«Manchmal habe ich Angst um mein Leben»

Von afrikanischer Kunst sei zu lange ein falsches Bild vermittelt worden, sagt der nigerianische Performancekünstler Jelili Atiku.

Sein Fokus ist klar: Jelili Atiku während seiner Performance «Quest for Gaia» 2010 in Ejigbo, Lagos.

Sein Fokus ist klar: Jelili Atiku während seiner Performance «Quest for Gaia» 2010 in Ejigbo, Lagos. Bild: zvg

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Jelili Atiku wischt sich den Schweiss vom Gesicht. Es ist heiss in Ejigbo, der Stadt im Südwesten von Nigeria. Stolz schwenkt er die Skype-Kamera durch sein Studio mit der langen Bücherwand. Er trägt eines dieser typisch afrikanischen Oberteile mit den optimistischen Mustern. Als Atiku sich vor zwei Jahren in blutrote Tücher hüllte und durch die ungeteerten Strassen seiner Heimatstadt lief, schlossen sich ihm viele Leute an, sie fragten, sie staunten. Und als er auf einen Baum kletterte, rief ein Junge: «Superman, komm da runter!» Die Reaktionen auf seine Performances sind hier ganz anders als in Europa.

Herr Atiku, fühlen Sie sich frei?
Die politischen und gesellschaftlichen Missstände in meiner Heimat und der Welt geben mir ein Gefühl von Einengung und Unsicherheit. Manchmal habe ich Angst um mein Leben. Aber innerhalb meines Körpers, in meinen Gedanken, fühle ich mich sehr frei.

Im Januar wurden Sie nach einer Performance in Ejigbo festgenommen. Was ist passiert?
Es war spätabends, als sieben bewaffnete Polizisten vor meiner Haustüre standen. Vier Tage zuvor hatte ich eine Performance gemacht, in der ich den lokalen Terrorismus thematisierte, die widerrechtliche Aneignung von Land und kulturellem Erbe durch die Machthaber von Ejigbo. Ich hatte vier Begleiter. Die Performance hiess «Aragamago Will Rid This Land of Terrorism» und beinhaltete rituelle Elemente der Yoruba-Kultur. Unsere Kostüme waren aus rotem, schwarzem und transparentem Plastik, an unseren Köpfen klebten Holzfiguren. Wir trugen den Calabash, ein traditionelles Gefäss, auf dem Kopf, darin Flugblätter, auf denen ich die terroristischen Machenschaften aufgelistet hatte. So prozessierten wir durch die Strasse und verteilten die Flugblätter.

Das klingt sehr friedlich.
Ja, trotzdem wurden ich und meine Helfer auf Befehl des Königs Oba Morufu Ojoola verhaftet. Ich verbrachte die Nacht auf der Polizeistation. Wir wurden in sieben Punkten angeklagt, unter anderem, den Frieden in der Gemeinschaft zu stören, die Öffentlichkeit einzuschüchtern und provokative Schriften zu verteilen. Wir wurden ins Kirikiri-Gefängnis in Lagos gebracht und nach drei Tagen gegen Kaution freigelassen. Später wurden wir freigesprochen. Es war eine traumatisierende, erniedrigende Erfahrung.

Doch sie hat Ihren Schaffensdrang nicht gebremst. Sie haben mal gesagt: «Ich mache Performance, weil es gemacht werden muss.» Woher kommt dieser Drang?
Ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, zu performen. In der afrikanischen Kultur war die Performance schon immer da, auch wenn man sie nicht sogenannt hat. Viele afrikanische Kunstwerke, wie die berühmten D’mba-Masken in der Sammlung des Museums Rietberg, sind eigentlich performative Objekte. Für mich ist die Performance ein Mittel, um auf Themen aufmerksam zu machen und damit unsere Gesellschaft weiterzubringen.

In Europa denken viele bei afrikanischer Kunst an rituelle Kunst und Handwerk. Auf der anderen Seite wird immer wieder betont, wie zeitgemäss afrikanische Performancekunst sei, weil hier Rituale, Design, Kleidung, Tanz usw. zusammenspielen. Wie erleben Sie das?
Im Zuge der Kolonialisierung wurde Europa lange ein falsches Bild von afrikanischer Kunst vermittelt. Viele westliche Künstler wie zum Beispiel Pablo Picasso haben sich stark von der afrikanischen Kunst inspirieren lassen, das war avantgardistisch. Doch auch heute wird die afrikanische Kunst oft stereotypisiert, zum Beispiel indem man eben sagt, diese Vermischung von Ritual, Tanz, Kleidung usw. sei typisch afrikanisch. Dada hat viel für ein modernes Verständnis der afrikanischen Kunst beigetragen. Afrika hat gerade erst begonnen, sich mit seinem künstlerischen Erbe zu beschäftigen.

2011 haben Sie die afrikanische Performance-Biennale Afiriperfoma gegründet. Wie selbstbewusst ist die afrikanische Kunst?
Sie müht sich tatsächlich mit einem Gefühl von Minderwertigkeit ab, das hat die Kolonialisierung mit sich gebracht. Aber das Selbstvertrauen wächst schnell.

In einer Dokumentation über Sie gibt es die Szene, in der Sie sich vor Ihrer Performance mit den sogenannten «Chiefs of Ejigbo», den Stadtvätern, über Ihre Arbeit austauschen, ?Menschen ohne künstlerischen Background. Diese niederschwellige Art des Sprechens über Kunst hat mich sehr beeindruckt.
Kunst sollte alle etwas angehen, nicht nur die Eliten und Kunstkenner. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit den Chiefs im Vorfeld meiner Performance «Kill Not This Country (Maanifesito) II». Wir haben lange über die Terrororganisation Boko Haram diskutiert. Ihre Reaktionen, ihre Neugier und ihr Wissen um die Geschichte haben mich dazu gebracht zu verstehen, dass unsere Gesellschaft ein grosser wissender Organismus ist, den man pflegen muss.

Was kann die Performancekunst, was ein Gemälde nicht kann?
Die Performancekunst transportiert die Echtheit von definierbaren und ungreifbaren Gefühlen, die grundsätzliche Merkmale unseres Leben sind.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Sie Ihren Zuschauern helfen wollen, die Welt zu verstehen, sodass sie ihr Leben und ihre Umwelt erneuern können. Was braucht Afrika? Was braucht Europa? Was braucht die Welt?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Als Mensch fühle ich, dass die Welt verzweifelt Heilung braucht und eine vereinigende Kraft, die uns als menschliche Familie verbindet, ungeachtet von Rasse, Geschlecht oder Status. (Der Bund)

Erstellt: 24.11.2016, 14:58 Uhr

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Jelili Atiku wurde 1968 in Lagos, Nigeria, geboren, wo er noch heute lebt. Der Performancekünstler, Maler, Bildhauer und Aktivist ist Begründer der afrikanischen Performance-Biennale Afriperfoma und Co-Kurator der diesjährigen Ausgabe des Festivals Bone. Hier wird er drei Performances zeigen, in denen er sich mit Objekten aus der Sammlung des Berner Surrealisten Serge Brignoni beschäftigt. «Diese alten afrikanischen Masken strahlen für mich eine starke Kraft aus, mit der ich spielen möchte.» 2015 wurde Atiku mit dem niederländischen Prince Claus Award ausgezeichnet. (xen)
Dokumentarfilm über Jelili Atiku: https://vimeo.com/78156410

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