Einladung zum «buttergipfeltreffen»

Listige Wortneuschöpfungen mit dem geistigen Nährwert einer «vorstellungskraftbrühe»: Unter dem Titel «tagediebesgut» hat die Lyrikerin Andrea Maria Keller eine Box mit 99 Karten veröffentlicht. Die hat es in sich.

Geheimnisvoll ineinanderverstrickte Worte: Beim Scrabble-Brettspiel hätten diese linguistischen Kreationen möglicherweise einen schweren Stand.

Geheimnisvoll ineinanderverstrickte Worte: Beim Scrabble-Brettspiel hätten diese linguistischen Kreationen möglicherweise einen schweren Stand. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Dieses Wort gibt es doch gar nicht, das hast du jetzt einfach erfunden!» Empfehlenswert ist es allemal, vor Beginn des Scrabble-Brettspiels festzulegen, welche Wortschöpfungen und -kombinationen erlaubt sind. Besonders pedantische Spieler halten sogar den Duden in Griffweite, um bei strittigen Wortkreationen diese Instanz anzurufen.

Ein Scrabble-Spiel mit der sprachschöpferisch nicht zu bändigenden «lustspielverderberin» Andrea Maria Keller stellen wir uns allerdings als sehr vergnüglich vor. Die in Bern lebende Lyrikerin hat unter dem Titel «tagediebesgut» eine kleine Box veröffentlicht mit 99 Karten (Edition Agathe Nisple). Andrea Maria Keller ist allerdings alles andere als eine «sprachgewalttäterin», die hier lauter «wortbruchlandungen» aneinanderreiht.

Auf jeder Karte steht ein Wort, meist eine Zusammensetzung zweier an sich bekannter, unspektakulärer Wörter, die fusioniert ungeahnte, mitunter durchaus explosive semantische Energien freilegen: da prallen Kraftfelder aufeinander, neue Bedeutungsebenen werden geschaffen, der Leser verlässt vertrautes Denkterrain und macht sich auf, unbekannte Vorstellungswelten zu erkunden.

Ohnmächtige Sprachpolizei

Manche Kompositionen lassen sich auch zu lockeren «Wortgruppen» zusammenführen. Würde ein Basler Pharmariese etwa den «herzschmerzstiller» in Form einer Pille erfinden, dann wären Milliardenumsätze garantiert. In diesem Zusammenhang lässt sich auch das «traumfrauenleiden» bei Exemplaren der männlichen Bevölkerung diagnostizieren – fachsprachlich sind diese Patienten auch als «silikonbusenfreunde» bekannt.

Umgekehrt möchte jede Frau natürlich ein möglichst einzigartiges Mannsbild an ihrer Seite wissen, also einen «desktopfitten» «jahrthausendsassa» – und wehe, er stellt sich dann bei näherer Betrachtung als langweiliger «schnittmustergatte» heraus.

Im grossartigen Lyrikdebüt «mäandertal» hat Andrea Maria Keller 2013 einem ihrer Gedichte bereits den Titel «tagediebesgut» gegeben. Diese illegale Ware trägt in ein «Du» «federleicht und leise» «über den strom» an der «grenz wacht vorbei». Diese Grenzwächter dürfen wir uns im Hinblick auf diese Kartenbox durchaus als Sprachpolizisten vorstellen, die den Wortstrom von Andrea Maria Keller jedoch nicht zu kontrollieren vermögen.

Da werden Neuschöpfungen in ein anderes Land geschmuggelt, wo sie sich vielleicht langsam in den Köpfen einnisten, allmählich in den Sprachgebrauch übergehen und eines Tages sogar die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern werden.

Eine Sprache der Liebe

Was wohl ein «luftschlossgärtner» ist? Ein Fantast, der seine Kopfgeburten unverdrossen hegt und pflegt vielleicht; seelenverwandt ist er wohl mit dem «wunderlandstreicher» und dem «tagtraumdeuter», die ähnlich wie der «trugweltenbummler» hauptberuflich im «scheinwelthandel» tätig sind.

Bei manchen Ausdrücken lässt sich ein gewisses Staunen darüber nicht unterdrücken, dass man bislang ohne dieses Wort ausgekommen ist. Oder finden Sie nicht auch, dass das Wirken einer bestimmten, sich überaus patriotisch und heimatschützerisch gebärdenden eidgenössischen Partei in den «gesinnungswandelhallen» unter der Bundesauskuppel mit dem Begriff «rostbildungspolitik» treffend umschrieben wird?

Vom Politischen ins Private: Im Bereich der Liebe und Partnerschaft hat Andrea Maria Keller besonders lustvoll Sprachfenster aufgestossen, ein muffig gewordenes Vokabular gehörig durchgelüftet und uns damit neue Denkräume eröffnet. Wenn sich Ehepartner in einem auf unbestimmte Zeit angelegten «trauringkampf» eine erbarmungslose Abnützungsschlacht liefern, dann werden sie zu einem «alptraumpaar», dessen «ehebundweite» im Laufe der Zeit dramatisch geschrumpft ist.

So ist es denn nur eine Frage der Zeit, ehe es zum «bilderbuchehebruch» kommt oder zum Mittel einer «geschlechtsverkehrsumleitung» gegriffen wird. Wahrscheinlich aber können sie der Zweierkiste letztlich doch nicht entfliehen, weil beide das «laufpasswort» vergessen haben.

Das Wort-Spiel von Andrea Maria Keller sei hiermit wärmstens empfohlen. Anstelle einer kostspieligen Gesprächstherapie kann man, dies nur eine Idee, zu zweit bei einer Flasche Wein die Karten aufteilen und miteinander in einen spontanen Dialog treten. Das könnte dann so klingen: «Ich leide an ordnungsliebeskummer»! – «Dann musst du einen rosskurort aufsuchen.» – «Sicher nicht, Du immergrünschnabel, das wäre ein unheilmittel.» – «Wenn du meinst, dann beenden wir jetzt diesen ratschlagabtausch.»

Geheimnisvoll ineinanderverstrickte Worte: Beim Scrabble-Brettspiel hätten diese linguistischen Kreationen möglicherweise einen schweren Stand.

Andrea Maria Keller tritt am Dienstag um 19.30 Uhr im Berner Münster im Rahmen von «WortKlangRäume» auf, gemeinsam mit Christine Ragaz (Violine), Regula Gerber (Kontrabass und Stimme). www.bernermuenster.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2015, 10:18 Uhr

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