Geneigt wertvolle Zeit sparen

Mit der Umrüstung der Combinotrams auf die Neigetechnik geht Bernmobil die Herausforderungen des neuen Taktfahrplans offensiv an. In Bähnler-Kreisen gilt das elf Millionen Franken teure Projekt als «Sensation».

In Kurven schneller unterwegs: Gemeinderätin Regula Rytz und Bernmobil-Direktor René Schmied freuen sich über Berns neuste Attraktion, das Neigetram. (Adrian Moser)

In Kurven schneller unterwegs: Gemeinderätin Regula Rytz und Bernmobil-Direktor René Schmied freuen sich über Berns neuste Attraktion, das Neigetram. (Adrian Moser)

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Mit einer eigentlich naheliegenden Lösung geht Bernmobil die durch den neuen Taktfahrplan entstandenen Zeitprobleme an: Dank der Übernahme der Neigetechnik analog den Cisalpino- und ICN-Zügen sparen die Berner Trams in Zukunft wertvolle Sekunden – die Neigetechnik ermöglicht schnellere Kurvengeschwindigkeiten.

Wie René Schmied, Direktor Bernmobil, an der gestrigen Medienkonferenz bei der Tramwendeschlaufe Westside ausführte, werden die ersten Combinotrams bereits Anfang Mai mit Neigetechnik durch Bern kurven. Als erste Tranche werden von Siemens zwölf Trams mit Neigetechnik ausgerüstet. Diese werden vorerst nur auf der meistbefahrenen Linie 8 verkehren. «Dass noch nicht alle Linien von den kürzeren Fahrzeiten profitieren können, hat mit der Inkompatibilität der zwei Systeme zu tun», erklärte Schmied: Würden auf der gleichen Strecke Trams mit und ohne Neigetechnik eingesetzt, müssten die Neigetrams langsamer fahren, da sonst der Taktfahrplan nicht eingehalten werden könnte, sprich: Die Trams wären vor der Soll-Ankunftszeit an der Haltestelle. «Es käme zu Verfrühungen», meinte Schmied lachend.

Modernste Tramflotte der Schweiz

«Für die Stadt Bern kam die sehr elegante Lösung zur richtigen Zeit», sagte Regula Rytz, Gemeinderätin und Vorsteherin der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. Sie freue sich, dass Bernmobil die Führungsposition bei den technischen Innovationen ausbaue. Bereits zuvor habe Bern mit dem grossen Anteil an Niederflurtrams über die schweizweit modernste Tramflotte verfügt.

Der Einsatz von «überragend funktionellem Rollmaterial» ist auch dringend notwendig: Der neue Fahrplan mit dem dichten Takt und der Inbetriebnahme der neuen Tramlinien 7 und 8 im Dezember 2010 habe die Stadt Bern vor «grosse Herausforderungen gestellt», so Rytz. In der Tat: Der Ausbau der Tramlinien sowie die höhere Taktfrequenz führen im Bahnhofperimeter in den Stosszeiten regelmässig zu «Tramstau». Dass wirklich jede Sekunde zählt, zeigt sich an den «Abfertigern»: Bernmobil-Mitarbeiter werden seit der Fahrplanumstellung an den Haltestellen Hirschengraben und Bahnhof eingesetzt, um die Umsteigezeiten zu verkürzen.

Bereits im Jahr 2003 diskutiert

Die Idee mit der Neigetechnik ist nicht neu: Bereits bei der Auftragsvergabe für die 15 Combinotrams an Siemens im Jahr 2003 war die Option Neigetechnik andiskutiert worden. Damals verzichteten die Verantwortlichen aus Kostengründen auf den Einbau der zukunftsweisenden Technik. «Das war ein Fehler», sagte Schmied gestern. Der nachträgliche Einbau in die 15 Combinotrams wird das Unternehmen 1,6 Millionen Franken kosten – zusätzlich zu den 9,4 Millionen Franken Aufwand für die 60 Neigetechnik-Module (vier pro Tramkomposition).

«Doch auch Zeit ist Geld», meinte Schmied: Die Neigetechnik lohne sich, da sie das Problem der knappen Umsteigezeiten an den Haltestellen löse. Neu bleiben den Trams am Hirschengraben so 50 Sekunden (plus 10 Sekunden), unter dem Baldachin 60 Sekunden (plus 10). Mit der restlichen gesparten Zeit werde der Fahrplan gestrafft: Statt maximal 14 Trams fahren zukünftig nur noch 12 Trams auf der Linie 8. Für den Fahrgast bleibe trotzdem ein Zeitgewinn: «Die etwas längere Wartezeit an der Haltestelle wird durch die schnellere Fahrzeit mehr als kompensiert», versicherte Schmied. Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil verspricht die Neigetechnik auch für das Ein- und Aussteigen an den Haltestellen – wie das bei den Bussen schon seit langer Zeit üblich ist: Hält das Tram an, kippt es um zwölf Grad auf die rechte Seite. «Mit der sanften Kippbewegung» verkleinere sich die Einstiegshöhe um einige Zentimeter. «Gleichzeitig», räumte Schmied aber ein, «kriegen Gegenstände auf Rollen etwas Spiel.» Damit Kinderwagen und Rollstühle nicht ungewollt aus den Trams rollen, werden in den Wagen Sicherheitsgurte zum Fixieren der beweglichen Gegenstände befestigt. Als weiteren Grund, warum beim Kauf der neuen Combinotrams auf den Einbau der Neigetechnik verzichtet wurde, nannten die Verantwortlichen den Pilotversuch mit Neigetrams, der 2003 in Stuttgart (D) im Gange war. Die Resonanz der befragten Passagiere zur neuen Technik sei damals nicht durchwegs positiv gewesen, sagte Schmied. So gab es diverse Beschwerden wegen Übelkeit – wie hierzulande bei den Cisalpino-Neigezügen. Auch über umkippende Kaffeebecher in besonders engen Kurven wurde berichtet. «Bernmobil unternahm deshalb wirklich grosse Anstrengungen, die Nebenwirkungen der Neigetechnik gering zu halten», betonte Bernmobil-Direktor Schmied. Mit Testfahrten während dreier Nächte im Februar wurden die Kurvenhöchstgeschwindigkeiten ausgelotet und die seit Stuttgart verbesserte Technik mit Bernmobil-Nutzerinnen und -nutzern getestet.

Kribbeln in den Beinen

«Die Bernerinnen und Berner scheinen über eine robustere Kondition zu verfügen», resümierte Schmied die Testergebnisse. So seien auch von älteren Passagieren keine Klagen eingegangen, ausser die von einem Senior, der in einigen Kurven aufgrund der höheren Anpresskräfte etwas Druck im Ohr feststellte. Tatsächlich, bei der anschliessenden Testfahrt für Medienleute vom Westside ins Stadtzentrum ist der Anpressdruck in engen Kurven deutlich spürbar: Der Körper wird in den Sitz gedrückt, ein Kribbeln in den Beinen ist die Folge. Schmied beruhigte aber, der Körper gewöhne sich sehr schnell daran, und die Symptome würden alsbald verschwinden.

Sensation unter Bähnlern

Grünes Licht gibt es auch für die älteren Veveytrams der Bernmobil-Flotte. Herstellerin ABB entwickelte mit Siemens adaptive Neigemodule. Bernmobil rechnet aber aufgrund der knappen Finanzen nicht vor Herbst 2011 mit einem Investitionsentscheid.

Bereits haben sich Mitglieder des Internationalen Verbandes für öffentliches Verkehrswesen (UITP) bei Bernmobil gemeldet, die aus Deutschland, Frankreich und den Niederlande nach Bern kommen wollen – nur um die Neigetrams zu sehen. Schmied kann dies verstehen: «Unter Bähnlern ist die Neuerung eine Sensation.» Und er schwärmte weiter von der Neigetechnik, die gar nicht mit derjenigen aus dem Cisalpino zu vergleichen sei: «Unsere ist viel sanfter und fast nicht spürbar, ein Meisterwerk der Technik.» Auch Berns Stadtpräsident freut sich über die neuste Attraktion, sorgt sich aber – augenzwinkernd – um Berns Ruf: «Mit der erneuten Temposteigerung unseres ÖV hat es sich dann wohl mit dem Vorurteil, in Bern werde alles etwas gemütlicher angegangen», sagte Alexander Tschäppat gestern auf Anfrage.

Bernmobil lädt heute Nachmittag Interessierte ein, sich die Neigetechnik von Fachpersonen erklären zu lassen. Zudem kann dabei zugeschaut werden, wie ein XL-Combinotram 6/8 per Hebekran auf die Neigetechnikfahrgestelle montiert wird. Die knapp einstündige Führung beginnt um 15 Uhr vor dem Tramdepot am Eigerplatz in Bern. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2011, 09:13 Uhr

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