Wenn Börsenhändler die Kontrolle abgeben

Hintergrund

Computersysteme handeln an der Börse mit Milliardenbeträgen – ohne dass Menschen den Durchblick haben, was sich im Innern der Systeme wirklich abspielt.

Vielleicht bald ein überflüssiger Job: Händler an der New Yorker Börse.

Vielleicht bald ein überflüssiger Job: Händler an der New Yorker Börse.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Wenn es um Geschwindigkeit und grosse Mengen an Information geht, so sind Computer den Menschen meist überlegen. So auch an der Börse: In den Rechenzentren global tätiger Grossbanken stehen Flotten von Hochleistungscomputern, die im Zeitraum von Millisekunden Marktdaten auswerten, Gewinnchancen ausrechnen und lohnende Kaufs- und Verkaufsorder an der Börse platzieren.

An den grossen Börsen wie New York und London macht der computergesteuerte Hochfrequenzhandel mittlerweile über zwei Drittel des gesamten Ordervolumens aus, sagt der Basler Wirtschaftsprofessor Dietmar Maringer. In Europa sei das Volumen etwas geringer, in der Tendenz aber steigend. Je grösser der Markt für ein bestimmtes Wertpapier sei, desto eher kämen die vollautomatischen Systeme zum Einsatz. Besonders verbreitet sind sie im Devisen- und Aktienmarkt, aber auch im Handel mit Obligationen und Rohstoffen nimmt ihr Stellenwert zu.

Wenn Schmetterlinge einen Tornado auslösen

Im Hochfrequenzhandel werden selbst kleinste Gewinnmargen von einem Hundertstel Rappen ausgenutzt. Der Profit entsteht dabei über die Menge: Indem Millionen von Transaktionen ausgeführt werden, werden grosse Umsätze erzielt und – unter Einsatz der richtigen Algorithmen – auch grosse Gewinne. Wie diese Algorithmen genau funktionieren, bleibt den Händlern oft verborgen. Denn die Computerprogramme eruieren selbst, welche Handelsstrategie Erfolg versprechend ist und deshalb angewendet wird.

Dass im computergenerierten Handel 49 Prozent der Transaktionen Verlustgeschäfte sind, spielt dabei keine Rolle – solange sich die restlichen 51 Prozent der Transaktionen lohnen. Wie viel Gewinn im Hochfrequenzhandel wirklich erzielt wird, weiss jedoch niemand genau. Denn grosse Händler bauen unter sich sogenannte «Dark Pools» auf: vernetzte Handelsplattformen, bei denen die Teilnehmer nicht ins Orderbuch sehen und auch nicht über die Order der anderen Mitbewerber Bescheid wissen.

Je grösser das Umsatzvolumen in einem Markt ist, desto stabiler verhalten sich die Preise, sagt die Theorie. Doch in der Praxis sieht es oft anders aus, erklärt Maringer: «Im Hochfrequenzhandel kann es zu gefährlichen Schmetterlingseffekten kommen. Denn die Systeme reagieren auf kleinste Bewegungen. Im Extremfall kann ein einziger Kaufs- oder Verkaufsauftrag starke Preisbewegungen am Markt auslösen.»

Auch Menschen machen Fehler

Das von Maringer beschriebene Szenario ereignete sich im Mai des letzten Jahres an der New Yorker Börse. Damals stürzte der Dow Jones innerhalb von Minuten um über 900 Punkte ab. Über den Auslöser für diesen «Flash-Crash» ist sich die Börsenwelt noch immer nicht im Klaren. Als gesichert gilt jedoch, dass der Hochfrequenzhandel den Preissturz zumindest verstärkt hat. Denn die Computeralgorithmen haben vielfach untere Grenzwerte einprogrammiert, bei denen bestimmte Titel automatisch verkauft werden – was den Preissturz wiederum beschleunigt.

Dass «Algo-Trading», wie es im Börsenjargon genannt wird, auch für den kürzlich erfolgten Preissturz von Silber, Kupfer und anderen Rohstoffen verantwortlich ist, hält Maringer aber für unwahrscheinlich: «Im Rohstoffhandel ist der Hochfrequenzhandel vergleichsweise wenig verbreitet. Zudem werden Preisverzerrungen, die von Algorithmen ausgelöst wurden, häufig ebenso schnell korrigiert, wie sie entstanden sind.» Beim Silberpreis ist dies nicht der Fall: Auch eine Woche nach dem Verfall ist der Kurs nicht wieder angestiegen.

DerBund.ch/Newsnet

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