«Wir sehen uns überhaupt nicht als Royal-Ersatz»

Zirkus veraltet nicht, weil er sich erneuert, sagt Fredy Knie. Und er weiss, weshalb bei Knie Multikulti funktioniert.

«Wenn man keine Subventionen erhält, redet auch niemand drein», sagt Fredy Knie junior.

«Wenn man keine Subventionen erhält, redet auch niemand drein», sagt Fredy Knie junior. Bild: Katja Stuppia/zvg

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Herr Knie, Sie stehen seit 65 Jahren in der Manege. Lampenfieber ist da wohl kein Thema mehr.
Vor der Premiere in Rapperswil habe ich jedes Jahr einen Traum: Ich ziehe mich für die Vorstellung an und stelle erschrocken fest, dass die Stiefel zu klein sind. Lampenfieber habe ich nicht wirklich, aber ich bin vor einer Vorstellung noch immer gespannt, zumal ich mit Tieren arbeite. Da weiss man nie ganz genau, wie es herauskommt.

Sie gelten als renommierter ­Tierlehrer. Was ist das wichtigste Prinzip im Umgang mit Tieren?
Nervös sein darf man nicht, das überträgt sich aufs Tier. Das Wichtigste ist darum Selbstbeherrschung. Wenn ich eine schlechte Laune habe, versteht das Tier den Grund nicht, es denkt, es habe etwas falsch gemacht.

Ihr 2003 verstorbener Vater Fredy senior hat diesbezüglich schon früh Massstäbe gesetzt.
Er führte schon in den 1930er-Jahren die öffentlichen Proben ein. Er fand, vor Zuschauern beherrsche man sich besser. Ich halte das auch so: Wir haben ja nichts zu verstecken. Mit Tieren soll man nicht brutal sein oder zu streng, aber immer konsequent.

Trotzdem gibt es Leute, die auch in Bern Werbeplakate verschmieren oder Banderolen herunterreissen.
Gewisse Aktivisten finden immer einen Grund, gegen etwas zu sein. Wenn ein Zirkusbetrieb Tiere schlecht behandelt, ist es richtig, dies zu kritisieren.

Ein Reizthema sind Nummern mit Raubtieren. Weshalb?
Es existiert kein Verbot für Raubtiernummern. Trotzdem haben wir 2004 damit aufgehört. Aus der Forschung weiss man heute, dass es für Raubtiere strukturierte Ausläufe braucht, welche wir nicht an allen Spielorten gewährleisten können, weil der Platz fehlt. Deshalb haben wir damit aufgehört.

Aufgehört haben Sie letztes Jahr auch mit Elefanten. Das Gleich­gewicht – Fredys Nachkommen arbeiten mit Pferden, Rolfs Nachkommen mit Elefanten – ist gestört.
Im Prinzip ist das schade, denn es ist eine alte Familientradition. Knie hatte seit 1920 Elefanten. Auch viele Zuschauer bedauern das, aber sie verstehen es auch. Wir haben uns nicht von den Elefanten getrennt, sie leben mit einem Bullen im Kinderzoo in Rapperswil in einem wunderschönen Gelände.

War der Entscheid nicht auch ein Einknicken vor der Tierrechtslobby?
Überhaupt nicht. Es ist eine Tatsache, dass der asiatische Elefant vom Aussterben bedroht ist, man bekommt keine mehr. Deshalb müssen Zoos selber für Nachwuchs sorgen. Im Zirkus kann man kein Zuchtprogramm durchführen.

Elefanten wird ein sprichwörtliches Elefantengedächtnis zugeschrieben. Worin zeigt sich das?
Sie wissen an den Spielorten, wo sich der Zirkusplatz befindet. An einem Ort wandte sich die Leitkuh Padma am Bahnhof gewohnheitsmässig nach rechts, doch der Platz war verlegt worden, sodass sie der Tierpfleger nach links umdirigieren musste.

Keine Raubtiere mehr, keine ­Elefanten. Manche Leute halten den Zirkus ohnehin für ein Auslaufmodell aus der Zeit um 1900. Die Freizeitgesellschaft hält viele andere Nervenkitzel bereit.
Der Zirkus ist eine traditionelle Einrichtung, das stimmt, aber er hat sich immer wieder neu erfunden. Was wir heute machen, ist ganz anders als das, was mein Vater gemacht hat. Artistik und Tiernummern gleichen sich natürlich, aber die Verpackung ist anders: der Sound, die Lichtführung, die Choreografie.

Zirkus kann man auch am Fernsehen betrachten.
Aber es ist nicht das Gleiche. Man geht als Familie in den Zirkus, isst ein Glace oder kauft Popcorn, es riecht nach Sägemehl und Pferden, die Distanz zu den Artisten ist klein. Das alles gibt ein unvergleichliches Live-Erlebnis. Kinder, aber auch Erwachsene brauchen das.

Das Live-Erlebnis birgt auch Risiken. Ein Pferd bockt, ein Artist macht einen Fehltritt, der Witz eines Clowns zündet nicht. Sie mussten schon einen Komiker ­auswechseln, der total durchfiel, 2013 wurde bei Claudio Zuccholini massiv ­nachjustiert, bis es lief.
Gute Komiker zu finden, ist tatsächlich schwierig. Dieses Jahr haben wir mit Larible einen Spitzenclown, aber diese sind rar. Deshalb haben wir früh Schweizer Kleinkünstler in die Manege geholt.

Der kürzlich verstorbene Dimitri war einer davon.
Er war 1970 der erste. Emil war 1977 im Programm, in den letzen zwei Jahrzehnten hatten wir alle grossen Namen, von den Fischbachs über Ursus & Nadeschkin oder Gardi Hutter bis zu Viktor Giacobbo. Auch das zeigt, dass sich der Zirkus immer weiterentwickelt.

Was ist eigentlich mit dem ­Nummerngirl passiert?
Wegen temporeicher Choreografie gibt es kaum noch Pausen, in denen etwas angekündigt werden kann. Zudem ist es nicht nötig, vollmundige Anpreisungen zu machen. Wenn eine Nummer gut ist, merken es die Zuschauer selber. Bei der Truppe aus Nordkorea, die in diesem Programm auftritt, erwähnen wir ausnahmsweise, dass es einen 25-Meter-Sprung gibt und einen vierfachen Salto, denn das ist wirklich aussergewöhnlich.

Wie bekommt man Artisten aus einem derart geschlossenen Land?
Als wir 1984 erstmals eine Truppe aus der Volksrepublik China verpflichten konnten, verhandelten wir zuvor etwa fünf Jahre. Wenn dann einmal ein Vertrauensverhältnis besteht, geht es viel einfacher. Bei Nordkorea ist das sehr ähnlich. Ein weiterer Grund ist, dass Knie ein Name ist, der sich im Curriculum eines Artisten gut macht, das sage ich bei aller Bescheidenheit.

Schweizer gibts im Zirkus selten, von der Besitzerfamilie abgesehen.
Obwohl die Schweiz ein kleines Land ist, gibt es erstaunlich viele gute Künstlerinnen und Künstler. 1991, beim 700-Jahr-Jubiläum, zeigten wir ein Programm mit lauter Schweizern. Aber sonst sind wir international zusammengesetzt.

Das war schon so, als Multikulti in der Gesellschaft noch kaum ein Thema war. Funktioniert Multikulti im Zirkus besser als draussen?
Nach meiner Einschätzung: definitiv. Es gibt bei uns ein ungeschriebenes Gesetz: Wir sprechen im Alltag weder über Religion noch über Politik.

Bei Ihnen arbeiten seit jeher ­Marokkaner. Als Muslime haben sie ihre eigenen Bräuche. Wie geht das?
Sie halten zum Beispiel den Ramadan ein. Auch wenn dieser auf den Sommer fällt und sie tagsüber nichts trinken, arbeiten sie normal und verlangen keinerlei Dispensationen. Wir schauen umgekehrt, dass sie nach Sonnenuntergang möglichst rasch einen Augenblick Zeit bekommen, um etwas zu trinken.

Es gab Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter aus Marokko einzustellen.
Der Staat wollte, dass nur noch EU-Bürger eingestellt werden. Damit wäre eine seit 1955 bestehende Tradition beendet worden. Wir fanden dann eine Lösung. Wenn einer pensioniert wird, darf wieder einer nachrücken, meist ein Sohn oder Neffe. Die Männer stammen aus einem halben Dutzend Familien.

Sie feiern heute in Bern Geburtstag. Wieso hier und jetzt, denn Sie werden erst im September 70 Jahre alt?
Auch ich habe meine Frau Mary-José und unsere Tochter Géraldine gefragt, ob sie mich älter machen wollen (lacht). Die beiden haben das so organisiert. Es ging sicher auch darum, dass Bern von überall in der Schweiz gut erreichbar ist.

Auch wenn man es Ihrem etwas gemischten Dialekt nicht anhört: Sie sind in Bern geboren.
Mein Bruder Rolf und ich wuchsen in Belp bei meiner Gotte auf. Dort besuchten wir ein Internat, das es heute nicht mehr gibt. Ich empfand es als Horror, weg von den Eltern zu sein. Sie riefen gar nicht mehr an, weil es am Telefon jedes Mal ein tränenreiches Drama gab. Das war auch ein Grund, selbst eine Zirkusschule zu eröffnen.

Sie hatten offenbar auch eine prominente Geburtshelferin, die spätere Gattin von Bundesrat Rudolf Gnägi.
Sie war bei meiner und bei Rolfs Geburt dabei.

Finden sich deshalb immer Bundesräte zur Berner Premiere ein?
Ich glaube nicht, aber es stimmt, sie kommen oft an die Premiere. Manchmal hiess es, Bundesräte hätten keine Zeit für so etwas, doch Christoph Blocher meinte einmal, das sei dummes Zeug, wenn man es einrichten wolle, gehe es.

Nutzen Sie die Anwesenheit eines Bundesrats im Apéro-Zelt, um ihm wegen der zunehmenden Regelungsdichte «i ds Gilet z gränne»?
Vielleicht hat man auch schon über solche Themen gesprochen, aber man merkt schnell, wenn jemand den Abend geniessen will, ohne über politische Probleme zu sprechen. Dann trifft man sich bei einer anderen Gelegenheit.

Viele Unternehmer beklagen sich über zunehmende Behinderungen seitens des Staates. Sie nicht?
Sicher stellen auch wir fest, dass es immer mehr Auflagen gibt und dass die Kosten für staatliche Leistungen immens gestiegen sind: Platzmiete, Strom, Plakatierung und dergleichen. Man stellet schon eine gewisse Reglementierungswut fest, die uns behindert. Viele Städte und Ortschaften sind uns aber sehr wohlgesinnt.

Der erwähnte Bruder Rolf lebt seit langem als Maler auf Mallorca. Beneiden Sie ihn manchmal?
Ich beneide niemanden. Ich finde es gut, dass Rolf macht, was ihm gefällt. Ich liebe meinen Beruf und möchte nicht tauschen.

Vor Jahren hatte man ein wenig den Eindruck von einer gewissen Müdigkeit bei Ihnen. Diese machte einem neuen Motivationsschub Platz, als die achte Knie-Generation ins Zirkusleben eintrat. Würden Sie dem zustimmen?
Nein, bei mir gibt es keine Müdigkeitserscheinungen. Es stimmt aber, dass ich mich sehr über den Nachwuchs freue. Es ist ein Lichtblick und ein Zeichen, dass es weitergeht.

Zirkuskinder müssen doch ohnehin tun, was ihre Eltern befehlen.
Absolut nicht. Ein Kind in einen Beruf hineinzuzwingen, bringt überhaupt nichts. Jetzt ist es noch ein Spiel für sie, später müssen sie entscheiden, ob es ihr Beruf werden soll. Wenn sie das wollen, müssen sie es hundertprozentig tun, sonst lassen sie es besser bleiben.

Bei Ihren Enkeln Ivan-Frédéric und Chanel-Marie und bei Francos Enkel Chris Rui spürt man die Lust am Auftritt in der Manege.
Die fünfjährige Marie-Chanel macht bereits die dritte Saison mit, wobei sie nur auftritt, wenn sie will. Sie lebt in der Manege förmlich auf, wie jeder sehen kann. Als sie hörte, dass wir 2019 das 100-Jahre-Jubiläum als National-Circus feiern, kündigte sie an, wie werde dann Seillaufen. Sie sagte, wir sollten ihr ein Seil kaufen, dann fange sie mit Üben an.

National-Circus tönt amtlich. Erhalten Sie Staatsgelder?
Überhaupt nicht. In den 1930er-Jahren konnten unsere Vorfahren diesen Namen noch so registrieren lassen. Und heute kann man ihn nicht mehr wegnehmen. Aber Staatsgeld gibts keins.

Da haben es andere Kulturanbieter besser. Sie bekommen viel Geld aus Subventionstöpfen, selbst wenn sie beim Publikum völlig durchfallen.
Das stelle ich auch fest, aber Zirkus hat ja nichts mit Kultur zu tun (lacht). Neidisch bin ich nicht, und zudem ist es ein Vorteil, keine Subventionen zu bekommen: Es redet einem niemand drein.

Als National-Circus ist ihre Familie eine Art Royal-Ersatz. Die Affäre von Franco mit der monegassischen Prinzessin Stéphanie in den 1990er-Jahren war ein Medienthema.
Wir sehen uns überhaupt nicht als Royals. Und Stephanie ist heute noch eine Freundin der Familie, ein ganz normaler Mensch. Sie besucht uns und ist mit allen Mitarbeitern per Du.

Die Leitung des Unternehmens liegt bei Ihrer Tochter Géraldine und ihrem Mann Maycoll Errani. Reden Sie wirklich nicht mehr hinein?
Ich lasse sie Neues ausprobieren und schreite nur ein, wenn ich aus Erfahrung genau weiss, dass eine Idee sicher nicht funktionieren wird. Mein Schwiegersohn Maycoll, der mit seinen zwei Brüdern im Programm auftritt, ist unglaublich vielseitig, er packt überall an. Es ist für mich eine grosse Erleichterung, ihn am Werk zu sehen.

(Der Bund)

Erstellt: 13.08.2016, 09:22 Uhr

Zirkus Knie in Bern

Am Freitagabend hatte Knie Premiere auf der Berner Allmend, wie immer mit «Standing Ovations». In Bern gastiert der Zirkus bis zum 24. August (Billette: ticketcorner.ch). Ab 21. September steht das Zelt in Biel, ab 2. November in Thun.

Fredy Knie Junior

Der langjährige Direktor des Schweizer National-Circus Knie arbeitet seit 65 Jahren in der Manege. Am 30. September wird er 70-jährig. Fredy Knies Domäne ist die Pferdedressur, er gilt weit über die Schweiz hinaus als vorbildlicher Tierlehrer. Auch im aktuellen Programm reitet er die Hohe Schule, eine Nummer, die viel Geduld, Training und seitens des Pferdes grosses Vertrauen erfordert. Knie ist in Belp aufgewachsen, wo er ein Internat besuchte. Das Zirkus-Winterquartier befindet sich im sankt-gallischen Rapperswil, ebenso Knies Kinderzoo.

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