Der Pionier von der Müritz

Seit dem Mauerfall können Touristen die Mecklenburgische Seenplatte per Hausboot entdecken. 
Dank Harald Kuhnle, der dafür einen eigenen Bootstyp erschaffen hat. Er denkt sich ständig neue Angebote aus.

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Der Pionier von der Müritz

Till Hein
Mirow

Leinen los! Ein königsblauer Himmel spannt sich über die sanften Wellen der Müritz, einen der grössten und romantischsten Seen Deutschlands. Harald Kuhnle (59) steht am Steuer der Finchen und blinzelt in die Morgensonne. Der Wind streicht übers Sonnendeck, wo Angelruten, Netze und Köder bereitliegen. Kuhnle nimmt Kurs auf die Burgwall­insel, wenige Kilometer westlich von Rechlin. In der Uferregion des Eilands sollen sich morgens immer besonders viele Fische herumtreiben.

Harald Kuhnle ist der Hausboot-King der Mecklenburgischen Seenplatte. 1990, kurz nach dem Mauerfall, baute der Maschinenbau-Ingenieur vom Bodensee hier in Ostdeutschland, im armen, aber idyllischen Mecklenburg, als Tourismuspionier einen Hausbootverleih auf. Nach seinen Ideen liess er den Bootstyp Kormoran designen, der unter Wassersportfreunden als Klassiker gilt: elegante Kleinstschiffe wie die Finchen, 13 Meter lang und 4 Meter breit, mit ­einem lichtdurchfluteten Salon, drei Kojen, einer Minikombüse und einem Sonnendeck – überwiegend aus Holz. «Denn nur Schiffe aus Holz haben eine Seele», sagt Kuhnle.

Wasserski fahren? Aber sicher! Und an der Müritz ist er «der beste Fisch­grillierer der Welt». Kuhnle kann alles – ausser fischen. Obwohl der Bootsverleih auch geführte Angeltouren anbietet, hat der Chef noch nie einen Fisch gefangen. «Keine Zeit», redete er sich immer heraus. Heute aber, 25 Jahre nach Ankunft im ostdeutschen Seenparadies, will er Beute machen.

«Metern» mit Peter

Dazu hat er einen Vollprofi angeheuert, Peter Rinow (57), ein Naturbursche mit wallendem Bart und muskulösen Ober­armen. «Ich wurde mit der Rute in der Hand geboren», sagt der und befestigt einen von Raubfischzähnen zerkauten Köder an einer Nylonschnur. Auch Touristen können sich auf den Hausbooten von ihm coachen lassen. «Allein letztes Jahr haben wir 14-mal gemetert», erzählt Rinow, «also Fische gefangen, die länger als 1 Meter waren.» Feine Gischt kräuselt sich um den Bug der Finchen. Ringsumher nichts als Wasser, Schilf, Wiesen und Wälder. Schüchtern streckt ein kleiner Knabe den Kopf aus der Kajüte. Es ist Arne, der sechsjährige Sohn eines Freundes von Kuhnle. Er wollte unbedingt mit aufs Wasser und fischen lernen.

Schon als junger Mann entdeckte Kuhnle die Leidenschaft für den Wassersport. «Ich überquerte in einem Segelboot den Atlantik – nachts orientierte ich mich an den Sternen», erzählt er. Die ganze Mecklenburgische Seenplatte lag Machertypen wie ihm 1990, kurz nach dem Mauerfall, zu Füssen: eine verträumte Landschaft mit mehr als tausend Seen, die durch Flüsschen und Kanäle verbunden sind. Allein die Müritz ist so gross wie der Vierwaldstättersee. Ihr Name leitet sich vom slawischen «morcze» her: «kleines Meer». Im Mai 1990 reiste Kuhnle erstmals an den Süsswasserozean. «Zum Glück mit dem Wohnmobil», erzählt er. Marode Ferienheime sozialistischer Jugendorganisationen waren die einzige touristische Infrastruktur. Wer konnte, zog damals weg – in den «goldenen Westen». Er wählte den umgekehrten Weg. Schon im Oktober liess Kuhnle seine ersten vier Hausboote zu Wasser, wenige Monate darauf elf weitere – und immer mehr Neugierige kamen angereist.

100 Meter östlich der Burgwallinsel schaltet Peter Rinow den Motor aus und demonstriert, wie man die Rute auswirft. Arne hat den Hüftschwung bald heraus. Kuhnle dagegen bewegt sich hölzern, als habe er eine Angelrute verschluckt. «Fünf Dinge braucht ein guter Fischer», doziert Rinow mit rauer Stimme. Als Erstes deutet er auf einen Kescher: ein Gerät, das wie ein robustes Schmetterlingsnetz aussieht und zum «Landen» der ­Fische dient. Dann zieht er eine Zange aus dem Fischereikoffer, mit der man ­Haken löst, die tief im Fischmaul stecken. Als Nächstes ein Schlagholz zur Betäubung, dann einen Dolch zum Töten der Fische. Und das Massband dürfe man nie vergessen, sagt er: Sei ein Hecht weniger als 46 Zentimeter lang, müsse man ihm das Leben schenken und ihn zurückwerfen. «Wir fischen nachhaltig.»

Die Fische scheinen satt

Vom Aal bis zum Zander schwimmt in der Müritz fast alles, was Kiemen hat. «Aber nicht jeder Köder eignet sich für jeden Fisch», erklärt der Profi. Karpfen, Rotaugen und Rotfedern etwa lieben ­Maden und Mais. An diesem Vormittag scheinen sie jedoch völlig satt zu sein. ­Rinow ändert die Strategie. «Wir gehen auf Hechte», sagt er und erläutert das Schleppangeln. Man wirft die Rute am Heck des Bootes aus und lässt den Köder hinterherziehen: am besten weit draussen, wo das Wasser bis zu 33 Meter tief ist, in den bevorzugten Jagdgebieten der Hechte. Die Schüler wählen als Köder abwechselnd Blinker, wie Fischschuppen glitzernde Metallscheiben, oder Gummifische, die sich wie geschwächte Beutetiere durch die Strömung bewegen.

Kuhnle lächelt. Auch in seinem Business ist der richtige Köder oft entscheidend. «Wir müssen Menschen anlocken», sagt er. In den frühen 90ern hatte er dabei leichtes Spiel. «Anfangs waren meine Boote vor allem Hotelzimmer­ersatz», erinnert er sich. Heute sind ­Hotels vorhanden. Dennoch umfasst Kuhnles Flotte inzwischen Dutzende Charterboote. In der Montagehalle der ehemaligen Schiffswerft Rechlin, wo zu DDR-Zeiten Schnellboote für den Grenzschutz gebaut wurden, entstehen die Kormorane. Etwa sechs Mann arbeiten rund 3500 Stunden an einem Exemplar – mehr als 20 Wochen. Ständig denkt Kuhnle sich neue Angebote aus: Tauchen etwa oder Heiraten. Er und seine Dagmar haben sich auf einem Kormoran auf der Müritz das Jawort gegeben. Darauf nahm er Hochzeiten ins Portfolio auf, seither liessen sich über zwei Dutzend Touristen auf Hausbooten trauen.

«Man muss an seine Träume glauben», sagt er. Eine Karriere in der Automobil­industrie, die dem Vater für ihn vorschwebte, erschien ihm zu wenig spektakulär. «Ich liebte das Wasser.» ­Neben einer Vision brauche man vor ­allem einen langen Atem. «Die grösste Herausforderung war es, geeignete Mitarbeiter zu finden», erzählt er. Über die Jahre gelang es ihm, dem Wessi, hier Vertrauen aufzubauen. «Wer ein gutes Team um sich herum hat», sagt Kuhnle, «der schafft alles.»

Doch um die Mittagszeit kauen die erfolglosen Fischer jetzt missmutig Salamibrote. Und durchpflügen dann den ganzen Nachmittag lang die Müritz. Arne halluziniert ständig Hechte, die am Köder knabbern. Kuhnle dagegen wird auf seinem Klappstuhl immer stiller. Kein einziger Biss, geschweige denn ein Fisch. So nachhaltig und ressourcenschonend hat sich niemand den Fangtag gewünscht.

Der letzte Trumpf

Wieso beisst keiner an? «Zu wenig Wind», sagt Rinow. «Nicht nur wir haben mangels Wellen beste ­Sichtverhältnisse», erklärt er. «Auch die Fische.» So entdecken sie die Angelschnur. Sie fischen und warten – ohne Erfolg. Als sich der abendliche Himmel rosa verfärbt, nehmen die drei wieder Kurs auf Rechlin. Dort, im heimatlichen Hafen, zieht ­Rinow seinen letzten Trumpf: In hohem Bogen wirft er Maiskörner ins Wasser. Hechte kann man so nicht anfüttern, aber Karpfen, Rotaugen und Rotfedern. Als Köder lässt der Trainer Maden auf die Haken spiessen, besondere Leckerbissen für diese Fische.

Schweigend sitzen die drei Fischer auf den Klappstühlen. Nichts rührt sich. Nach einer Stunde zieht Kuhnle die Angelschnur seufzend ein. Feierabend. Auf den ersten selbst gefangenen Fisch muss er weiter warten. Nicht jedes Projekt glückt sofort, weiss der Geschäftsmann. Er lehnt die Fischerrute an die Kabinenwand, zieht das Smartphone aus der ­Hosentasche und vertieft sich in E-Mails.

Da zerreisst ein Freudenschrei die Stille. An der Rute des sechsjährigen Arne zappelt ein Fisch! Eine Rotfeder, erkennt Rinow an den rötlichen Flossen. «Dick und fett», jubelt Arne. Während Rinow dem Buben hilft, die Beute mit dem Kescher zu landen, holt Bootskönig Kuhnle schon mal den Campinggrill aus der Kajüte. Anerkennend klopft er Arne auf die Schulter. Ein gutes Team schafft eben alles. Sogar fischen.

Bilder Mit Harald Kuhnle 
in einem Boot

www. seenplatte.derbund.ch

Die Seenplatte ist eine verträumte Landschaft mit mehr als tausend Seen: Schiffshäuser in Mirow.

Premiere: Harald Kuhnle (l.) versucht sich erstmals im Fischen. Fotos: Malte Jäger (Laif)

«Nur Schiffe aus Holz haben eine Seele», sagt Harald Kuhnle.

Anreise: Flug nach Berlin. Weiter per Zug innert zwei Stunden nach Mirow und dann mit dem Taxi in 15 Minuten nach Rechlin.

Für Hobbykapitäne und -angler: Bei Kuhnle-Tours in Rechlin können diverse Hausboote wochen- und tageweise gemietet werden. 
Eine Woche im Kormoran 940 (für fünf Personen) kostet umgerechnet 1000 Franken, hinzu kommen etwa 190 Franken Benzinkosten. Ein Motorbootführerschein ist für diesen Schiffstyp nicht erforderlich. Zweitägige Hausboottouren mit Angellehrer kosten ab ca. 200 Franken pro Person. 
Tel. 0049 398 232 660, www.kuhnle-tours.de

Allgemeine Informationen: 
 www.mecklenburgische-seenplatte.de 
www.auf-nach-mv.de

Erstellt: 13.07.2015, 00:49 Uhr

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