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Brotz zur Rassismus-«Arena» «Wir haben einige Dinge falsch angepackt»

Nach dem Eklat von vergangener Woche: «Arena»-Host Sandro Brotz nimmt Stellung zur Kritik und erklärt, wie das Format für die Sendung am Freitagabend umgestaltet wird.

Führt die Diskussion für einmal an einem runden Tisch: «Arena»-Host Sandro Brotz.
Führt die Diskussion für einmal an einem runden Tisch: «Arena»-Host Sandro Brotz.
Foto: SRF

Sandro Brotz und das «Arena»-Team nehmen noch einmal Anlauf: Am Freitagabend wird eine zweite Sendung produziert, die das Thema Rassismus in der Schweiz und die Alltagserfahrungen von People of Color in den Fokus rückt. Dafür hat Brotz «ausschliesslich schwarze Menschen» eingeladen, wie er am Mittwoch via Twitter verkündete.

Das Gesprächssetting wird dabei neu ausgerichtet: Gemäss Vorab-Info von SRF wird an einem runden Tisch diskutiert und nicht wie gewohnt an Stehpulten.

Herr Brotz, warum der runde Tisch?

Der runde Tisch ist keine neue Erfindung, sondern kam in der «Arena» zuletzt im September 2017 nach den gescheiterten Vorlagen zur AHV 2020 und der Unternehmenssteuerreform III sowie im November 2018 bei einer Diskussion über den Europarat zum Einsatz. Das ist mir bereits am Wochenende durch den Kopf gegangen, und da war mir schnell klar: Wenn, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, in einem anderen Setting einen neuerlichen Anlauf zum Thema Rassismus zu nehmen. Die Chefredaktion hat mich dabei unterstützt.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Gäste für die aktuelle Sendung verfahren?

Wir haben schon vor der ersten «Arena» über Rassismus nicht nur mit möglichen Gästen, sondern – wie übrigens vor jeden anderen Sendung – auch mit vielen Organisationen und Beratungsstellen gesprochen. Das haben wir diese Woche ebenfalls wieder getan. Der Entscheid über die Auswahl der Gäste liegt bei der Redaktion, aber wir haben die vielen Hinweise auf mögliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer gerne entgegengenommen.

Jetzt sind in der zweiten Sendung zum Thema Rassismus «ausschliesslich Schwarze» eingeladen. Wieso haben Sie das nicht schon in der ersten Sendung gemacht?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Wir haben einige Dinge falsch angepackt, aber manchmal muss man scheitern, um es besser zu machen.

Muss die Besetzung der Talkrunde in der «Arena» zwingend in Pro und Contra aufgeteilt sein?

Im Grundsatz ja. Aber ich anerkenne, dass wir bei dieser Thematik an eine Grenze gekommen sind. Nicht, was die Ausgewogenheit betrifft, aber inwiefern wir den eigenen Ansprüchen genügend gerecht werden können. Wir packen es nochmals an – in einer Hauptrunde mit ausschliesslich schwarzen Menschen und in einem anderen Setting.

Geht das SRF nicht vor den Forderungen schwarzer Aktivisten in die Knie, wenn es sich die Zusammensetzung der «Arena» diktieren lässt?

Wir haben uns die Zusammensetzung nicht diktieren lassen. Mein Wunsch war von Beginn an, zwei Teilnehmerinnen aus der ersten Runde dabei zu haben – weil sie die umstrittene Sendung miterlebt haben. Alle anderen Gäste haben wir – wie immer – selbst angefragt und ausgesucht. Ich freue mich, dass sie unsere Einladungen angenommen haben.

Offenbar haben viele People of Color vor der ersten Sendung eine Teilnahme abgesagt. Hat das bei Ihnen nicht Alarm ausgelöst?

Es trifft zu, dass wir Absagen hatten. Weil ich nicht auf die Bedingung eingehen konnte und wollte, dass die SVP nicht daran teilnehmen soll. Im Grundverständnis war, ist und bleibt die «Arena» eine Sendung, in der kontroverse Meinungen mit demokratisch legitimierten politischen Kräften debattiert werden. Wir haben nach dem brutalen Tod von George Floyd und den Black-Lives-Matter-Kundgebungen – auch in der Schweiz – das zentrale Thema der Woche aufgenommen. Wir wollten ein Zeichen setzen, Rassismus auch hierzulande ernst zu nehmen. Dabei hatten wir bestimmt nicht die Absicht, dass sich Opfer von Rassismus beweisen müssen. Ich verstehe aber das Dilemma dahinter: Es geht nicht darum, ob es Rassismus in diesem Land gibt – es gibt ihn –, sondern darum, wie er bekämpft werden kann und muss. Diesen Ansatz werde ich bei der zweiten «Arena» noch mehr in den Fokus stellen.

Waren die Absagen ein Hinweis darauf, dass die Gesprächskultur der «Arena» an sich problematisch ist?

Nein, das sehe ich nicht so. Aber wir haben die Kritik – bezogen auf das emotional sehr aufgeheizte Thema Rassismus – verstanden und unsere Lehren daraus gezogen. Deshalb auch ein runder Tisch.

Wie blicken Sie heute zurück auf die Sendung von vergangener Woche?

Der Titel der Sendung war missglückt. Dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Und auch wenn wir insgesamt fünf schwarze Menschen im Studio oder per Schaltung in die Sendung eingeladen haben, bleibt die Wirkung gegen aussen eine andere und fokussiert sich auf die Hauptrunde. Ich kann die Kritik nachvollziehen und akzeptiere sie. Was mich aber auch nachhaltig beschäftigt, ist die zum Teil sehr gehässige Tonalität der vielen Rückmeldungen. Als Moderator einer kontroversen Politsendung muss ich damit umgehen und kann es auch – aber mein Team hat das nicht verdient.

«Eine persönliche Erkenntnis ist für mich, noch besser zuzuhören und noch besser zu verstehen.»

Braucht es bei diesem Thema überhaupt einen Moderator, noch dazu einen weissen?

Die publizistischen Leitlinien von SRF verpflichten alle Mitarbeitenden zu einer unabhängigen und sachgerechten Berichterstattung. Diese Leitlinien unterscheiden nicht zwischen Geschlecht oder Hautfarbe, nicht zwischen schwarz oder weiss. Die journalistischen Grundregeln sind für alle gleich. Es wäre nicht konsequent, wenn ich mich jetzt im letzten Moment der Kritik in der Sendung nicht stellen würde.

Kann man aus der ersten Sendung lernen, dass das SRF generell Mühe hat, Rassismus und Strukturen der Benachteiligung zu diskutieren, weil man Themen auf zu weisse und zu institutionelle Art behandelt?

Wir gehen bei jedem Thema nach journalistischen Grundsätzen vor. Ich denke nicht, dass wir generell Mühe haben, uns mit Rassismus auseinanderzusetzen. Weil es ihn in der Schweiz gibt – das ist unumstritten. Aber eine persönliche Erkenntnis ist für mich schon, noch besser zuzuhören und noch besser zu verstehen, wie schwarze Menschen die Debatte über Rassismus empfinden und welche Lösungsansätze sie sehen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Aufzeichnung am Freitag?

Ich spüre den Druck, keine Frage. Aber ich habe mich dazu entschlossen, das wichtige Thema Rassismus nochmals anpacken zu wollen und es besser zu machen. Wenn wir am Schluss im Studio zur Erkenntnis kommen, dass es eine konstruktive Diskussion war, bin ich einigermassen zufrieden. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass wir es nicht allen recht machen können. Aber das ist auch nicht mein Antrieb als Journalist. Ich will besser verstehen.

Die Vorgeschichte

Die «Arena» von vergangener Woche führte zum Eklat: Kritisiert wurde insbesondere die Zusammensetzung der Talkrunde – drei weisse Gesprächsgäste und nur ein Vertreter der schwarzen Community nahmen in der vorderen Debattierreihe neben Moderator Brotz an den Stehpulten Platz. Titel der Sendung war aber: «Jetzt reden wir Schwarzen». Schon im Vorfeld distanzierten sich People of Color via Social Media von der Umsetzung. Bei der Ombudsstelle der SRG gingen in der Folge über 130 Beschwerden ein – und Brotz versprach eine zweite Sendung.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Die «Arena» dieser Woche läuft unter dem Titel «Jetzt sitzen wir an einen runden Tisch» und wird Freitag, 19. Juni 2020, um 22.25 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.