Wundballistik an der Schlacht bei Dornach

Wie kämpften die Eidgenossen mit ihren Hellebarden, und woran starben ihre Feinde? Eine Anthropologin untersucht 500 Jahre alte Schädel von Habsburgern – anhand von ballistischen Simulationen gewinnt sie neue Erkenntnisse.

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Am 22. Juli 1499 brachte die Schlacht bei Dornach (SO) die endgültige Entscheidung im Schwabenkrieg zwischen den Eidgenossen und den mit den Habsburgern verbündeten Schwaben. Die Eidgenossen, ein Heer aus Berner, Zürcher, Luzerner, Zuger und Solothurner Truppen, überraschten das schwäbische Heer aus einem Hinterhalt und schlugen ihren Gegner vernichtend. Zurück auf dem Schlachtfeld blieben 3500 Tote. Viele wurden nicht begraben, aber später zumindest in einer als Beinhaus errichteten Kapelle aufbewahrt.

Über 500 Jahre später hält Christine Cooper den Schädel eines der vielen Kriegsopfer aus der Schlacht bei Dornach in ihren Händen. Cooper ist Anthropologin an der Universität Bern und untersucht für ihre Doktorarbeit 105 Schädel und 33 Oberschenkelknochen – alles menschliche Überreste aus der Schlacht bei Dornach. Am Schädel in ihren Händen weist sie auf Vertiefungen, Kerben und Spalten hin. «Durchschnittlich habe ich pro Schädel vier Verletzungen gefunden, die um den Zeitpunkt des Todes und damit wohl in der Schlacht entstanden sind», sagt Cooper. Das sei sehr viel, und die Anordnung mancher Verletzungen weise darauf hin, dass sie bereits kampfunfähigen Gegnern zugefügt wurden. Nach dem Ende der Schlacht seien viele Verletzte gezielt getötet worden. «Es gab damals noch keine Kriegschirurgie», sagt sie.

Eidgenossen kämpften mit Kraft

Um noch mehr von den Verletzungen zu verstehen und auch um die Verbreitung von Spekulationen über die Schlacht zu verringern, ist Cooper ans Institut für Rechtsmedizin (IRM) gegangen und suchte die Zusammenarbeit mit Ballistiker Beat Kneubühl (siehe Text oben). Cooper liess die metallenen Teile der gebräuchlichen Waffen der Eidgenossen – Schwerter, Hellebarden, Langspiesse und Armbrustbolzen – bei einem Schmied kopieren. Von einem Fallturm lässt sie nun die Metallteile auf Köpfe aus Kunststoff und Gelatine knallen. Die Praktikanten am Zentrum Forensische Physik/Ballistik rücken einen künstlichen Kopf in die richtige Position unter den Fallturm. «Schuss», kündet Praktikantin Nadine Gläser an. Sie drückt einen Knopf, Sekundenbruchteile später steckt die Langspiessspitze im künstlichen Schädelknochen. Cooper ist zufrieden: Der Schädel ist nicht gespalten. Entscheidend sei die Bewegungsenergie, mit welcher die Waffe auf den Kopf treffe. «Bei grosser Masse und geringer Geschwindigkeit wird der Schädel mit dieser Waffe und den bisher getesteten Bewegungsenergien nicht gespalten», erklärt sie. Das entspreche den Verletzungen der Schädel aus der Schlacht bei Dornach und würde heissen, dass die Eidgenossen ihre Waffen zwar mit viel Kraft, aber nicht mit hoher Geschwindigkeit gegen ihre Gegner führten. Bei bis zu fünf Meter langen Langspiessen durchaus vorstellbar: «Die Waffen waren nicht sehr handlich», sagt Cooper.

500 Bilder pro Sekunde

Angefangen habe man mit 35 Joule, ein Erfahrungswert aus der Herstellung von stichfesten Westen, erklärt Kneubühl. Im Moment experimentiert Cooper mit 5 bis 25 Joule und lässt die Waffen unzählige Male auf die Köpfe fallen. Jeder Versuch wird dokumentiert, fotografiert und gefilmt, mit einer Hochgeschwindigkeitskamera, die 500 Bilder pro Sekunde aufzeichnet. «Sie sind zu genau», sagt Kneubühl zum Praktikanten Stefan Axmann, der die Distanz zwischen Kopf und Waffenspitze vor dem nächsten Versuch misst. Ansonsten lässt der erfahrene Ballistiker die nächste Generation Forscher machen. Seine grosse Erfahrung basiere auf solchen Arbeiten, erklärt er. Mit Simulationen werde das Wissen stets neu überprüft, so sei er in den letzten 30 Jahren immer weitergekommen. (ba)>

Erstellt: 26.01.2009, 01:15 Uhr

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