Ein Bruch als Chance

Die Hürdensprinterin Lisa Urech brach sich Mitte Mai das Schlüsselbein. Trotzdem schaffte sie die EM-Limite gleich im ersten Anlauf. Auch mental ist sie gestärkt aus der Verletzung gekommen.

Lisa Urech (links) im Letzigrund Stadion.

Lisa Urech (links) im Letzigrund Stadion. Bild: Keystone

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Im Training hängte sie an einer Hürde ein, fiel kopfüber auf die Tartanbahn, auf die Schulter. Das Schlüsselbein war entzwei. Und obwohl schon damals klar war, dass die Verletzung ihre EM-Teilnahme nicht à priori infrage stellt, war doch unsicher, wann und wie Lisa Urech auf die Bahn zurückkehren würde. Mit ihrem Comeback fünf Wochen nach der Operation tat sie das, was sie schon mehrfach getan hatte: Sie verblüffte.

Mit 13,18 knackte sie die Limite (13,35) mit Leichtigkeit, ja, sie stieg so sogar mit einer noch schnelleren Zeit in die Freiluftsaison als in die vorangegangene, als sie zum Auftakt 13,54 gelaufen war. Am vergangenen Wochenende stoppte die Zeit bei ihr gar bei 13,06. Nur einmal in ihrer Karriere ist sie bisher schneller gelaufen (13,01 bei Weltklasse Zürich 2009). Das war das eine, was ihren Trainer Sven Rees erstaunte. Das andere war die Zeit der Rekonvaleszenz. «Lisa hatte eine für den Sport relativ normale Verletzung. Aber wie sie damit umging, habe ich bis jetzt noch nie gesehen», so der Leistungssportdirektor des baden-württembergischen Leichtathletikverbandes, bei dem Urech in Stuttgart trainiert. Nach dem Sturz habe sie sicher Ängste gehabt, sehr schnell aber einen Weg gefunden, diese zu überwinden.

Ziele grösser als Angst

Lisa Urech selber sagt dazu: «Meine Ziele sind grösser als die Angst.» Einfach sei es aber nicht gewesen, wieder über die Hürden zu laufen, «ohne zu denken, dass wieder etwas passieren könnte». Aus dem Sturz hat sie aber vor allem das Positive genommen. Sie sagt: «Ich hatte Glück, dass ich mich nicht am Bein verletzte, sonst wäre die Saison gelaufen gewesen.» Und: «Wir mussten zwar unsere Planung über den Haufen werfen, dafür konnte ich mehr an der Technik und mit dem Kopf arbeiten.» Das tat sie allein mit ihren Trainern – neben Rees auch Ewa Maeder vom Leistungszentrum im Wankdorf. Mit einem Mentaltrainer hat sie bis jetzt nicht zusammengearbeitet.

Erstmals verbrachte sie im Oktober 2008 Zeit in Stuttgart, damals mit dem damaligen Nationaltrainer Rolf Weber. Mit ihm zusammen hatte sich Urech entschlossen, den Schritt ins Ausland zu wagen. Seither sind die Trainingsaufenthalte immer häufiger geworden; seit Lisa Urech Ende Mai ihre 30-Prozent-Stelle als Kauffrau bei der Post aufgegeben hat, reist sie jede Woche in die sechstgrösste Stadt Deutschlands. Dass sie ihren Wohnsitz nicht ganz verlegt hat, liegt auch daran, dass sie jeweils montags und dienstags in Bern die Schulbank drückt. Die Berufsmaturität im nächsten Sommer ist das Ziel.

Und bis jetzt hat Lisa Urech noch immer alles erreicht, was sie sich in den Kopf setzte. «Sie hat den unbedingten Willen zum Erfolg, arbeitet unheimlich leistungsorientiert und fokussiert», sagt Rees über sie. Verbesserungspotenzial ortet er im Kraft- und Technikbereich. Doch er sagt auch: «Bis zur Vervollkommnung dauert es normalerweise acht bis zehn Jahre. Sie hat erst drei oder vier davon absolviert.» Zusätzlich müsse sie lernen, sich mehr auf sich selber und ihre Aufgaben statt auf die Konkurrenz zu konzentrieren: «Was die anderen machen, kann ihr egal sein. Sie hat ein unglaubliches Potenzial, das mit niemandem vergleichbar ist. Schon gar nicht in der Schweiz.»

Bis zum Schweizer Rekord der gebürtigen Kanadierin Julie Baumann, welche die 100 Meter Hürden im Jahr 1991 in 12,76 bewältigte, sei es noch ein grosser Sprung. Dies sei auch nicht das vordergründige Ziel, betonen Athletin wie Trainer. Doch eine Zeit unter 13 Sekunden traut ihr Rees bereits in diesem Jahr zu.

Doppelt Grund zum Feiern?

An der EM in Barcelona soll es, anders als an der WM 2009 in Berlin, an Hallen-EM und -WM im letzten und in diesem Jahr, die dazu dienten, Erfahrungen zu sammeln, einen Schritt weitergehen. Der Halbfinal ist das erklärte Ziel der gebürtigen Emmentalerin. Wenn es optimal laufe, sei sogar die Finalqualifikation möglich, sagt Rees. Um in den Rhythmus zu kommen, bestreitet Urech im Vorfeld weitere Wettkämpfe, die Athletissima am 8. Juli in Lausanne, die SM zehn Tage später in Lugano. Drei Tage nach ihrem 21. Geburtstag steht Lisa Urech dann an den EM in Barcelona am Start. Sie hofft, dass sie nach den EM gleich doppelt Grund hat zu feiern. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2010, 10:32 Uhr

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