

Schreiben ist ein sentimentales Geschäft. Ich habe mir schon überlegt, im Telefonbuch als Berufsbezeichnung «Sentimentalist» hinzuschreiben. Ja, ich habe eine natürliche Neigung zur Traurigkeit. Einer der schrecklichsten modernen Begriffe ist der des «positiven Denkens» – das ist fast so dumm wie der Ausdruck, jemand habe den Kampf gegen den Krebs verloren. Ich kenne Leute, die eine schwere Krankheit überstanden haben, weil sie total resignativ waren. Andere haben positiv gedacht und damit diese gigantische Wirtschaftskrise ausgelöst. Tausende werden jetzt arbeitslos, weil ein paar Idioten positiv gedacht haben. Da sind mir die traurigen Menschen lieber.

Der Bund

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