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Bern prüft Meldestelle nach Berliner Vorbild

In der deutschen Hauptstadt müssen die Schulen jeden Gewaltvorfall innerhalb von 24 Stunden einer zentralen Stelle melden. Diese organisiert bei Bedarf Hilfe und liefert der Politik Entscheidungsgrundlagen für die Präventionsarbeit.

Nicht erst seit Winnenden wird Gewaltprävention in den Schulen grossgeschrieben. Nachdem aber im letzten Jahr in der Nähe von Stuttgart ein 17-jähriger ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule 15 Menschen tötete, wurde die Suche nach geeigneten Massnahmen intensiviert. Auch im Kanton Bern wird intensiv über Jugendgewalt nachgedacht. Ein gestern präsentierter Bericht bietet nun zunächst einmal einen Überblick über die Situation und zeigt auf, wo Handlungsbedarf besteht.

«Es geht darum, genau hinzuschauen, sobald Gewalt auftritt», sagte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) gestern. Genau hingeschaut wird bereits heute in den Berliner Schulen. Sie sind verpflichtet, jeden Gewaltvorfall innerhalb von 24 Stunden einer zentralen Meldestelle zu rapportieren. Die Lehrkräfte geben an, was passiert ist, welche Personen in den Vorfall verwickelt waren und wie die Schule darauf reagiert hat. Innerhalb eines Tages meldet sich dann eine Fachperson telefonisch bei den Lehrkräften und bespricht mit ihnen die Situation. Konnte die Schule den Vorfall selber regeln? Wie haben die Massnahmen gewirkt? Braucht die Schule zusätzliche Unterstützung? Bei Bedarf organisiert die Meldestelle daraufhin zusätzliche Hilfe.

Die Stelle ist aber nicht nur zentrale Ansprechpartnerin für die Lehrkräfte, sondern dient der Politik auch als Radar für gesellschaftliche Veränderungen. Sie wertet die Meldungen der Schulen kontinuierlich aus und empfiehlt allenfalls politische Massnahmen. Im letzten Schuljahr wurde in Berlin zum Beispiel deutlich mehr Gewalt an Schulen registriert. Die Senatsverwaltung für Bildung, welche die Meldestelle betreut, führte dies auf eine starke Verunsicherung im Zusammenhang mit dem Amoklauf in Winnenden zurück. Drohungen wurden ernster genommen und schneller gemeldet. In der Folge wurden die Lehrkräfte verstärkt in Früherkennung von Gewalt und «Amokprävention» geschult.

«Unterstützung aus einer Hand»

Eine solche Meldestelle lässt Pulver nun auch im Kanton Bern prüfen. «Damit wüssten die Lehrkräfte sofort, wohin sie sich wenden können», sagt der Erziehungsdirektor. Und sie bekämen Unterstützung aus einer Hand, was die Schulen entlasten könne. Kommunikationsfachmann Peter Felber, der im Auftrag der Erziehungsdirektion den Bericht erstellt hat, ist ebenfalls überzeugt, dass eine solche Meldestelle etwas bringen würde. Dass sich die Fachleute der Meldestelle aktiv bei den Lehrkräften melden, bewirke schon etwas. «Das bringt eine Dynamik in Gang und führt dazu, dass die Vorfälle an den Schulen stärker thematisiert werden», sagt Felber. Sonst bestehe die Gefahr, dass sie schnell wieder im Alltag untergingen.

Bei der Lehrerschaft wird die Idee mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Es brauche wohl eine zentrale Stelle, sagt Etienne Bütikofer, Leiter Pädagogik beim Berufsverband der Berner Lehrpersonen (Lebe). Die Stelle dürfe den Lehrern aber keine Mehrarbeit verursachen. Er könne sich vorstellen, dass die Erziehungsberatung diese Aufgabe übernehmen könnte: «Dort besteht schon viel Vorwissen über die Kinder und Jugendlichen, und auch das nötige Netzwerk existiert bereits.»

Ruf nach Schulsozialarbeitern

Martin Gatti ist noch etwas skeptischer: «Prävention und Hilfestellung direkt in den Schulen ist dringender, wichtiger und effizienter als eine zentrale Meldestelle, die dann unter anderem eine Statistik erstellt», sagt der Lebe-Präsident und Reallehrer. Dass Gewalt in den Kollegien thematisiert werde, sei selbstverständlich. Eine grosse Unterstützung könnten dabei Schulsozialarbeiter sein. Seit Jahren setze sich Lebe für die Einführung der Schulsozialarbeit auf Kantonsebene ein. Die Erziehungsdirektion hat das Anliegen bei der letzten Volksschulgesetzesrevision jedoch auf später verschoben. Gatti befürchtet nun, dass dies bei der nächsten Revision 2012 wieder passiert: «Die Hilfe und Unterstützung hat vor Ort zu sein, dort wo sie gebraucht wird, sonst wird das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt.»

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