Der Mammon als Chefkurator

Die Berner Kunsthalle verkauft sich einer Werbeagentur – für einen Firmenanlass mit Kunsthandwerk. Lässt sich Opportunismus noch steigern?

Die Kunsthalle bietet der Werbeagentur Contexta eine Bühne.

Die Kunsthalle bietet der Werbeagentur Contexta eine Bühne.

(Bild: Valérie Chételat)

In der Kunsthalle Bern zeigt die Berner Werbeagentur Contexta kommendes Wochenende grafische, filmische und fotografische Arbeiten aus ihrer «Collection» – unter dem Titel «Secret», aber öffentlich. «Mehr als siebzig national und international bekannte Kreativ-Schaffende» sind da vertreten. Man brilliert mit Namen wie Michel Comte, Olaf Breuning oder Stefan Sagmeister, lässt jedoch auch den lokalen (Contexta-)Werbefotografen Raum, sich zu präsentieren.

Und um sicherzustellen, dass keine gähnende Leere klafft, der «Collection» gar zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, wird auch die Beschallung der Gäste organisiert. Mit der Band Bonaparte und mit, so steht es auf der Website der beiden DJs, «the eclectic, highly skilled duo of Biru Bee and Marc Hofweber, why don’t we just call them artists». Why don’t we just call them artists? Eine Bar gibt es selbstverständlich auch, allerdings – schlechte Nachricht für Partycrusher – kostenpflichtig! Der ganze Event notabene in einem Haus produziert, das sich zumindest unter Harald Szeemann, Johannes Gachnang, Ulrich Look und Bernhard Fibicher international in Sachen bildende Kunst profiliert hatte. Diese Institution stand für Gegenwartskunst, dem Kunsthandwerk wurde bisher der Eintritt verwehrt.

Der Versuchung erlegen

In der von der Agenturbesitzerin persönlich versandten Einladung steht: «Wir freuen uns sehr, Sie und Ihre Begleitung am 13. November um 20.15 Uhr zum Private Viewing der Contexta Collection in der Kunsthalle Bern begrüssen zu dürfen.» Da werden Begriffe verwendet, die eigentlich der Kunst zugeordnet gehören. Obwohl die Einladung den Ausdruck Kunst tunlichst vermeidet, wird mit dieser Wortwahl unterschwellig doch genau dieser Anspruch erhoben. Überhaupt spannend, wie hier mit Wörtern Verwirrung gestiftet wird. Mal sind die «Künstler» die Ausstellenden, mal «the artists». Und dann redet man von einer «Contexta Collection», die sich etwas später aber nicht als Sammlung herausstellt, sondern als Menge von Werken, die auf Anfrage von ihren Urhebern eingesandt wurden.

An diesem Spiel und an der etwas verzweifelt wirkenden Wortbelehnungsorgie ist nichts Schlimmes. Unschön aber ist der Umstand, dass sich hier eine Firma eine Werkschau visueller Gestaltung in einem Haus für Gegenwartskunst kaufen kann.

Die Absicht ist offensichtlich: Durch den Einkauf erhält man die Weihe einer Kunstinstitution. Und die Geschäftsleitung der Kunsthalle scheint diese Absolution durchaus erteilen zu wollen.

Diese unsäglichen Vermengungen, dieser aktive Aufbau von Unschärfen – das scheint sich immer öfter durchzusetzen zu können. Wenn man das Kulturmagazin «Du» für eine Sonderausgabe kaufen kann, warum sollte das nicht auch mit einer Ausstellung in der Kunsthalle funktionieren? Jedenfalls scheint das Team um Direktorin Valerie Knoll dem Angebot nicht widerstehen zu können.

Es ist ja nun weder in Bern noch in der übrigen Schweiz ein Novum, dass sich Kunsthäuser mit der Industrie einlassen und sich von ihr Ausstellungen mitfinanzieren lassen. Diese unternehmerischen «Nahrungsergänzungen» aber so weit eskalieren zu lassen, dass man sein Programm von Kunst zu Kommerz verkommen und sich von Unternehmen schamlos durchfüttern lässt, das provoziert zutiefst. Im Weiteren desavouiert dieses Tun nicht nur die hehren Absichten der Kunsthallenpioniere. Der ganze wirtschaftliche Opportunismus zerstört auch jegliche Glaubwürdigkeit der Institution Kunsthalle Bern und nicht zuletzt der bildenden Kunst.

Natürlich ist es zulässig, einem Profil jegliche Schärfe nehmen zu wollen. Und selbstverständlich darf man einen Werbetext als Literatur bezeichnen und Pop als ernste Musik begreifen wollen. Das Kunstmuseum Bern hat es ja vorgemacht und dem Werbefotografen Hannes Schmid vor zwei Jahren eine (bezahlte) Ausstellung gewidmet. Getoppt wurde dieser Unternehmergeist mit dem dubiosen Fotoprojekt «Industrious» im selben Haus – einer Ausstellung, die von einer Werbeagentur als PR-Projekt kuratiert und von der Firma Holcim bezahlt wurde.

Mittlerweile scheint die Ökonomie nicht mehr nur Gastkurator zu sein, sie befehligt jetzt auch ganze Inhalte. Halleluja.

*Reto Camenisch ist freischaffender Fotograf in Bern und leitet den Studiengang Pressefotografie an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern.

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