Basar der Experten

Ist Handystrahlung gefährlich? Welches Fett ist gesund? Muss man das Klima überhaupt retten? Dass sich die Forscher uneinig sind, ist kein Versagen, sondern der Normalfall der Forschung. Was aber soll die Öffentlichkeit mit den widersprüchlichen Befunden anfangen? Und wie viel Expertentum verträgt die Demokratie? Ein Essay.

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Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft ist ein arg gerupftes Wort – und ein irreführendes obendrein. Im Grunde leben wir nicht in einer Wissens-, sondern in einer Glaubensgesellschaft. Das meiste nämlich, was wir wissen, glauben wir zu wissen: dass Quarks Elementarteilchen sind, dass Mensch und Affe gemeinsame Ahnen haben, dass Rauchen Lungenkrebs, der Schadstoffausstoss globale Erwärmung verursacht, dass gewisse Leute empfindlich auf Elektrosmog reagieren. Die Liste dessen, was unter «Wissen» anfällt, ist unbeschränkt. Aber wir können nur das wenigste überprüfen. Deshalb brauchen wir das Vertrauen in das Wissen anderer: in das, was uns Experten sagen.

Wissenschaft schafft Wissen. Idealerweise ist solches Wissen interessefrei, unbelastet von persönlichen Neigungen, nicht durch ideologische Linsen verzerrt, weder einem spezifischen Zweck noch einer besonderen Herkunft oder der Mehrheit verpflichtet.

Idealerweise. Denn der Wissenschaftler befindet sich weder in einem soziokulturellen noch politischen oder wirtschaftlichen Vakuum. Auch er hat Interessen, Neigungen, Schwächen, Wünsche. Man braucht nicht gleich an skandalöse Verflechtungen zu denken wie jene des schwedischen Medizinprofessors Ragnar Rylander, der über Jahrzehnte im Sold der Tabakindustrie Forschungsergebnisse über die Unschädlichkeit des Rauchens verbreitete.

Wissen ist heute ein kapitales Gut, ein «Asset». Und deshalb steht der Produzent dieses Gutes – der Wissenschaftler – in einer gewandelten gesellschaftlichen Problemsituation. Denn kein Politiker, kein Konzern, keine Organisation, die auf lokaler oder globaler Bühne ihren Part spielen möchte, kann heute noch auf sein Urteil verzichten.

Der Wissenschaftler ist vom Elfenbeinturm ins politische Forum und auf den Marktplatz getreten. Womit er sich beschäftigt, geht meist alle etwas an: das Klima, die Ernährung, die Gesundheit. Man will von ihm Rat, Orientierung, Expertise in der Lösung anstehender Probleme. Und damit beginnen die Probleme erst recht.

Eines ist medial dauerpräsent: Uneinigkeit unter Experten. Über nahezu alle, gerade gesellschaftlich vitalen Fragen der letzten 25 Jahre sind die Expertenmeinungen geteilt: über den Wald, das Klima, die Artenvielfalt, über Energie, Wasser, Ozon, genetisch veränderte Organismen, über Ernährung, Krankheit, Gesundheit, Erziehung sowieso. Und zwar herrscht nicht einfach Uneinigkeit darüber, was richtig ist und was falsch, sondern bereits darüber, wer überhaupt als Experte zählt und wer nicht. Es gibt universitäre Experten, Experten von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, Industrieexperten, Experten von Interessenverbänden, selbst ernannte Experten – und nicht selten machen sie sich über wichtigen Problemen ihren Status streitig.

Ein Artikel in der Zeitschrift «Climate Research», der 2003 verkündete, Klimaänderungen im 20. Jahrhundert seien nicht aussergewöhnlich, in einer grösseren Zeitperspektive betrachtet, wurde von den einen prompt als «solide», von den andern als «junk science» taxiert. Angesichts solcher Streitereien fragt sich ein verwirrtes Publikum natürlich immer öfter, was denn von Forschung zu erwarten sei – ausser permanentem Dissens unter Fachleuten.

Aber diese Uneinigkeit ist normal. Wissenschaft beruht – wie man sagen könnte – auf dem Konsens zum Dissens. Sie kennt keinen Papst, keine letzten Wahrheiten, sondern nur einen Wider- und Wettstreit von Vermutungen, für welche die bestmöglichen Argumente sprechen (auch wenn sie sich nicht immer durchsetzen). Und dafür braucht es keinen totalen Konsens, höchstens einen robusten Konsens autoritativer Forscher (die heikle und wichtige Frage, wer dazu zählt, lasse ich hier beiseite). Man kolportiert deshalb ein Zerrbild wissenschaftlicher Beweisführung und Verlässlichkeit, wenn man daran unmögliche Erwartungen knüpft.

Aus diesem Zerrbild schlägt heute eine wild wachsende Branche von Beratern und Meinungsmachern weidlich Profit. In den USA etwa Frank Luntz, der 2002 in seinem Memorandum an die Bush-Regierung empfahl, den Begriff der globalen Erwärmung durch den politisch korrekten «Klimawandel» zu ersetzen, da er einen weniger alarmistischen Klang habe: Klimawandel hat es ja immer schon gegeben – also alles halb so schlimm!

Ganz geheuer war es allerdings Dr. Luntz nicht bei der Sache. «Die wissenschaftliche Debatte schliesst sich gegen uns, aber sie ist noch nicht abgeschlossen», schrieb er. Und er verriet auch, wo der Hebel anzusetzen sei: «Die Wähler glauben, dass es in der Forschergemeinschaft keinen Konsens gibt über die globale Erwärmung. Aus diesem Grund muss die mangelnde wissenschaftliche Gewissheit zum Hauptthema in der Debatte gemacht werden.» Seht Leute, die globale Erwärmung ist kein Faktum, denn den Forschern fehlt die völlige Gewissheit! Eine regelrechte Totschlaglogik.

Dass Wissenschaft von aussen politisiert werden kann, ist altbekannt. Neuerdings erfolgt diese Politisierung vermehrt aber auch von innen: Bestimmte Interessengruppen von Wissenschaftlern fühlen sich einer politischen oder zumindest ausserwissenschaftlichen Agenda verpflichtet. Sie betreiben sozusagen anwaltschaftliche Forschung. Und in diesem Sinne tritt neben das traditionelle Motiv der unengagierten Suche nach Wahrheit das Engagement für eine gute Sache.

Nur ist das Gute notorisch umstritten. Man kann die Frage, ob es dem Klima schlechter oder besser gehe, nicht objektiv beantworten: Je nach Standpunkt fällt die Antwort unterschiedlich aus. Die Warner und die Entwarner verfügen über achtbare Argumente, die jedoch die komplexe wissenschaftliche Debatte nicht abschliessen können. Deshalb eröffnet man neben der wissenschaftlichen auch eine politische Front. Und an ihr werden Stellvertretergefechte ausgetragen. So wirft etwa der polnische Umweltphysiker Zbigniew Jaworowski den Forschern des internationalen Klimarats vor, sich von der Uno politisch instrumentalisieren zu lassen, einem Regime von «grünen Fanatikern»: «first the politics, then the science». Dass Jaworowski gern als Experte in den Zeugenstand der Entwarner gerufen wird, erstaunt nicht.

Nun ist der Klimarat gewiss keine unfehlbare Instanz. Aber ihn als «politisiert» zu diskreditieren, ist selbst auch politisch. Behauptungen wie «Nicht der Mensch, sondern die Natur regiert das Klima» (Jaworowski) sind nicht neutrale Tatsachenfeststellungen, sondern Vorentscheidungen («Apriori»), die den Verlauf der Forschung in eine bestimmte Richtung lenken. Sie können durchaus zu interessanten Fragestellungen führen, etwa, ob sich ein natürliches System wie das Klima bei Störungen selber reguliert. Und falls die Daten für eine solche Hypothese sprächen, wäre das in der Tat ein gutes Argument für die Entwarner.

Nur sprechen Daten nicht, sondern Ex-perten, und verschiedene Experten gewichten Daten oft unterschiedlich. Das ist so lange in Ordnung, als man der Öffentlichkeit nicht weiszumachen sucht, die Natur selbst sei Schiedsrichterin in wissenschaftlichen Debatten.

Diese Idee ist noch aus einem allgemeineren Grund fragwürdig. Die heutigen Lebensbedingungen lassen sich weniger denn je einfach «von der Natur her» oder «von der Gesellschaft her» betrachten. Vielmehr konstatieren wir eine wachsende Verflechtung von natürlichen und sozialen Faktoren. Was wir üblicherweise als Faktum akzeptieren, erweist sich bei genauerem Hinsehen als «Hybrid» aus Natur und Gesellschaft, um hier einen Begriff des französischen Wissenschaftsforschers Bruno Latour zu verwenden.

Das lässt sich schon an lokalen Alltagsphänomenen beobachten. So ist etwa nicht erst der gentechnisch veränderte Mais, sondern auch der Mais mit dem Bio-Label kein pures Erzeugnis der Natur, sondern trägt versteckt die Signatur menschlichen Eingriffs. Und JJ3, der Bär, der in Graubünden aus Risikogründen abgeschossen wurde, erweist sich gerade aus diesen Gründen nicht als Naturwesen, sondern als ausgesprochen vergesellschaftetes Tier, das sich den Konsumgewohnheiten der Bevölkerung angepasst hat. Im weit grösseren Massstab zeigen Phänomene wie Biotreibstoffe oder der Klimawandel die Verschränktheit von Gesellschaft und Natur. Als «Hybride» machen sie es oft schwierig, politische von wissenschaftlichen Fragen zu trennen.

Dass Wissenschaftler sich politisch engagieren, ist weder neu noch problematisch. Schliesslich sind sie Bürger. Nur sollten sie zu ihrem eigenen Nutzen alles daran setzen, zwischen Politik («politics») und einer allgemeineren öffentlichen Ausrichtung («policy») zu unterscheiden. Der amerikanische Politologe und Soziologe Roger A. Pielke jr. hat ein klares Kriterium herausgearbeitet: Eine öffentliche Perspektive bedeutet, das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, auf der Grundlage des jeweiligen aktuellen Erkenntnisstandes. Im Gegensatz dazu schränkt eine politische Perspektive die Wahl ein, oft bis auf eine einzige bevorzugte Option – etwa für oder gegen eine Kohlendioxidsteuer.

Man kann politische Ziele legitimerweise mit wissenschaftlichen Methoden erhärten, eine Erziehungsreform beispielsweise durch neuere Einsichten der Neurobiologie. Aber wer von einer politischen Perspektive verlangt, aus wissenschaftlichen Gründen zwingend zu sein, ist entweder ein Ignorant oder ein Ideologe (oder meist beides).

Wie viel Expertentum verträgt eine liberale Demokratie? Politiker müssen immer mehr Entscheidungen auf der Grundlage von Kompetenzen treffen, die sie selber nicht haben, sondern an Experten delegieren. Sie sind abhängig von Ausschüssen, Stäben, Kommissionen, deren Strukturen sich vielfach einer demokratischen Kontrolle entziehen.

Zudem spielt hier so etwas wie eine gegenseitige Verführung hinein: Wenn Politiker ihre Entscheidungen auf wissenschaftliche Basis stellen, dann können sie sich verleitet fühlen, auch einen Teil ihrer Verantwortung an die Wissenschaftler zu delegieren. Was wiederum diese verleiten kann, unter dem Mantel der Expertise Verfügungsgewalt auszuüben, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.

Politik und Wissenschaft sind untrennbar verflochten. Deshalb ist die Forderung nach klarer Trennung der Legitimität wichtig: Politiker sind (auf Zeit) legitimiert, Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen, Wissenschaftler nicht. Um es an einem einfachen Beispiel zu erläutern: Wissenschaftler können legitimerweise die Schadstoffkonzentration in der Luft messen. Sie können legitimerweise daraus gewisse Konsequenzen für die Gesellschaft ableiten. Aber sie können nicht legitimerweise selber Schadstoffgrenzen festsetzen. Das ist letztlich ein politisches (demokratisches), kein wissenschaftliches Problem: Welche Luft wollen wir?

Suchte Wissenschaft solche Fragen zu entscheiden, überforderte, ja missbrauchte sie ihre Legitimität. Ohnehin riskiert sie ihre Vertrauenswürdigkeit, wenn sie sich zu sehr in die öffentliche Sache einmischt. Was umso schwerer wiegt, als eine offene Gesellschaft auf das Vertrauen in die Wissenschaft baut.

Es ist ein Paradox der Wissensgesellschaft, dass sie auf immer mehr spezifisches Fachwissen angewiesen ist, man aber zugleich den Produzenten dieses Wissens mit mehr oder weniger unverhohlenem Argwohn begegnet. Man fühlt sich eben durchaus wie im Basar: Welchem Verkäufer soll man trauen? Daraus erwächst der Wissenschaft heute eine Aufgabe: Sie muss sich in der Gesellschaft neu positionieren. Das heisst: Der Experte schafft nicht nur Wissen, sondern auch Vertrauen – in einer Gesellschaft, in der Wissenschaft zwar eine gewichtige Stimme hat, aber keine absolutistische Stellung.

Der Philosoph Ivan Illich konstatierte vor dreissig Jahren: «Die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Experten, sei er Ingenieur, Therapeut oder Manager, ist die Achillesferse des Industriesystems.» Das gilt nach wie vor. Wissenschaft in Glaubwürdigkeit einzubetten, ist daher eine zentrale Herausforderung unserer Zukunft. Dazu gehört, dass uns die Experten klar darlegen, was sie uns über die Natur, das Klima, die Gesundheit, die Erziehung sagen können – und was sie darüber nicht wissen.

Und dazu gehört auch eine ehrliche Popularisierung: dass der Experte beim Alltagswissen des Laien anknüpft und ihn dort «abholt»; dass er hilft, die wissenschaftlich konstruierten Vorstellungen nachzuvollziehen; dass er übertriebene Erwartungen zurückstutzt; dass er sein Wissen als Handlungsoption und nicht als Handlungs- oder Sachzwang offeriert – kurz, dass er den Laien als mündiges politisches Subjekt betrachtet.

Zum Beispiel in der Frage von Handyantennenstrahlung und Elektrosmog. Gerade weil die Wissenschaft den Beweis der langfristigen Unschädlichkeit nicht liefern kann, schiessen Kolportagen über Gesundheitsrisiken und persönliche Leidensfälle üppig ins Kraut – ein richtiger «Meinungssmog» über den Elektrosmog. Hier sind weitere Studien nötig. Aber statt auf deren Ausgang zu warten, kann der Experte zumindest angeben, innerhalb welcher Grenzen solche Strahlung schädlich wäre, falls es sie gäbe – und genau das ist eine Handlungsoption für den Laien. Denn wenn der Gesundheit die oberste Priorität gilt, dann liegt die Entscheidung in letzter Instanz beim Techniknutzer selbst. Der Experte fungiert hier bestenfalls – um Bismarcks berühmtes Wort aus der Politik zu übernehmen – als «ehrlicher Makler» des Wissens.

Da ist nun aber auch der Laie gefordert. Möglicherweise braucht die moderne Wissensgesellschaft einen neuen Typus von Bürger: den Wissensbürger. Das wären Menschen, die mehr Kompetenzen im Umgang mit wissenschaftlicher Information entwickeln. Und eine Kompetenz gewinnt an Gewicht: Unterscheidungsvermögen. Wie unterscheiden wir Experten von Nicht- oder Pseudoexperten?

Darauf gibt es keine patente Antwort. Expertise ist ein weites Feld. Wenn wir das meiste, was wir wissen, eigentlich nur glauben können, so sollte jetzt differenziert werden: qualifiziert glauben. Qualifizierter Glaube ist eine scheinbar paradoxe Mischung aus Skepsis und Vertrauen gegenüber dem täglichen Ausstoss an Wissen. Genau aus diesem Grund werden wissensbürgerliche Kompetenzen in Zukunft eine entscheidende Rolle im Basar der Experten spielen. Sie können nicht früh genug eingeübt werden.

Und das hiesse im Besonderen, auch die traditionelle schulische Aufgabe der Wissensvermittlung zu überdenken. Nun nicht nur als Ausweitung des Wissenshorizonts von Heranwachsenden, sondern zugleich als Förderung des Vermögens, mit diesem Wissen bewusster umzugehen.

Nicht zuletzt aber gibt es eine subversive kleine Frage: Sind wir Laien denn wirklich so inkompetent, dass wir stets und überall die Meinung des Experten einholen müssen? Sind wir nicht selber auch Experten im alten Sinn des Wortes «expertus», was so viel bedeutet wie «erfahren sein» oder «es versucht haben»? Genau darum geht es nämlich: die Expertise eigenen Lebens, eigenen Denkens und Handelns einzufordern und zu fördern. Sie ist nicht die schlechteste. Vor allem ist sie unverzichtbar. Denn ohne sie bedeutet Wissensgesellschaft nichts weiter als eine neue selbst verschuldete Unmündigkeit des Menschen.

Der Autor ist Physiker und Philosoph. Er ist als Lehrer und Publizist in Bern tätig. 2007 gewann er den «Bund»-Essaywettbewerb zum Thema Arbeit. Letztes Jahr veröffentlichte er seine Aufsatzsammlung «Der Körper im Zeitalter seiner Entbehrlichkeit» im Wiener Passagen-Verlag, im Herbst erscheint «Pop Science. Essays zur Wissenschaftskultur» bei Schwabe in Basel. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2009, 15:55 Uhr

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